Schwindel – Was tun, wenn die Welt wankt?

Doc Esser - Der Gesundheitscheck 02.02.2022 44:17 Min. UT Verfügbar bis 02.02.2023 WDR

Doc Esser – Der Gesundheits-Check

Schwindel – Was tun, wenn die Welt wankt?

Stand: 01.02.2022, 17:00 Uhr

Auf der Achterbahn, nach einer Schifffahrt oder nach zu viel Alkohol: Fast jeder von uns kennt das Gefühl von Schwindel. Wem in solchen Situationen vorübergehend schwindelig wird, dessen Gleichgewichtssystem funktioniert so wie es soll. Doch was tun, wenn unerklärliche Schwindelattacken einem das Leben schwer machen?

Wem immer wieder im Alltag schwindelig wird – und das sogar ohne erkennbaren Auslöser – für den wird das Schwindelgefühl schnell zur Qual. Die Ursache zu finden, ist leider nicht immer leicht. Daher müssen sich viele Patienten auf eine wahre Ärzte-Odyssee begeben, bevor die richtige Diagnose gefunden wird.

Unser Gleichgewichtssinn – Ein ausgeklügeltes System

Das Bild zeigt ein balancierendes Kind, rechts daneben steht Doc Esser.

Um Schwindel zu verstehen, muss man zunächst wissen, wie unser Gleichgewichtssystem funktioniert. Hier wirken drei Sinnessysteme zusammen und kommunizieren mit unserem Gehirn:

  • die Augen: liefern unserem Gehirn Informationen zu unserer Position

  • das Gleichgewichtsorgan im Innenohr und der dazugehörige Gleichgewichtsnerv – auch vestibuläres System genannt: liefern dem Gehirn die Informationen zu Bewegungsrichtung und Geschwindigkeit

  • Tiefensinn, auch Propriozeption genannt: Sensoren in Muskel, Sehnen und Gelenken liefern Informationen zur Lage im Raum, aber beispielsweise auch dazu, wie Kopf, Rumpf und Gliedmaßen zueinander liegen oder welche Kraft oder Spannung in einer Bewegung steckt.

Diese drei Systeme sind in ständigem Austausch mit dem Gehirn, sodass unser Körper entsprechend reagieren kann. Drohen wir zum Beispiel zu stolpern, führen unsere Arme unbewusst ausgleichende Bewegungen aus. Wenn wir Achterbahn fahren oder uns zu schnell im Kreis drehen, ist Schwindel ein Zeichen dafür, dass die Systeme widersprüchliche Informationen melden.

Von Drehen bis Schwanken – Welche Arten von Schwindel gibt es?

So vielschichtig wie die Ursachen von Schwindel ist auch die Wahrnehmung des Schwindelgefühls bei den einzelnen Betroffenen. Wer seinen Schwindel möglichst genau beschreibt, kann bei der Diagnosefindung helfen. Viele Betroffene nehmen beispielsweise Scheinbewegungen wahr, die sich in verschiedene Kategorien einordnen lassen:

  • Drehschwindel: Bei dieser Form des Schwindels haben Betroffene das Gefühl, dass sich die Umgebung um sie herum dreht. Vergleichbar ist das etwa mit dem Schwindelgefühl, das man beim Karussellfahren erlebt.

  • Schwankschwindel: Beim Schwankschwindel nehmen Betroffene seitliche Bewegungen wahr. Vergleichbar ist das Gefühl damit, nach einer Bootsfahrt wieder festen Boden zu betreten und im ersten Moment den Eindruck zu haben, man sei noch auf hoher See.

  • Liftschwindel: Beim Liftschwindel hat man das Gefühl, sich nach oben oder unten zu bewegen - etwa so, als würde man mit einem Aufzug fahren.

  • Benommenheitsschwindel: Diese Form des Schwindels ist für Betroffene meist schwieriger zu beschreiben. Manche fühlen sich auch bei dieser Form wie betrunken oder so, als würden sie gleich ohnmächtig. Einige sehen ihre Umgebung nur noch unscharf oder ihnen wird schwarz vor Augen. Vergleichbar ist diese Schwindelform auch mit dem Gefühl, das manche Menschen kennen, wenn sie zu schnell aus der Hocke aufstehen.

Schwindel – Ein Symptom, viele Ursachen

Das Bild zeigt ein Teetassenkarussel von oben.

Schwindel kann in jedem Alter auftreten, doch Schwindel selbst ist keine Krankheit, sondern ein Symptom. Schuld können neben unserem Gleichgewichtsorgan, das die Welt „gerade“ hält, auch Nerven, Hirn, Augen oder der Blutdruck sein. Ist die Ursache erkannt, gibt es in den meisten Fällen Linderung. Je nach Ursache unterscheidet man folgende Schwindelformen:

Gutartiger Lagerungsschwindel

Der gutartige Lagerungsschwindel ist die häufigste Form des Schwindels. Ursache sind kleine Kristalle in den Bogengängen des Gleichgewichtsorgans. Betroffene erleben meist kurze, aber heftige Schwindelattacken. Sie treten unter anderem auf, wenn der Patient seine Lage ändert, z.B. sich im Bett umdreht oder aufsteht. Die gute Nachricht: Diese Form des Schwindels lässt sich gut und nachhaltig behandeln. Durch bestimmte Lagerungsmanöver werden die Kristalle im Ohr quasi „freigeschüttelt“. Wer Glück hat, ist schon nach einer Behandlung beschwerdefrei. Sollten diese Lagerungsmanöver über einen bestimmten Zeitraum notwendig sein, kann der Patient sie bei Bedarf auch alleine zu Hause ausführen.

Menière-Erkrankung (Morbus Menière)

Diese Erkrankung ist meist durch anfallsartige (Dreh-) Schwindelattacken gekennzeichnet. Diese können von einigen Minuten bis hin zu mehreren Stunden andauern. Häufig geht mit den Attacken eine Übelkeit einher. Auch ein Tinnitus kann auf Morbus Menière hinweisen. Ursache dieser Erkrankung ist eine vermehrte Bildung von Lymphflüssigkeit, die zu einem Überdruck im Innenohr führt. Die Menière-Erkrankung wird meist medikamentös behandelt. Unbehandelt kann sie im schlimmsten Fall zu Schwerhörigkeit oder komplettem Hörverlust führen.

Innenohrentzündung (Labyrinthitis)

Auch infolge einer Innenohrentzündung kommt es meist zu heftigen Drehschwindelanfällen. Aber auch ein Lagerungsschwindel – also Schwindel, der je nach Lage des Kopfes auftritt – kann darauf hindeuten. Neben Ohrenschmerzen und Fieber können zusätzlich Hörprobleme wie Schwerhörigkeit oder Tinnitus auftreten. Hintergrund sind häufig Entzündungen durch Bakterien oder Viren.

Vestibuläre Migräne

Die vestibuläre Migräne gehört zu den komplexeren Ursachen für Schwindel. Zum oft anfallartig auftretenden (Dreh-) Schwindel kommen klassische Migränesymptome wie zum Beispiel Kopfschmerzen, Übelkeit und Erbrechen, Sehstörungen oder Lichtempfindlichkeit. Auch Ohrgeräusche können bei dieser Art der Migräne auftreten. Da die Symptome individuell sehr unterschiedlich ausfallen und sich mit anderen Erkrankungen überschneiden, wird die vestibuläre Migräne häufig nicht sofort erkannt. Auch die Ursachen sind – ähnlich wie bei der klassischen Migräne – nicht vollständig erforscht. Die Therapie hat daher häufig zum Ziel, die Symptome im Alltag zu mindern und Rückfälle zu vermeiden.

Entzündung des Gleichgewichtsnervs (Neuritis vestibularis)

Der Gleichgewichtsnerv (Nervus vestibularis) verläuft vom Gleichgewichtsorgan im Innenohr zum Gleichgewichtszentrum im Hirnstamm. Er leitet die Informationen in Form von Impulsen weiter. Bei einer Entzündung ist diese Signalweiterleitung gestört. Betroffene leiden dann meist unter einem Drehschwindel und/oder Gangunsicherheit. Manche neigen auch dazu, in die betroffene Richtung zu fallen oder klagen über Übelkeit. Ein weiteres Anzeichen sind unkontrollierte Augenbewegungen (Nystagmus). Was genau die Entzündung auslöst, ist nicht vollständig geklärt. Im Normalfall klingt sie aber nach einigen Wochen wieder ab und Betroffene erlangen ihr Gleichgewicht vollständig wieder. Medikamente können gegebenenfalls bis dahin die Symptome abmildern.

Andere neurologische Erkrankungen

Ist der Gleichgewichtsnerv verletzt oder das Gleichgewichtszentrum im Hirnstamm geschädigt, spricht man von einem zentralen Schwindel. Auch eine Schädigung des Kleinhirns kann hier zu Schwindelsymptomen führen. Schwindel mit einer neurologischen Ursache tritt oft besonders plötzlich und heftig auf und hält über Stunden an. Hintergrund können Durchblutungsstörungen im Gehirn sein, wie sie beispielsweise bei Arteriosklerose, aber auch bei einem Schlaganfall oder einer sogenannten transitorischen ischämischen Attacke (TIA; im Volksmund auch Mini-Schlaganfall) auftreten. Auch Erkrankungen wie Multiple Sklerose, Parkinson, Alzheimer oder Tumore können Schwindel auslösen.

  • Psychogener Schwindel: Die Ursache für Schwindel kann auch psychisch bedingt sein. Das heißt allerdings keineswegs, dass Betroffene sich den Schwindel nur einbilden. Vielmehr beschreibt der Begriff einen Schwindel, der durch eine psychische Belastung ausgelöst wurde oder mit einer anderen psychischen Erkrankung wie einer Angststörung oder Depression in Zusammenhang steht. Die häufigste Unterform ist hier der phobische Schwankschwindel. Generell erleben Betroffene bei psychogenem Schwindel eher Stand- und Gangunsicherheiten sowie eine starke Fallneigung. Das Tückische an dieser Form des Schwindels: Die Angst vor der nächsten Attacke verschlimmert die Symptome.

  • Andere Ursachen: Neben den genannten Erkrankungen kann Schwindel auch als Nebenwirkung eines Medikaments, in Folge von Blutdruck-Problemen (zu hoher oder zu niedriger Blutdruck), bei Herzrhythmusstörungen, als Folge von Unfällen und Vergiftungen, nach einer Mittelohrentzündung oder sogar als Reaktion auf eine neue Brille entstehen.

Welcher Arzt kann helfen?

Das Bild zeigt Dr. Heinz-Wilhelm Esser mit einer Frenzelbrille.

Der erste Gang führt Betroffene mit Schwindel im Normalfall zum Hausarzt bzw. -ärztin. Ein ausführliches Gespräch (Anamnese) kann möglicherweise schon darauf hinweisen, was die Ursache für den Schwindel ist. Patienten sollten dazu folgende Punkte ansprechen:

  • Art des Schwindels: Äußert sich der Schwindel eher durch Drehen, Schwanken, Benommenheit oder einen unsicheren Gang?

  • Dauer und Häufigkeit: Wie oft tritt der Schwindel auf und wie lange hält er dann an?

  • Begleitende Symptome: Treten mit dem Schwindel auch Übelkeit, Erbrechen, Kopfschmerzen, Sehstörungen, Tinnitus oder andere Hörprobleme auf?

  • Auslöser: Lösen Kopfbewegungen, Lageveränderungen wie Aufstehen aus dem Liegen oder bloßes Gehen den Schwindel aus? Oder steht er mit körperlicher Anstrengung oder Stress in Zusammenhang?

Kann der Hausarzt keine eindeutige Ursache für die Symptome finden, muss ein Facharzt weiterhelfen. In der Regel führt der Weg dann zunächst zum Hals-Nasen-Ohren-Arzt. Alternativ können Neurologen, Kardiologen, Psychiater oder Psychotherapeuten, aber auch Augenärzte oder Orthopäden hinzugezogen werden. Gestaltet sich die Diagnosefindung besonders schwierig, helfen die Experten von speziellen Schwindelambulanzen.

Was kann ich (vorbeugend) gegen Schwindel tun?

Das Bild zeigt Dr. Heinz Wilhelm Esser beim balancieren im Kletterpark.

Einige Schwindelformen lassen sich gut und schnell behandeln. Beim gutartigen Lagerungsschwindel besteht die Möglichkeit, durch gezielte Bewegungen lose Steinchen aus den Bogengängen des Innenohrs zu bewegen. Im Rahmen eines Lagerungsmanövers werden dafür nach ärztlicher Anweisung Sitz- und Liegepositionen mit einer bestimmten Kopfhaltung durchgeführt.

Besonders bei langwierigen oder komplexen Schwindelerkrankungen, beispielsweise der vestibulären Migräne, muss als Teil der Behandlung auch das Gleichgewicht trainiert werden. Bitte beachten Sie, dass sich beim Ausführen der Übungen zunächst die Symptome sogar verstärken können. Dann sollten Sie pausieren und erst weiter trainieren, wenn der akute Schwindel abgeklungen ist. Im Rahmen einer ganzheitlichen Schwindeltherapie können auch Ausdauersport oder Tanzen Schwindel vorbeugen und bestehende Symptome lindern.

Konkrete Übungen zum Nachmachen finden Sie hier: