Buchtipp: "Marzahn, mon amour"

Buchtipps vom 14.11.2019

Von Christine Westermann

Buchtipp mit Christine Westermann: "Marzahn, mon amour" Frau tv 14.11.2019 02:20 Min. UT Verfügbar bis 14.11.2020 WDR

Titel: Marzahn, mon amour
Autorin: Katja Oskamp
Verlag: Hanser Berlin
ISBN-10: 3446264140
ISBN-13:  978-3446264144

Die Autorin

Stell dir vor, du bist Schriftstellerin, schreibst ein paar Bücher, aber dann will keiner mehr drucken, was du schreibst. Ende vierzig bist du auch noch, dein Mann ist krank, die Kohle wird knapp. Und jetzt? Jetzt wirst du eben Fußpflegerin. Schneidest Hornhaut, beseitigst Fußpilz und während du Turmnägel abknipst, erzählen dir die Menschen aus ihrem Leben. Was du hörst, schreibst du auf, und jetzt will ein Verlag das doch als Buch haben. Es erscheint, wird ein Erfolg, du wanderst durch die Talkshows . Fußpflegerin wird erfolgreiche Schriftstellerin, schöne Idee für einen Roman. Ist aber eine Geschichte aus dem richtigen Leben. Dem der Autorin Katja Oskamp. Als alles stockt in ihrem Leben, als sie auch noch auf die 50 zugeht und die Midlife-Krise winkt, macht sie einen Acht-Wochen-Schnellkurs zur Fußpflegerin. In Berlin-Marzahn, jene Großsiedlung am Rande Berlins.

Die Handlung

Die Menschen, die sich bei Katja Oskamp die Füße machen lassen, erzählen ihr Stück für Stück ihr Leben. Wo sie hinwollten, welche Umwege sie genommen haben, wo sie angekommen sind, obwohl ihr Ziel ein ganz anderes war. Katja Oskamp hat diese Geschichten aus dem Leben der anderen aufgeschrieben, hat daraus „Marzahn, mon amour“ gemacht. Mon amour - ihre stille Liebe gilt Menschen wie Gerlinde Bonkat, deren Leben schon einen verpfuschten Start hatte, weil es mitten im Krieg mit einer Flucht aus Ostpreußen begann. Oder Mutter Noll, die von ihrer erwachsenen Tochter gnadenlos herumkommandiert wird. Die Stunde bei der Fußpflegerin, das ist für sie wie der Urlaub, den sie nie gehabt hat. Der betagte Herr Huth, der langsam aus der Welt fällt, weil er alles vergisst. Nur manchmal, nachts, hat er einen hellen Moment, und fragt seine Frau, was sie eigentlich noch mit ihm wolle, wo er ihr nur zur Last falle. Und dann weint er. Die hellsten Momente, schreibt Katja Oskamp, sind die schlimmsten.

Die Bewertung

Zu traurig, zu dunkel, zu lebensmüde, dieses Buch? Nein, an keiner Stelle. Weil es Geschichten sind, die sich keiner ausgedacht hat , sondern die das Leben geschrieben hat. Und zum Leben gehört alles: die Hoffnung und die Verzweiflung, der Mut und das Scheitern, die Liebe, die Lust, Lachen, Weinen. Genau das hat Katja Oskamp aufgeschrieben. Dabei kein bisschen dick aufgetragen, nie um eine Pointe, einen Gag bemüht, kein bisschen sentimental oder zu laut geworden. „Gerührt, begeistert, amüsiert“ haben sie die Geschichten ihrer Kunden, hat sie in einem Interview gesagt. Und genau das spürt man in diesem Buch auf jeder Seite.

Stand: 14.11.2019, 16:56

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