Stauforscher im Interview: "Kurzfristig wird es noch mehr Staus geben"

Stau auf der A1 in Köln

Stauforscher im Interview: "Kurzfristig wird es noch mehr Staus geben"

Es ist zum Verzweifeln. Auf den Straßen geht es nur im Schneckentempo voran. Über die Stau-Ursachen und Lösungen haben wir im Vorfeld zur Sendung "Ihre Meinung" mit dem Duisburger Stauforscher Michael Schreckenberg gesprochen.

WDR: Das tägliche Stau-Chaos ist für viele Pendler in Nordrhein-Westfalen ein großes Ärgernis. Was ist der Hauptgrund für das tägliche "Stop & Go"?

Stauforscher Michael Schreckenberg von der Universität Duisburg

Stauforscher Michael Schreckenberg von der Universität Duisburg-Essen

Michael Schreckenberg: Nordrhein-Westfalen ist ein typisches Transitland. Wir haben nicht nur den inneren Verkehr, sondern auch den Durchgangsverkehr. Durch Baustellen und Brückensperrungen ist die Lage prekär und sie wird die nächsten zehn bis 15 Jahre prekär bleiben. Wir müssen in NRW massiv sanieren, um überhaupt die nötigen Grundstrukturen in Takt zu halten.

WDR: Auf eine kurzfristige Verbesserung können Pendler also nicht hoffen.

Schreckenberg: Kurzfristig werden wir uns eher auf noch mehr Staus einstellen müssen. Es sind einfach sehr viele Menschen unterwegs. Berücksichtigt werden muss, dass die Preise für Benzin und Diesel immer noch relativ niedrig sind. Außerdem haben viele Menschen Arbeit. Das ist gut, aber das bringt auch mehr Verkehr. Beim Güterverkehr werden wir ein Wachstum von zwei Prozent pro Jahr haben.

Auf der anderen Seite haben wir eine junge Bevölkerung, die viel weniger fährt und sich eher für den öffentlichen Nahverkehr entscheidet, den wir meiner Meinung nach auch viel mehr stärken und attraktiver machen müssen..

WDR: Gibt es Ideen für einfache Lösungen?

Schreckenberg: Wir müssen die Menschen besser informieren, über das, was in der Zukunft eine Rolle spielen wird. Bald wird es mehr Technologien haben, die Autos werden vernetzt sein.

Bis zum Jahr 2025 wird so auch die ältere Bevölkerung immer mobiler werden. Autonomes Fahren wäre eine schöne Vorstellung, die wir aber so schnell nicht erleben werden. Unsere Infrastruktur müssen wir einfach intelligenter nutzen.

WDR: Wie marode ist denn das Verkehrsnetz in NRW?

Bettina Böttinger

Bettina Böttinger diskutiert mit Experten Ihre Fragen

Schreckenberg: Das Verkehrsnetz in NRW ist maroder als es viele annehmen. Je genauer hingeschaut wird, desto mehr Schäden werden sichtbar. Das hat man bei den Brücken gesehen.

Das fing erst ganz harmlos an, dann wurde festgestellt, wie schlimm der Zustand wirklich ist. Vor allem betroffen sind die Autobahnbrücken, die in den 60-er und 70-er Jahren gebaut worden sind. Die Baustoffe, die damals verbaut wurden, halten nur 40 bis 50 Jahre.

WDR: Hat also die Verkehrspolitik versagt?

Schreckenberg: Für einen Verkehrsminister, im Land oder im Bund, ist es nicht besonders attraktiv, zu sanieren. Das kostet viel Geld und bringt viele Staus, und am Ende ist die Straße genauso wie sie vorher war.

Verkehrspolitiker tendieren dazu, solche Projekte dem Nachfolger zu überlassen. Jetzt sind wir in der Situation, dass wir viele marode Brücken und Straßen haben.

Die Fragen stellte Andreas Sträter.

Stand: 14.12.2016, 15:38

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