Patient oder Profit?

Patient oder Profit?

Von Jan Koch

Ärzte sind in der Zwickmühle: Wie viel Zeit habe ich pro Patient? Was braucht er? Was kann ich ihm vielleicht sogar verkaufen? Einige Patienten wissen nicht mehr: Kann ich meinem Arzt vertrauen? Ilona Köster-Steinebach vom Verbraucherschutz Bundesverband über die Situation zwischen Arzt und Patient.

WDR: Ganz pointiert gefragt - macht uns unser Gesundheitssystem krank?

Ilona Köster-Steinebach: Im Großen und Ganzen funktioniert es eigentlich so, wie wir es uns wünschen. Aber es gibt trotzdem genügend Risiken, die ich als Patient habe.

WDR: Welche Risiken sind das?

Köster-Steinebach: Klar, erst einmal kann man feststellen, dass nicht jeder Arzt, nicht jeder Mediziner auf dem aktuellen Stand ist, dass sich Nachlässigkeiten einschleichen, dass man auch mal einen Fehler macht. Das ist menschlich irgendwie. Aber dann gibt es vor allem den ökonomischen Punkt, der zum Patientenrisiko werden kann. Wir haben viele ökonomische Anreize, die nicht zum Vorteil der Patienten sind. Entweder, dass ich mir als Arzt nicht so viel Zeit nehme für ein Gespräch oder direkt zur medizinisch-technischen Keule greife und Operationen ansetze, die gute Einnahmen für die Krankenhäuser bedeuten, aber für den Patienten unsinnig sind.

WDR: Wie hoch ist denn der ökonomische Druck?

Köster-Steinebach: Hoch. Es wird ein immens hoher Druck ins System gegeben: verdeckte Rationierung, Einhaltung des Budgets, Patienten sollen möglichst frühzeitig entlassen werden.

WDR: Wie gut ist denn unter solchen Grundbedingungen noch das Verhältnis zwischen Arzt und Patient?

Köster-Steinebach: Ich bin erstaunt, wie gut das in vielen Fällen noch ist. Ich glaube auch, dass viele Ärzte diesen Job immer noch machen, um Menschen zu helfen. Noch! Denn das System bietet viel zu viele Anreize, nicht im Interesse des Patienten vorzugehen. Viele Ärzte befinden sich einfach häufig in der Zwickmühle: Patient oder Profit.

WDR: Wie erkenne ich das als Patient denn?

Köster-Steinebach: Stellt ein Arzt Alternativen dar? Fragt er mich nach meinem Behandlungsziel, was ich mir überhaupt wünsche? Und nimmt er sich Zeit oder nicht? Behandelt er mich als Mensch oder als Abrechnungsmöglichkeit?

WDR: Bin ich heute besser privat oder gesetzlich versichert?

Köster-Steinebach: Das ist generell schwer zu sagen. Ich persönlich bin aber froh, bei einer gesetzlichen Krankenkasse zu sein.

WDR: Warum?

Köster-Steinebach: Bei einer Privaten ist die Wahrscheinlichkeit, dass ich überversorgt werde, relativ hoch. Das ist einfach ökonomisch interessanter. Noch bin ich davon überzeugt, dass die meisten wichtigen Leistungen in der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) übernommen werden.

WDR: Noch?

Köster-Steinebach: Es kommt darauf an, wie der GKV-Leistungskatalog weiterentwickelt wird. Und da herrscht oft ein Interessenskonflikt zwischen Ärzten, Krankenkassen und Patientenvertretern. Oft werden Leistungen angeboten, die lukrativ, aber medizinisch unsinnig sind. Beispiel: Glaukom-Früherkennung mittels ausschließlicher Messung des Augeninnendrucks. In anderen Fällen werden auch sinnvolle Leistungen verhindert oder verzögert. Die Krankenkassen wollen generell lieber die Zusatzkosten vermeiden und für die Ärzte ist es lukrativer, die Leistung den Patienten direkt zu verkaufen, als über die GKV. Das sah man z.B. bei der Knochendichtemessung: Privat waren ca. 60 Euro zu zahlen, nun sind es über die GKV 17 Euro.

WDR: Also hat der Patient gewonnen...

Köster-Steinebach: In diesem Fall.

WDR: Und der Arzt beklagt, dass er mit einem GKV-Patienten weniger verdient.

Köster-Steinebach: Wenn man die Angaben der Kassenärztlichen Bundesvereinigung liest, dann wird deutlich, dass die meisten ärztlichen Berufsgruppen aus reinen GKV-Einnahmen ein ganz angemessenes Einkommen erwirtschaften.

WDR: Wie sinnvoll ist denn die Trennung zwischen GKV und PKV noch?

Köster-Steinebach: Das sollten wir uns generell fragen. Wir haben die irrige Annahme, dass alle Selbstständigen die Risiken tragen können, die mit der PKV-Mitgliedschaft verbunden sind. Das mag für Menschen zutreffen, die ein hohes Einkommen haben; Kleinstselbstständige, die bei weitem nicht in der insbesondere finanziellen Lage sind, solche Risiken zu tragen, bewirken gesellschaftlich große Probleme.

WDR: Wer muss da nun handeln?

Köster-Steinebach: Die Aufgabe der Bundesregierung wäre es, zu erkennen, dass über Jahre hinweg der Trend in den Rahmenbedingungen für das Gesundheitswesen dahingeht, ökonomische Belange über Patientenbelange zu stellen. Dazu muss auch ein wirkliches Gesetz zur Stärkung von Patientenrechten beschlossen werden. Und nicht eins wie 2013, als man den Status Quo sicherte, neue Maßnahmen aber nicht beschlossen hat.

WDR: Was wünschen Sie sich da genau?

Köster-Steinebach: Viel. Einige Beispiele: Es darf kein Problem mehr für Patienten sein, an ihre Unterlagen zu kommen oder jahrelang klagen zu müssen, um Schadensersatz für Fehler zu bekommen. Die Fälschungssicherheit von Unterlagen muss verbessert werden. Dass ich mir als Patient auch sicher sein kann, dass ich auch über risikoreiche Medikation richtig aufgeklärt werde und nicht erst bei großen Operationen. Dass Patienten, die z.B. zu krank sind, um einen Prozess durchzustehen, über einen Fonds Entschädigung bekommen.

Mehr zum Thema heute Abend in "Ihre Meinung – Macht uns das Gesundheitssystem krank?" um 20.15 im WDR Fernsehen.

Stand: 29.11.2016, 15:30

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