Doc Esser – Der Gesundheits-Check

Doc Esser - Der Gesundheitscheck 29.09.2021 44:32 Min. UT Verfügbar bis 29.09.2022 WDR

Doc Esser – Der Gesundheits-Check

Hilfe, bei mir piept’s – Was tun bei Tinnitus?

Stand: 01.10.2021, 11:15 Uhr

Unsere Ohren sind 24 Stunden am Tag „geöffnet“ und damit im Dauereinsatz. Stille empfinden wir in der heutigen Hektik rund um Job, Haushalt und Familienleben fast als unnormal. An eine nahezu permanente Beschallung haben wir uns längst gewöhnt, der Alltagslärm rauscht dabei fast unbemerkt an uns vorbei. Dabei sind Stress, Lärm und Anspannung Gift für unsere Ohren, denn alles, was wir empfinden, hat direkten Einfluss auch auf unsere Ohren!

Und das bleibt nicht ohne Folgen: Über 18 Millionen Menschen in Deutschland leiden im Laufe ihres Lebens an Tinnitus. Davon haben etwa 3 Millionen Erwachsene einen chronischen Tinnitus, d.h. eine Verlaufsdauer von über 3 Monaten. Doc Esser taucht ein in die komplexe Welt des Tinnitus und zeigt Behandlungswege auf, die dabei helfen, auch mit einem chronischen Tinnitus deutlich an Lebensqualität zu gewinnen.

Was ist Tinnitus?

Ein Ohr

Ein überraschendes Zischen, Pfeifen, Brummen - für einen kurzen Moment und scheinbar ohne erkennbaren Anlass ein Ohrgeräusch wahrzunehmen, das ist eine Erfahrung, die sicher die meisten von uns schon einmal gemacht haben. Aber nach einem kurzen Moment ist das Geräusch in der Regel dann auch schnell wieder verschwunden.

Nehmen die Betroffenen das Geräusch dagegen anhaltend oder über einen längeren Zeitraum immer wieder wahr, spricht man von einem Tinnitus. Der Begriff leitet sich übrigens vom lateinischen ‚tinnire‘ ab: Das bedeutet so viel wie klingeln, schellen, klimpern – eine treffende Beschreibung für dieses Phänomen, das auch Ohrensausen genannt wird.

Dabei ist Tinnitus keine eigenständige Erkrankung, sondern ein Symptom, das in Zusammenhang mit einer anderen Krankheit auftritt. Man unterscheidet zwischen zwei unterschiedlichen Tinnitus-Arten:

  • Der objektive Tinnitus:

Beim objektiven Tinnitus kann der störende Ton nicht nur von Betroffenen selbst, sondern z. B. auch vom behandelnden Arzt mittels eines Stethoskops gehört und gemessen werden. Das liegt daran, dass es eine konkrete Geräuschquelle gibt, die meist im Ohr oder in unmittelbarer Nähe des Ohres liegt. So können z. B. bei Verengungen von Blutgefäßen Strömungsgeräusche entstehen, die als pulsierendes Geräusch wahrgenommen werden, Zuckungen der Gaumenmuskeln oder der Gehörknöchel werden oft als klickende Töne wahrgenommen. Weitere Ursachen können z. B. eine Herzklappenerkrankung, Bluthochdruck und Arterienverkalkungen sein.

Der objektive Tinnitus ist ein Symptom einer konkreten Erkrankung. Besteht die Möglichkeit, diese Erkrankung zu behandeln, kann damit auch der Tinnitus therapiert werden. Doch der objektive Tinnitus ist ein äußerst seltenes Phänomen, betrifft gerade mal knapp ein Prozent aller Tinnitus-Patien:innen.

Die andere Form des Tinnitus, die aufgrund ihrer Häufigkeit auch als der ‚eigentliche‘ Tinnitus bezeichnet wird, ist:

  • Der subjektive Tinnitus:

Diese Form des Tinnitus betrifft etwa 99 Prozent aller Betroffenen, man spricht deshalb gelegentlich auch vom ‚eigentlichen‘ Tinnitus. Die störenden Töne nehmen dabei nur die Betroffenen selbst wahr. Die Geräusche sind weder -wie beim objektiven Tinnitus- für andere hörbar noch messbar. Das bedeutet aber nicht, dass sich Betroffene das Piepen, Klingeln oder Rauschen im Ohr nur einbilden. Tinnitus-Patient:innen nehmen diese andauernden Ohrgeräusche sehr wohl real wahr. Und während einige Betroffene mit der Zeit lernen, mit den andauernden Geräuschen zu leben, kann für andere der Tinnitus zu einer immensen Belastung werden. Je nach Intensität kann der Tinnitus zu Konzentrationsschwierigkeiten, Schlafproblemen bis hin zu extremen psychischen Belastungen führen und damit den Alltag der Betroffenen gravierend einschränken.

Wie entsteht ein Tinnitus?

Ein kleines Männchen hämmert in einer Ohrmuschel.

Es gibt viele mögliche Ursachen für einen subjektiven Tinnitus, doch ein eindeutiger Auslöser ist bei vielen Betroffenen nicht bestimmbar. 

In den meisten Fällen liegt zunächst eine Schädigung im Innenohr vor, ausgelöst vor allem durch:

  • Hörsturz
  • Knalltrauma
  • Schwerhörigkeit

Um die Entstehung eines Tinnitus zu verstehen, hilft es, sich zunächst den Prozess des Hörens vor Augen zu führen. Die Geräusche, die wir hören, treffen im Bereich der Hörschnecke in Form von Schallwellen auf winzige kleine Haarzellen. Diese einzelnen Haarzellen sind für einzelne Tonhöhen zuständig – vergleichbar in etwa mit den bei einem Klavier hintereinander gereihten Tönen. Wenn nun diese Schallwellen auf das Innenohr treffen, werden die entsprechenden Haarzellen aktiv, wandeln die Schallwellen in elektrische Signale um und senden diese Signale an das Gehirn, wo sie verarbeitet werden. Wir hören den Ton – bei einem funktionierenden Hörsystem.

Durch plötzlichen Lärm wie etwa bei einer Explosion, einem Knall, aber auch bei häufigem übermäßigem Lärm (z.B. durch laute Musik) können Teile der Sinneszellen beschädigt, Haarzellen abgerissen werden. In der Folge bekommt das Gehirn für die entsprechenden Frequenzen keine Signale mehr, es ‚fehlen‘ Frequenzen. Das versucht das Gehirn auszugleichen – und erzeugt so den Tinnitus.

Tinnitus ist somit so etwas wie ein störendes Produkt überaktiver, übereifriger Nervenzellen – so weit sind sich die Experten einig. Wie aber genau das Zusammenspiel zwischen Gehirn und Nervenzellen zustande kommt, ist noch nicht final erforscht. Fest steht: Tinnitus entsteht im Kopf – lediglich der Auslöser ist im Gehör.

Tinnitus und Stress

Überblendung eines fahrenden Zuges und eines menschlichen Ohrs

Neben körperlichen Erkrankungen wie Knalltrauma und Hörsturz spielt auch Stress eine bedeutende Rolle bei der Ausprägung und Entwicklung von Tinnitus. Sind wir gestresst, schüttet unser Körper verstärkt das Stresshormon Cortisol aus - und löst damit eine Kettenreaktion aus, bei der am Ende zu einer Schädigung der Hörsinneszellen und Nervenzellen im Hörsystem kommen kann. Somit hat Stress gegebenenfalls Auswirkung auf die Entstehung von Ohrgeräuschen.

Doch nicht nur das. Stress kann auch die Wahrnehmung von Tinnitus beeinflussen und verstärken. So führt Stress oftmals zu einer Hypersensibilisierung der Hörwahrnehmung, man empfindet einen anfänglich als leise wahrgenommenen Ton unter Stress um ein Vielfaches lauter. Konzentrieren sich Betroffene immer wieder auf das Ohrgeräusch, kann das zu einer ständigen Verstärkung führen. Der Tinnitus an sich wird nie lauter, aber die Wahrnehmung des Tons kann sich so erheblich steigern - und das kann die Lebensqualität von Betroffenen gravierend beeinträchtigen. Im Extremfall können Angststörungen und Depressionen die Folge sein.

Umso wichtiger ist es, diesem Prozess so früh wie möglich entgegenzuwirken.

Akuter Tinnitus

Wenn man erstmals störende Töne wie ein Piepen, Rauschen, Summen oder Zischen wahrnimmt, ist das nicht gleich ein Grund zur Sorge. Ohrgeräusche an sich sind keine Krankheit und häufig harmlos. Es kann schon helfen, sich für eine kurze Zeit etwas zurückzunehmen und zu entspannen. Oftmals geht das Ohrensausen nach kurzer Zeit von allein zurück.  Halten die Geräusche aber auch nach 1-2 Tagen noch an, sollte man unbedingt einen HNO-Arzt aufsuchen.

Behandlung

Neben einer umfassenden Befragung zu Vorerkrankungen, aktuell eingenommenen Medikamenten, möglichen Lärmunfällen und der individuellen Stress- und Belastungs-Situation untersucht der HNO-Arzt Trommelfell und Gehörgang auf Veränderungen und Entzündungen. Tritt der Tinnitus z.B. als Begleiterscheinung einer akuten Erkrankung wie einer Mittelohrentzündung auf, klingt er in der Regel nach deren erfolgreicher Behandlung ab.

Weiterer Baustein der Untersuchung ist ein umfassender Hörtest, das sogenannte Audiogramm. Betroffene sitzen dazu in einer abgeschirmten Kabine. Über Kopfhörer werden ihnen verschieden Töne eingespielt, die beiden Ohren dabei getrennt voneinander geprüft. Ermittelt wird, bei welcher Lautstärke und bei welcher Frequenz ein Ton gerade noch gehört werden kann -die sogenannte Hörschwelle- und ob somit ein Hörschaden vorliegt.

Geht der Tinnitus mit einem Hörverlust einher, wird häufig eine Infusionstherapie mit Kortison angewandt. Kortison ist nicht nur entzündungshemmend, es regt auch die Durchblutung des Ohres an. So sollen die absterbenden Haarzellen wieder aktiviert, Schäden im Bereich des Innenohrs möglichst schnell behoben und damit auch der akute Tinnitus beseitigt werden.

Sind Betroffene zu diesem frühen Stadium durch den Tinnitus bereits seelisch belastet, können eine psychologische Beratung und Therapie die Weichen in die richtige Richtung stellen.

Chronischer Tinnitus

Nicht immer kann ein akuter subjektiver Tinnitus erfolgreich therapiert werden. Dazu kommt, dass viele Betroffene die ersten Anzeichen nicht ernst nehmen oder verdrängen – und der Tinnitus sich so zu einem chronischen Tinnitus entwickelt. Das ist der Fall, wenn die Ohrgeräusche länger als drei Monate anhalten. Die Ausprägungen eines Tinnitus können vielfältig sein: sowohl in Bezug auf die Art der Töne (Summen, Pfeifen, Piepen, Rauschen etc) als auch die Intensität der Wahrnehmung.

Man unterscheidet dabei vier verschiedene Stufen bzw. Schweregrade:

Grad 1: 

Der Tinnitus beeinträchtigt aber die Betroffenen nicht. Der Tinnitus gilt als kompensiert.

Grad 2:

Der Tinnitus wird vor allem bei Stille wahrgenommen, wird bei Belastungen und in stressigen Situationen als störend empfunden, beeinträchtig den Alltag aber nicht nachhaltig.

Grad 3:

Der Tinnitus beeinflusst die Leistungsfähigkeit und Lebensqualität beträchtlich – mit Auswirkungen auf körperliche und emotionale Bereiche des Alltags.

Grad 4:

Der Geräuschpegel wird für Betroffene unerträglich, die Auswirkungen des Tinnitus auf Körper und Psyche können nicht mehr ausgeglichen werden (man spricht von völliger ‚Dekompensation‘) – das kann bis zu Depressionen, Angstzuständen und Berufsunfähigkeit führen.

Diagnose und Behandlung

Waren Betroffenen vorher noch nicht in Behandlung, steht auch hier eine zunächst eine ausführliche Anamnese an. Nach Analysegespräch und einem Blick ins Innere des Ohres auf das Trommelfell müssen weitere Beeinträchtigungen zunächst ausgeschlossen und ein möglicher Hörschaden mit einer Audiologie bestätigt werden.

Der Pfeif oder Rausch-Ton selbst lässt sich nicht objektiv messen, aber die Frequenz des Tons kann über ein sogenanntes Tinnitus-Matching annähernd ermittelt werden. Dazu wird den Betroffenen ein Ton über Kopfhörer eingespielt. Der wird in der Frequenz so lange variiert, bis er nach Empfinden der Betroffenen ihrem wahrgenommenen Ton entspricht. 

Die Höhe des Tinnitus-Tons entspricht dabei oft genau der Frequenz, die aufgrund geschädigter Hörzellen nicht mehr wahrgenommen werden kann: Das Gehirn bekommt in dem Bereich nicht genug ‚Input‘, improvisiert deshalb sozusagen– und diese Fehlregulation klingelt den Betroffenen dann permanent in den Ohren.

Doch nicht jeder chronische Tinnitus ist behandlungsbedürftig. Ausschlaggebend ist immer die individuelle Verarbeitung. Der überwiegende Teil der Betroffenen fühlt sich durch den Ton nicht gestört. Sie haben sich damit arrangiert und werden in ihrem Alltag dadurch nicht eingeschränkt.

Doch für eine kleinen Teil der Betroffenen ist das ständige Piepen, Rauschen und Zischen eine extreme Beeinträchtigung, die unbedingt behandelt werden sollte. Ein Medikament oder eine Therapie, die einen chronischen Tinnitus komplett verschwinden lassen, gibt es nicht. Bei der Behandlung geht es in erster Linie darum, die mit den Ohrgeräuschen verbundenen Belastungen so weit als möglich zu minimieren und so die Lebensqualität der Betroffenen deutlich zu steigern. 

Oftmals wird in dem Zusammenhang eine sogenannte multimodalen Therapie mit vielschichtigen Behandlungsansätzen angewandt: die Tinnitus-Bewältigungs-Therapie Ärzte und Therapeuten unterschiedlicher Fachrichtungen -von HNO-Ärzten über Psychologen, Musik- oder auch Physiotherapeuten- erarbeiten eine ganzheitliche Therapie mit dem Ziel, den Tinnitus bzw., die Wahrnehmung der Ohrgeräusche so weit als möglich zu reduzieren.

Bausteine sind:

  • Die Hörtherapie

In der Hörtherapie geht es geht darum, die eigene Umgebung bewusst und mit allen Sinnen wahrzunehmen. Das Plätschern eines Brunnens, Schritte auf einem Waldboden: Man lernt, Geräusche zu differenzieren, genau hinzuhören: und zu spüren. Mit diesem bewussten Hören wird eine Achtsamkeit für die positiven Dinge trainiert und man lernt, unliebsame Geräusche zu überhören.

  • Entspannungsverfahren

Mit Hilfe von z.B. Yoga, Meditation und Achtsamkeitstraining sollen Betroffene lernen, ihr Stresslevel zu reduzieren und damit die Wahrnehmung ihres Tinnitus zu reduzieren, ihn in den Hintergrund zu drängen. 

  • Psychologische Betreuung

In Einzel- oder Gruppensitzungen sollen Betroffen lernen, sich mit dem Einfluss des Tinnitus auf ihre aktuelle Lebenssituation und ihre Emotionen auseinanderzusetzen. Ziel: dem Tinnitus den dominierenden Raum und Einfluss zu nehmen, der ihren Alltag tagtäglich beschwert. Hilfreich ist dabei vor allem auch der der Austausch mit anderen Betroffenen.

Und für viele ganz entscheidend: Ist der Tinnitus mit einem Hörverlust verbunden, kann ergänzend der Einsatz eines Hörgeräts sinnvoll sein. Kann damit das Hörvermögen gesteigert werden, schwächt das gleichzeitig die Wahrnehmung der Ohrgeräusche.

Was kann man selbst tun?

Ein Brunnen plätschert vor sich hin.

Lärmbelastungen vermeiden!

Eines steht fest: Dauerhafter Lärm, aber auch ein Lärmtrauma durch nur ein einziges, extrem lautes Geräusch wie z.B. ein Knall kann einen Tinnitus auslösen – und sich schließlich zu einem chronischen Tinnitus entwickeln. Von den Berufsgenossenschaften als „Aufsichtsorgane zur Verhütung von Arbeitsunfällen und gefährdenden Momenten am Arbeitsplatz“ wird eine Grenzbelastung von 85 Dezibel (dB) vorgeschrieben. Das entspricht in etwa dem Lärm am Rand einer befahrenen Sraße. Doch schon beim Pfeifen einer Trillerpfeife können problemlos über 100 dB erreicht werden. Und auch beim Musikhören -vor allem über Kopfhörer und In-Ears- muten wir unseren Ohren oft deutlich mehr zu als 85 dB. Deshalb gilt: jede unnötige Lärmbelastung vermeiden – oder zumindest, wenn möglich, einen Gehörschutz verwenden.

Stille vermeiden!

Während übermäßiger Lärm präventiv vermieden werden sollte, kann für Tinnitus-Betroffene auch das entgegengesetzte Extrem eine starke Belastung sein. Stille bedeutet für sie eben genau das nicht: Tinnitus-Patien:innen erleben keine absolute Ruhe. Vielmehr steigt das Risiko, dass sie sich verstärkt auf die Ohrgeräusche konzentrieren.
Helfen kann es, Stille, z.B. beim Einschlafen, mit leiser Musik oder angenehmen Geräuschen zu überbrücken.

Stress reduzieren!

Stress geht definitiv auf die Ohren – nicht erst, wenn man bereits an einem chronischen Tinnitus leidet. Ist das aber der Fall, sollte man auf jeden Fall versuchen, den Alltag ruhiger zu gestalten, zu entschleunigen und belastende Momente zu minimieren.

Ablenkungen suchen!

Tinnitus-Betroffene, die massiv unter ihren Ohrgeräuschen leiden, neigen dazu, sich zurück zu ziehen, zu isolieren. Doch genau das ist der falsche Weg, weil so die Dominanz des Tinnitus zunimmt. Wichtig ist außerdem, sich im Alltag Ablenkung zu suchen: sportliche Betätigung, Hobbies und ein aktives Sozialleben können dabei eine große Hilfe sein.

Außerdem gilt: Auch Nikotin, Alkohol und Co können Tinnitus-Symptome verstärken – nicht nur deshalb sollte man auf eine gesunde und ausgewogene Ernährung achten!

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