Ihre Meinung: Schlagen, schreien, hetzen – verroht unsere Gesellschaft?

Ihre Meinung: Schlagen, schreien, hetzen – verroht unsere Gesellschaft?

  • Viele Beispiele für Gewalt auf der Straße und im Internet
  • Lösungsansatz: Brauchen wir einen "Aufstand der Anständigen"?
  • Schwere Gewalt geht zurück, dafür mehr einfache Körperverletzungen

Was Joachim Lehmann aus Oberhausen vor kurzem in einem Bus erlebt hat, beschäftigt ihn noch immer. "Die Kontrolleure wurden angegangen, es hat sich eine richtige Schlägerei entwickelt, doch außer mir hat niemand eingegriffen", sagte der 56-jährige Kampfkunsttrainer am Donnerstag (15.12.2016) im WDR-Zuschauer-Talk "Ihre Meinung". Die anderen Menschen hätten die Schlägerei gefilmt. Für ihn sei das Verhalten unterlassene Hilfelassung gewesen, bestätigte der Oberhausener auf Nachfrage von Moderatorin Bettina Böttinger. In der Sendung wurde deutlich: Solche Beispiele gibt es viele.

Kutschaty: "Es geht um Zivilcourage"

Doch was sind die Ursachen? "Es gibt eine gewisse Gleichgültigkeit in vielen Bereichen unserer Gesellschaft – dazu gehört auch das Wegsehen", sagte NRW-Justizminister Thomas Kutschaty (SPD). "Es geht um Zivilcourage, wir müssen alle wachsam sein, aufmerksam sein und füreinander einstehen", ergänzte der Politiker und forderte einen "Aufstand der Anständigen".

Faktencheck bestätigt Rückgang schwerer Gewalt

In der Sendung machte Kutschaty deutlich, dass die Zahl der schweren Gewalttaten wie zum Beispiel Raub in vergangenen Jahren gesunken sei. Unserer Faktencheck bestätigt einen Rückgang um 16,8 Prozent: Laut Polizeilicher Kriminalstatistik gab es im Jahr 2007 den Höchststand mit 217.923 Fällen. 2015 waren es "nur noch" 181.386 Fälle. Die vorsätzlichen einfachen Körperverletzungen hingegen sind seit dem Jahr 2001 um 36,2 Prozent angestiegen.

Overbeck hat selbst über sein Verhalten nachgedacht

Franz-Josef Overbeck, Ruhrbischof, in der Sedung "Ihre Meinung", 15.12.2016

Ruhrbischof Franz-Josef Overbeck würde Aussage von 2010 nicht wiederholen

In der Sendung wurden nicht nur Ursachen für diese zunehmende Gewalt ergründet, sondern auch Lösungsansätze gesucht. Ruhrbischof Franz-Josef Overbeck vertrat die Auffassung, es sei sehr wichtig, miteinander zu reden. Bettina Böttinger hatte ihn zuvor auf einen Ausspruch von ihm aus dem Jahr 2010 angesprochen. Damals hatte der Bischof behauptet, dass Homosexualität "der Natur von Mann und Frau" widerspreche und eine Sünde sei. Diese Aussage würde er heute nicht mehr wiederholen, sagte er auf Nachfrage von Moderatorin Bettina Böttinger.

Mehrere Zuschauer waren während der Sendung der Meinung, dass viele Anzeigen wegen Beleidigung und Verleumdung nicht weiterverfolgt werden, da freie Meinungsäußerung gelte. Unser Faktencheck nach der Sendung ergab, dass es keine Erhebungen gibt, die solche Tendenzen bestätigen. Ebenso wurde gesagt, es habe sechs Verurteilungen nach der Kölner Silvesternacht gegeben. Das ist falsch, ergab der Faktencheck: Laut Staatsanwaltschaft Köln gab es bis heute 24 Verurteilungen, darunter drei wegen sexueller Übergriffe.

Neuer Tatort: Internet

Sehr deutlich wurde, dass das Internet zunehmend zu einem Tatort wird. Wie weit darf Meinungsfreiheit gehen? Das war eine Frage, die im Sendungsverlauf sehr kontrovers diskutiert wurde. "Eine Meinung muss man sich bilden, die meisten Menschen geben im Internet vor allem Bewertungen ab", sagte Tim Wolff, Chefredakteur des Satire-Magazins "Titanic". Bewertungen sind das eine, Hass-Sprache, Verleumdungen und Bedrohungen das andere. Dass vor Cybermobbing niemand sicher sei, sagte Rufmanager Christian Scherg: "Es gibt Fußballspieler, denen jedes Wochenende der Tod angedroht wird."

"Selbst in Bocholt gibt es einen solchen Hass"

Bocholter SPD-Chef Thomas Purwin bei "Ihre Meinung", 15.12.2016

Thomas Purwin: "Da war die Grenze erreicht"

Doch es trifft nicht nur Promis, sondern auch Ehrenämtler wie Thomas Purwin. Weil der SPD-Vorsitzende aus Bocholt Mord-Drohungen gegen sich, seine Partnerin und seine Tochter erhielt, legte er seine Ämter als Lokalpolitiker nieder. "Da war die Grenze erreicht", sagte Purwin in der Sendung. "Selbst in einer so beschaulichen Stadt wie Bocholt gibt es solchen Hass." Seinen Auftritt quittierte das Publikum mit Applaus.

Was können wir nun mitnehmen aus dieser vielstimmigen 90-minütigen Diskussionsrunde? Vielleicht trifft es die Aussage einer Zuschauerin, die zwischen Wissensbildung und Herzensbildung unterschied: "Was uns fehlt, hat etwas mit dem Herzen zu tun."

Stand: 16.12.2016, 07:00

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