Heimat gibt man nicht auf: Leben nach der Flut

Bewegende Dokus aus dem Hochwasser-Gebiet 14.07.2022 43:34 Min. UT Verfügbar bis 31.12.2099 WDR Von Marion Försching, Jörg Laaks und Esat Mogul

Heimat gibt man nicht auf: Leben nach der Flut

Stand: 30.05.2022, 11:09 Uhr

Ein Jahr ist vergangen, seit in der Nacht vom 14. auf den 15. Juli 2021 die
Hochwasserkatastrophe über den Westen Deutschlands hereinbrach. Bäche, Flüsse und Seen traten über die Ufer, Fluten durchbrachen Dämme, Häuser
stürzten ein. Mehr als 180 Menschen verloren ihr Leben.

Reporterinnen und Reporter haben Betroffene in Erftstadt-Blessem, Bad
Münstereifel und Dernau – stellvertretend für die vielen anderen Flutopfer im Land – ein Jahr lang mit der Kamera begleitet. Sie haben ihre Verzweiflung, ihre Aufräumarbeiten, ihre Hoffnung und ihren Neuanfang ganz nah erlebt und blicken mit ihnen zum Jahrestag noch einmal zurück auf ihr Leben nach der Katastrophe.

Überreste einer Bahnstrecke.

Überreste der Bahnstrecke in Dernau. Es wird noch Jahre dauern, bis der Ort wieder hergestellt ist.

Das Haus, in dem Sylvia und Christian Schauff in Erftstadt-Blessem gewohnt
haben, wurde von einem Erdrutsch weggerissen. Das Ehepaar konnte sich und ihre beiden Haustiere in letzter Minute retten. „Wir haben nichts mehr, wir haben jedes Erinnerungsstück verloren“, erzählt Christian Schauff. Als Wassermassen den Hof von Christin Vongerichten und ihrem Mann in der Nähe von Bad Münstereifel fluten, stehen 40 Pferde plötzlich im Wasser. Unter Einsatz seines Lebens holt das
Ehepaar die Tiere aus den Boxen und bringt sie auf einem Berg in Sicherheit. Die Pferdekoppeln sind zerstört, die Reithalle einsturzgefährdet, die Ställe
weggeschwemmt, das Wohnhaus geflutet, eine Wand einfach weggebrochen. Ihre Existenz steht vor dem Aus. Die Reben von Weinbauer Helmut Gieler und seiner Ehefrau Martina in Dernau an der Ahr haben das Hochwasser zum großen Teil überlebt. Sie liegen am Hang. Ihre Rebstöcke direkt am Fluss aber wurden zerstört, ihr Haus, mitten im Dorf, stand bis zum zweiten Stock unter Wasser. Ein Schaden, der in die Hunderttausende geht – und die Gielers waren nicht versichert.

Paar steht vor Pferdehof.

Thomas und Christin Vongerichten auf ihrem Pferdehof in der Nähe von Bad Münstereifel. Das Wasser hat alles zerstört – noch immer bauen sie wieder auf.

Auch in den vielen anderen Katastrophengebieten in NRW haben Menschen ihr
Zuhause verloren, ihre Erinnerungen und manchmal auch die Kraft, alles
wiederaufzubauen. Hoffnung gaben ihnen die unzähligen freiwilligen Hilfskräfte, die aus ganz Deutschland kamen, um Schlamm und wertlos gewordenes Inventar aus den Häuser zu schippen, Essen und Trinken zu verteilen oder einfach Trost und Hilfsgüter zu spenden.

Das Ehepaar Schauff aus Erftstadt hat noch immer mit dem Trauma der Flut zu kämpfen. In ihr altes Haus können sie nicht zurück, es wurde von der benachbarten Kiesgrube förmlich verschluckt. Der Pferdehof bei Bad Münstereifel soll
wieder aufgebaut werden. Christin Vongerichten hofft, dass die Versicherung alle Schäden übernimmt. Das Winzerehepaar Martina und Helmut Gieler hat ihr Haus mit Hilfe eines Kredites saniert und ist gerade wieder eingezogen. Geld von der Bundesregierung haben sie immer noch nicht bekommen.

Ein Paar blickt auf eine Kiesgrube.

Christian und Sylvia Schauff stehen an der Kiesgrube in Erftstadt. Hier war lange Jahre ihr Zuhause.

Die Katastrophe hat das Leben vieler Flutopfer verändert. Doch aufgeben, sagen die meisten Betroffenen in NRW und an der Ahr, kommt nicht in Frage. Heimat gibt man nicht auf.

Ein Film von Marion Försching, Jörg Laaks und Esat Mogul

Redaktion: Sophie Schulenburg und Gudrun Wolter

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