Heute euphorisch, morgen depressiv - Arno ist bipolar

Heute euphorisch, morgen depressiv – Arno ist bipolar

Menschen hautnah 14.03.2019 43:32 Min. UT Verfügbar bis 14.03.2020 WDR Von Pia Huneke und Yves Schurzmann

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Heute euphorisch, morgen depressiv - Arno ist bipolar

Arno W. leidet an einer bipolaren Störung – seine Stimmung schwankt zwischen himmelhochjauchzend und zu Tode betrübt. Seit mehr als 15 Jahren stellt die Krankheit sein Leben immer wieder komplett auf den Kopf.

Als die Menschen hautnah-Autoren Arno kennen lernen, ist er in einer manischen Phase. Da wirkt er wie ein leicht überdrehter, freiheitsliebender, kreativer Künstlertyp. Er spricht offen über seine bipolare Störung, aber er selbst empfindet sich nicht als krank: „Also ich würde es auch nie als krank bezeichnen, sondern als eine Range, die meines Charakters, meiner hormonellen Versorgung im Kopf entspricht.“ Er fühlt sich von seinen Eltern verfolgt und ist deswegen in einem Schrebergarten untergetaucht: „Ich habe Angst davor, von meinen Eltern in die Psychiatrie gebracht zu werden. Oder, von meinen Emotionen weggehalten zu werden und dann meiner Krankheit ausgesetzt zu werden. Der Kranke zu sein. Stigmatisiert zu werden.


Wann die übersteigerten Stimmungsschwankungen kommen, ist nicht vorhersehbar. Es gab schon Jahre, in denen Arno krankheitsfrei war und dann wieder wechseln Depression und Manie in kürzerer Zeit. In der manischen Phase ist Arno besonders aktiv und euphorisch. Er redet viel, ist sehr kontaktfreudig, braucht kaum Schlaf, lässt sich durch die Stadt treiben, will sein Leben intensiv spüren und genießen. Bei seinem Ego-Trip denkt er selten an ein Morgen.

Irgendwann verlässt Arno den Schrebergarten. Die Eltern wissen oft nicht, wo er ist. Die letzte Nachricht kommt aus Berlin – da klingt Arno bereits sehr verwirrt und fühlt sich von der Polizei verfolgt. Dann bricht der Kontakt zu ihm ab. Seine Eltern geben die Hoffnung fast auf und beginnen; sich damit auseinander zusetzten, dass sie ihren Sohn dieses Mal vielleicht nicht mehr lebend wieder sehen.

Bis er sich eines Tages meldet: aus der Psychiatrie. Er will den Kontakt zu seinen Eltern wieder suchen. Die haben sich monatelang Sorgen um ihren Sohn gemacht. Mal wussten sie gar nicht, wo er ist und was er macht. Dann wiederum terrorisierte er sie vor allem mit nächtlichen Telefonanrufen. Sein Vater erzählt: „Das war die längste Phase, die ich je erlebt habe und auch die extremste Phase. Mit extremen Beschimpfungen. Die Persönlichkeit ist absolut weg. Es ist ein ganz anderer Mensch!

Nun zieht Arno, der nach dem Psychiatrieaufenthalt wohnungslos ist, zurück zu seinem Vater. Die Mutter wohnt ein paar Autokilometer entfernt. Beide stehen ihm zur Seite. Mit 40 Jahren hat Arno die bislang längste manische Phase hinter sich. Er hat keine Arbeit, Schulden, keine eigene Wohnung und scheut den Kontakt zu alten Freunden und Bekannten. Er fühlt sich völlig energielos und weiß, die Depression wird kommen. Wie lange wird sie ihn diesmal außer Gefecht setzen?

Menschen hautnah hat Arno und seine Eltern 1 ½ Jahre auf dem Weg raus aus der Krankheitsphase und dem Ringen nach so etwas wie „Normalität“ begleitet. Sie geben einen Einblick in ein Leben mit einer der häufigsten psychiatrischen Erkrankungen in Deutschland, von der Arno stark betroffen ist. Jeder sechste bipolar Erkrankte nimmt sich das Leben, schätzt die Deutsche Gesellschaft für Bipolare Störungen. Auch Arno hat vor vielen Jahren versucht, sich in einer depressiven Phase umzubringen: „Und jetzt muss man versuchen, dass ich zumindest nicht mehr in so tiefe Depressionen gerate, dass es so weit kommt“, erzählt er.

Ein Film von Pia Huneke und Yves Schurzmann
Redaktion: Nicole Kohnert

Stand: 04.02.2019, 13:13

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