Pflegenotstand: "Der Fisch stinkt vom Kopf"

Der Sozialpädagoge und Autor Claus Fussek

Pflegenotstand: "Der Fisch stinkt vom Kopf"

Claus Fussek ist einer der schärfsten Pflegekritiker in Deutschland. Im Interview spricht er über den Unsinn des "Pflege-TÜVs" und erklärt, was dringend getan werden muss.

Claus Fussek ist Sozialarbeiter und Buchautor. Mit seinen Büchern "Es ist genug! Auch alte Menschen haben Rechte" (2013), "Im Netz der Pflegemafia: Wie mit menschenunwürdiger Pflege Geschäfte gemacht werden" (2008) und "Alt und abgeschoben. Der Pflegenotstand und die Würde des Menschen" (2007) wurde der 64-Jährige zu einem der profiliertesten Pflegekritiker in Deutschland.

WDR: Das Thema Pflege geht uns früher oder später alle an – sei es als Angehörige oder als Betroffene. Warum wird es so vernachlässigt?

Claus Fussek: Die Antwort suche ich seit Jahrzehnten. Mir fällt eigentlich nur ein, dass es eine kollektive Verdrängung ist. So machen wir es mit der Klimakatastrophe ja auch. Wir schauen weg, wir hoffen, dass es uns nicht trifft, obwohl – und das ist ja das eigentlich Gespenstische – wir alle Bescheid wissen. Jeder hat irgendjemanden in der Familie, der oder die pflegebedürftig ist, im Krankenhaus, Zuhause oder im Heim. Aber es passiert nichts.

WDR: Sie prangern seit Jahrzehnten Missstände an. Was hat sich zum Besseren verändert?

Fussek: Es gibt natürlich in der Pflegelandschaft gut geführte Einrichtungen und engagierte Pflegekräfte. Es gibt Familien, die sich kümmern, auch in Krankenhäusern gibt es positive Beispiele. Aber in der Gesamtsituation hat sich nichts verbessert.

Ganz im Gegenteil, es entwickelt sich eine große Dramatik in der Pflege. Weil die Belastungen so weit zunehmen, dass die guten, die engagierten Pflegekräfte den Beruf verlassen. Und weil wir weniger Personal haben, kommen zunehmend Menschen in den Beruf, die sich früher nie dafür entschieden hätten. Ich sage es mal zugespitzt: Menschen, die man im Tierpark nicht nimmt, weil ihnen die Empathie fehlt, gehen nun in die Altenpflege.

WDR: Sie sprachen von der kollektiven Verdrängung. Warum melden sich die nicht lauter zu Wort, die es nicht verdrängen können, weil sie betroffen sind?

Fussek: Die Frage stellt sich in der Tat. Würden sich die Pfleger, die Angehörigen und die ihnen anvertrauten, wehrlosen, pflegebedürftigen Menschen solidarisieren, dann hätten wir in diesem Land eine Lobby, eine Macht, da könnten sich alle Fluglotsen und Lokomotivführer verstecken.

WDR: 2008 wurde der "Pflege-TÜV" des MDK (Medizinischen Dienstes der Krankenversicherung) eingeführt. Hat der etwas bewirkt?

Fussek: Natürlich nicht! Weil der Pflege-TÜV nicht objektiv ist wie beim Auto. Wenn die Bremsen nicht funktionieren, darf man nicht weiterfahren. In der Pflege ist es anders: Sie können schlechte Leistungen mit irgendwelchen Banalitäten kompensieren, zum Beispiel mit einem gut lesbaren Speiseplan.

Übertragen auf den Auto-TÜV hieße das: Sie haben kaputte Bremsen, aber einen neuen Scheibenwischer und bestehen damit die TÜV-Kontrolle.

WDR: Es gibt ja fast nur Bestnoten beim Pflege-TÜV. Der bundesweite Gesamtnotenschnitt liegt bei 1,3.

Fussek: Mein verstorbener Freund Dieter Hildebrandt nannte das immer Realsatire. Die Pflege kollabiert und gleichzeitig haben wir Bestnoten der Superlative. Das geht auch soweit, dass wir sogar zu 100 Prozent zufriedene Bewohner haben!

Da sind alte, pflegebedürftige Menschen im Doppelzimmer, die man in Windeln packt, weil man keine Zeit hat, mit Ihnen auf Toilette zu gehen. Und dann befragt man sie, ob sie sich wohl fühlen. Ich nenne das nordkoreanische Zufriedenheits-Befragungen.

WDR: Der MDK Nordrhein erklärt selbst, die Note sehr gut gebe es bereits, wenn Mindeststandards erfüllt seien. Müsste man dann nicht alle anderen Heime schließen, die kein sehr gut bekommen?

Fussek: Genau. Aber Sie werden die Heime gar nicht schließen können, weil wir nicht wissen, wohin mit den Alten. Pflegekräfte schildern mir ihre dramatischen Arbeitsbedingungen: Sie sind zu zweit für 30 Schwerstpflegebedürftige, oder als einzige Nachtwache für 50 Menschen zuständig.

Die Quintessenz aus diesen Erkenntnissen heißt: Wenn sie jemand Pflegebedürftigen im Heim oder im Krankenhaus haben, müssen sie jeden Tag kommen und nachschauen. Sie müssen aufpassen, sie müssen helfen, sie müssen das Personal unterstützen. Das ist die unbequeme Wahrheit und die will niemand hören.

WDR: Was kann die Politik tun?

Fussek: Die Politik ist zunächst mal außen vor. Denn die Politik hat das Problem der Pflege-Selbstverwaltung übergeben. Die Politik darf sich noch nicht mal bei den Gehältern einmischen wegen der Tarifautonomie. Auch die Rahmenbedingungen, die Pflegeschlüssel, sind Aufgabe der Pflege-Selbstverwaltung.

Die Frage ist, ab wann die Politik sagt: Die Pflege-Selbstverwaltung hat versagt und wir müssen uns um die kümmern, die sich nicht wehren können.

WDR: Es gibt aber auch Lichtblicke in der Pflegelandschaft, nämlich gute Heime, wo Pflegebedürftige liebevoll versorgt werden.

Fussek: Ja, diese Einrichtungen gibt es und das hält mich auch aufrecht. Aber das macht die Diskussion noch bizarrer, weil die gut geführten oder normalen Pflegeheime sind nicht um einen Euro teurer als die schlechten. Die haben auch nicht mehr Personal, aber sie haben anderes Personal und eine andere Heimleitung. Dort sind die Pflegebedürftigen nicht untergebracht, sondern sie sind Gäste des Hauses.

Man geht offen und ehrlich mit Kritik und Beschwerden um. Die Pfleger und die Schüler in der Ausbildung werden gehegt und gewertschätzt. Durch Gesundheitsförderung, Supervision, Aus- und Weiterbildungen. Es gibt viele ehrenamtliche Angehörige, die sich kümmern. Man hat ein Frühwarnsystem in diesen Einrichtungen.

Und das Interessante ist, diese Häuser haben keinen großen Personalmangel, sie haben eine geringe Krankheitsquote, sie haben fast null Personalfluktuation. Selbstverständlich ist gute, menschenwürdige Pflege machbar. Aber man braucht die entsprechenden engagierten und kompetenten Menschen, die Verantwortung übernehmen.

WDR: Das heißt, ihrer Meinung nach muss bei den Heimleitungen angesetzt werden?

Fussek: Der Fisch stinkt vom Kopf. Wir sehen dort, wo intelligente, kreative und vor allem verantwortungsbewusste Heimleitungen sind, werden Probleme relativ schnell erkannt und beseitigt. Ich habe mal einen Leiter erlebt, der sagte: Wenn ich bis mittags um 12 keine Beschwerde auf dem Tisch habe, werde ich unruhig. Man betrachtet Beschwerden als Geschenk.

Es gibt dort keine schwierigen Angehörigen, keine Hausverbote, sondern man weiß, dass viele Angehörige besorgt sind oder ein schlechtes Gewissen haben. Man weiß, dass im Alter auch alte Rechnungen beglichen werden. Das ist eine ganz andere Haltung dort. Ich kann nur betonen: Die kochen alle nur mit Wasser.

Stand: 11.10.2017, 06:00

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