Ich weiß nicht mal wie er starb - Wie ein Pflegeheim zur Corona-Falle wurde

"Ich weiß nicht mal, wie er starb": Wie ein Pflegeheim zur Corona-Falle wurde

Menschen hautnah 22.10.2020 44:01 Min. UT Verfügbar bis 22.10.2021 WDR Von Arnd Henze, Sonja Kättner-Neumann

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Ich weiß nicht mal wie er starb - Wie ein Pflegeheim zur Corona-Falle wurde

Innerhalb weniger Tage infizierten sich in diesem Frühjahr 112 Bewohnerinnen und Bewohner des Wolfsburger Hanns-Lilje-Heims mit Corona, 47 von ihnen starben. Auch viele Pflegekräfte erkrankten.

In der Öffentlichkeit entstand das Bild vom „Horrorheim“, die Staatsanwaltschaft nahm Ermittlungen auf. In einer aufwendigen Recherche rekonstruieren Arnd Henze und Sonja Kättner-Neumann die tragischen Wochen vor Ostern.  

Über mehrere Wochen konnte das Autoren-Team Pflegekräfte im Schichtdienst in den für Besucher immer noch gesperrten Wohnbereichen begleiten. Sie sprachen mit Angehörigen von Verstorbenen und von Überlebenden, mit Ärzten, dem Wolfsburger Oberbürgermeister als Leiter des Krisenstabes und mit Medizinethikern.

Dramatische Entscheidungen, Überforderung und Kampf ums Leben

Viele der Beteiligten sind noch immer traumatisiert – von dramatischen Entscheidungen im Blindflug, der permanenten Überforderung und dem oft vergeblichen Kampf um das Leben der Erkrankten, von den Kontaktverboten und nicht zuletzt von den rigiden Isolationsmaßnahmen zum Schutz der Bewohner*innen. Denn niemand konnte den Menschen im Heim begreiflich machen, warum sie plötzlich von Pflegekräften in Raumanzügen in ihre Zimmer eingesperrt wurden. „Ich habe mich wie eine Gefängniswärterin gefühlt“, erzählt eine Pflegerin.

Noch immer sucht das Heim einen Weg zurück in einen Alltag unter Corona-Bedingungen. Das Betretungsverbot gilt während der Dreharbeiten immer noch, Besuche sind nur unter strengen Hygieneauflagen auf dem Außengelände erlaubt – Einschränkungen, die den Kontakt mit den dementiell Erkrankten für die Angehörigen kaum erträglich machen. Umso größer ist die Sorge vor dem Winter und einer zweiten Welle. „Ein Krieg ist irgendwann vorbei – Corona hört nicht auf“, sagt eine Pflegerin aus Kroatien, die als Kind einst vor dem Krieg in ihrer Heimat nach Niedersachsen geflüchtet war.

Sandra Höfert am Grab ihres Vaters

Sandra Höfert hat ihren Vater im Hanns-Lilje-Heim verloren: „Ich weiß nicht mal, wie er starb.“

Widersprüchliche Erfahrungen, Dankbarkeit und Wut
Die Dokumentation vermittelt einen exklusiven Einblick in die oft widersprüchlichen Erfahrungen der Betroffenen dieser Katastrophe. So entsteht ein Bild, in dem Dankbarkeit für das Engagement der Pflegekräfte und hilflose Wut über das einsame Sterben von Verwandten nebeneinander stehen. Fehler und Versäumnisse werden benannt, ohne zu verurteilen. Denn wichtiger als die Suche nach Schuldigen ist die Frage: Welche Lehren lassen sich aus den Erfahrungen von Wolfsburg ziehen? Was muss getan werden, damit der Schutz vor dem Virus nicht zum sozialen Tod in Einsamkeit führt?

Autoren: Arnd Henze und Sonja Kättner-Neumann

Redaktion: Christiane Mausbach (WDR)

Stand: 08.10.2020, 22:45

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