Über mein Ende will ich selbst entscheiden

Über mein Ende will ich selbst entscheiden

Wenn Harald und Jürgen, beide schwerstkrank, ihr Leben nicht mehr ertragen können, wollen sie die Freiheit haben, es zu beenden. Doch das wird nicht ohne fremde Hilfe gehen. Darüber, ob unsere Gesetze das zulassen, wird zurzeit heftig gestritten – auch vor Gericht. Die Debatte um die Sterbehilfe ist in vollem Gange.

Jürgen (50) ist nach einem Hirnstamminfarkt komplett gelähmt. Es geschah von einer Sekunde auf die andere. Aus dem sportlichen Mann wurde ein Schwerstbehinderter, der seither kaum mehr als den Kopf bewegen kann. Er war damals 36 Jahre alt. Heute kann Jürgen mit dem Kinn seinen Rollstuhl steuern und mit einem Punkt auf seiner Brille seinen Computer. Was aber, wenn ihm z.B. die Blase entfernt werden müsste, wenn er noch mehr eingeschränkt würde? Das wäre für ihn die Grenze.

Jürgen erlitt 2004 einen Hirnstamminfarkt, seither ist er vom Hals an gelähmt.

Jürgen erlitt 2004 einen Hirnstamminfarkt, seither ist er vom Hals an gelähmt.

Auch Harald (48) braucht rund um die Uhr Betreuung. Er leidet unter Multipler Sklerose. Die Krankheit verlief in schweren Schüben. 2005 konnte er noch laufen, heute nur noch den Kopf bewegen. Er hat alles verloren: seine Freundin, die Musik, den Beruf. Seine größte Angst: „Was kommt als nächstes? Kann ich nicht mehr schlucken? Kann ich normal Nahrung zu mir nehmen? Und dann ist das Verlangen auch ganz groß, dass ich einen Notausgang brauche.“

Harald hat MS. Er sitzt im Rollstuhl und ist fast völlig gelähmt.

Mit einer Kinnsteuerung kann Harald seinen Rollstuhl bewegen.

Der Notausgang schien in greifbarer Nähe als im März 2017 das Bundesverwaltungsgericht in Leipzig zu einem Aufsehen erregenden Urteil kam: Das Gericht entschied in letzter Instanz, dass der Staat schwer und unheilbar kranken Menschen in extremer Notlage ein Betäubungsmittel für einen risiko- und schmerzfreien Suizid nicht verwehren dürfe. Harald hat sich an den Rechtsanwalt Prof. Robert Roßbruch gewandt, der seit Jahren in der Deutschen Gesellschaft für Humanes Sterben (DGHS) für die Patientenautonomie am Lebensende streitet. Roßbruch beantragt für Harald und andere Schwerstkranke ein todbringendes Betäubungsmittel beim Bundesinstitut für Arzneimittel in Bonn. Ein Jahr vergeht – dann zerstört ein Schreiben aus dem Gesundheitsministerium Haralds Hoffnung.

Palliativmediziner Dr. Benedikt Matenaer besucht Jürgen zu Hause.

Palliativmediziner Dr. Benedikt Matenaer besucht Jürgen zu Hause.

Auch Jürgen wollte dieses Mittel, doch ihn beschlich schnell das Gefühl, gegen Windmühlen anrennen zu müssen. Er hofft, dass im Fall des Falles sein Arzt Dr. Benedikt Matenaer ihm zur Seite stehen kann. Doch der Palliativmediziner ist verunsichert – wie viele andere Ärzte auch. Denn 2015 ist der Paragraph 217 StGB in Kraft getreten, der die „geschäftsmäßige“ Förderung der Selbsttötung unter Strafe stellt. Doch was heißt das konkret? Fallen unter diesen Paragraphen neben Sterbehilfevereinen auch Ärzte, die einem langjährigen Patienten bei einem solchen Schritt helfen würden? Die Drohung: Drei Jahre Haft. Mit anderen Medizinern hat Dr. Benedikt Matenaer deshalb Verfassungsbeschwerde gegen den § 217 eingelegt. Er will Klarheit.

Mit seinem Hund fährt Jürgen im Rollstuhl regelmäßig raus.

Mit seinem Hund fährt Jürgen regelmäßig raus.

Harald und Jürgen, zwei Schwerstkranke, kämpfen darum, das Selbstbestimmungsrecht über ihr Leben zu behalten – wozu für sie auch gehört, dem Ganzen ein Ende setzen zu können. Beide haben Angst vor der Zukunft – aber wer weiß, was kommt? Jürgens Leben verändert sich völlig unerwartet.

Autorin: Erika Fehse

Redaktion: Johanna Holzhauer

Stand: 21.03.2019, 09:52

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