Artisten ohne Applaus - wie der Chinesische Nationalcircus ums Überleben kämpft

Artisten ohne Applaus: Wie der Chinesische Nationalcircus ums Überleben kämpft

Menschen hautnah 15.04.2021 43:13 Min. UT Verfügbar bis 31.12.2099 WDR Von Gesine Enwaldt


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Artisten ohne Applaus - wie der Chinesische Nationalcircus ums Überleben kämpft

100 Auftritte in 85 Städten - die Europatournee des Chinesischen Nationalcircus stand. Die Hallen und Theater für die neue Show „China Girl“ waren gebucht.

Die Weltpremiere in Prag bereits ausverkauft. Und dann kam Corona.

Stromabriss. Alles gecancelt. Seit März letzten Jahres gab es nicht einen einzigen Auftritt für uns,“ sagt Produzent Raoul Schoregge. Seitdem kämpfen er und seine Frau Nadine um das Überleben ihres bislang erfolgreichen Unternehmens. „Wir haben für 2020 mit einer Million Euro Umsatz gerechnet. Das hat sich alles in Luft aufgelöst.“

Eine Frau und ein Mann sitzen an einem Schreibtisch und schauen auf einen Computerbildschirm.

Nadine (l) und Raoul Schoregge kämpfen sich durch die komplizierten Förderanträge, um Kompensation vom Bund für ihre Verluste zu beantragen.

Mit dem verordneten Stillstand beginnt für die Schoregges eine hektische Betriebsamkeit. Wie hält man eine ausgebremste Artisten-Truppe auf Standby und bei Laune? Ein Kern-Ensemble von 15 Leuten wartet darauf, dass es weitergeht. Zehn davon sind chinesische Artisten, allesamt Mitglieder hochprofessioneller Artistentruppen aus Tianjin, Shenyang oder Hunan. Jetzt sind sie alle gestrandet in Havixbeck in Westfalen. Denn dort hat der Chinesische Nationalcircus seinen Standort mit Trainingshalle und Unterkünften, dort leben Raoul und Nadine Schoregge und von dort organisieren sie die Tourneen des Chinesischen Nationalcircus.

Täglich treffen sich die Artisten, trainieren oder erfinden neue Tricks und Nummern, versuchen so zu tun als ginge es bald wieder los.  Abends kochen und essen sie gemeinsam in dem großen Wohnhaus, das Raoul Schoregge für sie angemietet hat. „Wir helfen und unterstützen einander “, sagt die Schlangenfrau und Choreographin Qing Qing. „Wir sind wie eine große Familie, ohne diese Kraft würde ich das gar nicht aushalten.“ 

Zwei Frauen besprechen ein Arbeitsblatt.

Die Choreografin Qing Qing Sun (r) nutzt die Pandemie, um in der Volkshochschule in Münster Deutsch zu lernen.

Sie nutzt die Zeit, um Deutsch zu lernen in der Volkshochschule Münster. Für ihre zwei kleinen Töchter sind rosige Zeiten angebrochen. Ihre Mutter und ihr Vater, der Vasenjongleur Liu Ven Long, haben mehr als genug Zeit für sie. Bei den Proben sind die Mädchen dabei – einen besseren Spielplatz gibt es kaum.

Währenddessen kämpfen sich Raoul und Nadine Schoregge durch komplexe staatliche Förderanträge, demonstrieren in Berlin gemeinsam mit der verzweifelten Veranstaltungsbranche. Sie organisieren Proben, damit ihre neue Show „China Girl“ in den Köpfen der Künstler bleibt und sie ihre Motivation nicht verlieren. Sie treffen ihre Investoren und Geschäftspartner zu Krisengesprächen, immer mit der Frage: Wie lange halten wir noch durch?

Ein halbes Jahr begleitet Filmemacherin Gesine Enwaldt den Chinesischen Nationalcircus durch die Pandemie.

Ein Film von Gesine Enwaldt
Redaktion: Britta Windhoff

Stand: 17.03.2021, 12:11

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