Oliver, 44 Jahre, Analphabet

Oliver, 44 Jahre, Analphabet

Menschen hautnah 08.10.2020 43:53 Min. UT Verfügbar bis 08.10.2021 WDR Von Patrick Stijfhals

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Oliver, 44 Jahre, Analphabet

Mitternacht in Essen: Oliver M. ruft seine Schwester an. Er arbeitet bei einem Sicherheitsdienst und eine Fehlermeldung ist auf einem Monitor aufgetaucht. Buchstabe für Buchstabe diktiert er seiner Schwester die Wörter ins Telefon, denn Oliver kann den Text nicht lesen. Seine Arbeitskollegen um Hilfe bitten kann er nicht – sie wissen nichts von seinem Handicap. Wenn jemand davon erfährt, verliert er seinen Job. Dabei hat er sogar seinen LKW-Führerschein geschafft, weil er gelernt hat, sich vieles vom Zuhören zu merken.

Ich bin ja nicht dumm,“ sagt der 44-Jährige. „Ich kann nur nicht lesen!“ Wie ihm geht es 6,2 Millionen Erwachsenen in Deutschland, mehr als die Hälfte von ihnen sind deutsche Muttersprachler. Vielen gelingt es zwar wie Oliver M., einzelne Wörter oder kurze, einfache Sätze zu entziffern. Zusammenhängende Texte sind für sie trotzdem eine große Hürde – obwohl drei Viertel der Betroffenen sogar einen Schulabschluss haben und fast zwei Drittel von ihnen auch berufstätig sind. Ihre Umgebung erfährt oft nichts von der Leseschwäche: Die meisten haben Techniken und Tricks entwickelt, damit niemandem auffällt, dass sie die Speisekarten, Kinoprogramme, Gebrauchsanweisungen, Hinweise oder Behördenbriefe nicht lesen können.

Oliver, 44 Jahre, Analphabet

Oliver geht häufig auf die Halde vor seinem Haus zum Nachdenken.

Auch Oliver hat gelernt, seine Schwäche im Alltag zu verstecken, bestellt im Restaurant dasselbe wie sein Gegenüber oder tippt auf irgend eine Zeile in der Speisekarte. Er erfand Ausreden wie „Ich habe meine Brille vergessen“ oder diktierte Texte in sein Smartphone. Auf der Arbeit flog er damals auf und verlor seinen Job. Zu Hause hilft ihm sein ältester Sohn und wenn Oliver Behördenbriefe und ähnliche Schreiben bekommt, bittet er seine Schwester um Unterstützung. Seit fünf Jahren belegt Oliver Alphabetisierungskurse an der Volkshochschule. Sein großes Ziel: Er will, dass seine eigenen vier Kinder die Schule abschließen – und hadert mit sich, weil er ihnen dabei so wenig helfen kann. Er macht sich Sorgen, weil sie schlechte Noten nach Hause bringen und will unbedingt, dass sie sich mehr anstrengen, um einen besseren Start ins Leben zu haben als er selbst. Eines aber, sagt er, ist schon geschafft: Lesen – das können seine Kinder.

Ein Film von Patrick Stijfhals
Redaktion: Gudrun Wolter

Stand: 02.09.2020, 13:13

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