Ihre Meinung: Sorgen, Streit, Beleidigungen – wie geht es weiter zwischen Deutschen und Türken?

Ihre Meinung: Sorgen, Streit, Beleidigungen – wie geht es weiter zwischen Deutschen und Türken?

  • Viele Meinungen zum deutsch-türkischen Wahlkampfstreit
  • Für Zuschauer eine Ursache: Unterschiedliche Mentalitäten
  • Eine mögliche Lösung: Besonnenheit könnte zur Versöhnung beitragen
  • Im Faktencheck: Aussagen zur türkischen Opposition, zur Armenien Resolution und zur PKK

Jenni Gröhlich ist Türkin, lebt im Sauerland – und sei dort voll integriert, sagte sie am Donnerstag (23.03.2017) im WDR-Zuschauer-Talk "Ihre Meinung" mit Moderatorin Bettina Böttinger: "Menden ist meine Heimat, dafür brauche ich noch nicht mal einen deutschen Pass", machte Gröhlich deutlich. Sie werde beim Referendum gegen das Präsidialsystem stimmen und kritisierte, wie Erdogan vor allem junge Menschen aufhetze.

Der aktuelle Wahlkampfkonflikt sei selbst in der Schule immer präsent, berichtete eine 17 Jahre alte Schülerin. Als Ursache für den Streit sieht sie unterschiedliche Mentalitäten.

Bosbach: Verwunderung über Wunsch nach Präsidialsystem

Ihre Meinung, Bettina Böttinger 23.03.2017

Über 100 Zuschauer waren zu Gast im Studio

Fest steht, dass der Wahlkampfstreit polarisiert – sowohl unter den Türkeistämmigen in Deutschland als auch zwischen Deutschen und Türken. Das wurde im Verlauf der 90-minütigen Sendung mit über 100 WDR-Zuschauern mehrfach deutlich. Nicht nur der CDU-Bundestagsabgeordnete Wolfgang Bosbach zeigte sich verwundert darüber, dass sich viele in Deutschland lebende Türken ein Präsidialsystem für die Türkei wünschten.

Zuschauer: Kritik an der Berichterstattung

Ein türkeistämmiger Zuschauer vom Edersee sagte, dass er Erdogan unterstützen würde. Doch weil der Vertriebsmitarbeiter einen deutschen Pass besitzt, ist das nicht möglich. Er kritisierte vor allem die Medien: "Mich stört, dass bestimmte Aspekte verkürzt dargestellt werden."

Faktencheck zur Opposition in der Türkei

Ihre Meinung, Bettina Böttinger, Bosbach, Yildiz, 23.03.2017

Yildiz und Bosbach vertraten ihre Meinung

Diese Meinung vertrat auch Haluk Yildiz, ein Vertreter der AKP nahen Partei BIG. Im gesamten Sendungsverlauf vertrat der Erdogan-Anhänger die Aussage, dass es im türkischen Parlament eine große Opposition ("50 Prozent") gebe. Unser Faktencheck kommt zu dem Ergebnis, dass Yildiz an dieser Stelle nicht präzise ist. Durch das Wahlsystem besitzt die AKP mehr als 57 Prozent der Sitze im Parlament. Zudem sind die türkischen Behörden seit dem Putschversuch im Juli 2016 gegen Mitglieder der zweitgrößten Oppositionspartei HDP vorgegangen. Ihr Parteivorsitzender Selahattin Demirtas wurde wegen "Beleidigung des Türkentums" verurteilt und inhaftiert.

Faktencheck zur Armenien-Resolution

Yildiz warf den Deutschen vor, die Türken zu unrecht des Massackers an den Armeniern durch die "Armenien-Resolution" des Bundestages bezichtigen. Ihm zufolge sei dieses Massacker nicht ausreichend belegt. Unser Faktencheck ergibt, dass sich – anders als von Yildiz dargestellt – viele angesehene Historiker einig sind: Im Jahr 2000 veröffentlichte etwa die New York Times einen Beitrag, in dem 126 Genozidforscher den Völkermord an den Armeniern bestätigten, darunter Friedensnobelpreisträger Elie Wiesel.

Faktencheck zur PKK

In der Sendung kam zudem aus dem Publikum der Vorwurf auf, Deutschland würde einerseits Erdogan kritisieren, andererseits die PKK unterstützen. Unserem Faktencheck zufolge wurden bei einer Demonstration in Frankfurt vereinzelt die kürzlich verbotenen Flaggen des PKK-Gründers Öcalan gezeigt. Weil die PKK als terroristische Vereinigung eingestuft ist, leitete die Polizei ein Verfahren ein, konnte das Zeigen der Flaggen aber nicht unterbinden.

Wie geht es nach dem Referendum weiter?

Ihre Meinung, Ausschnitt 23.03.2017

Bettina Böttinger im Gespräch mit Caner Aver

Es steckt also viel Konfliktpotenzial in den bilateralen Beziehungen zwischen Deutschland und der Türkei. "Durch das Zuspitzen von aktuellen Konflikten will man jetzt Unentschlossene erreichen", sagte Caner Aver vom Zentrum für Türkeistudien in Essen. Wie es nach dem Referendum am 16. April weiter geht, sei aber bedeutend wichtigter.

Lösungsidee: Besonnenheit

Es wurde aber auch nach Lösungsansätzen für eine mögliche Versöhnung gesucht. "Eine Versöhnung kann passieren, wenn unsere Politiker besonnen sind", sagte Martin Linden aus Solingen. Der Zuschauer lobte Merkels Sachlichkeit gegenüber Erdogan: "Das war die hohe Kunst der Diplomatie."

Was bedeutet Konflikt für die Integration?

Und was bedeutet dieser Streit nun für die Integration? Moderatorin Bettina Böttinger ging dem nach und befragte die 100 Zuschauer im Studio. Die Mehrheit war der Meinung, dass die Integration nicht geklappt habe. Dabei sei Integrationswillen essentiell, sagte Politiker Wolfgang Bosbach. "Wir sollten aber nicht nach Hautfarbe, Herkunft und Religion urteilen, sondern nach dem Verhalten der Menschen." Ähnlich formulierte es ein Zuschauer aus Unna im Ruhrgebiet: "Der Dialog und der Respekt, das ist das Wichtigste."

Stand: 24.03.2017, 06:00

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