Knall im Knie – So schützen Sie Ihr Kreuzband

Doc Esser - Der Gesundheitscheck 26.01.2022 44:15 Min. UT Verfügbar bis 26.01.2023 WDR

Doc Esser – Der Gesundheits-Check

Knall im Knie – So schützen Sie Ihr Kreuzband

Stand: 25.01.2022, 17:00 Uhr

Unser Knie ist das größte Gelenk unseres Körpers, das nicht nur beim Sport, sondern auch im Alltag Einiges aushalten muss. Kreuzbandrisse gehören zu den häufigsten Schädigungen des Knies. Muss ein gerissenes Kreuzband immer operiert werden? Lässt sich das Kreuzband erhalten? Und was kann man vorbeugend tun, damit es gar nicht erst zu einer Knieverletzung kommt?

Unsere beiden Kreuzbänder sind mit dafür verantwortlich, für Stabilität im Knie zu sorgen. Gleichzeitig gewährleisten sie dessen Beweglichkeit, denn sie verbinden im Inneren des Kniegelenks den Ober- und Unterschenkelknochen miteinander. Bei einer Verletzung oder einem Riss wird das Knie instabil und der Gang unsicher, weil sich Schienbein und Oberschenkel gegeneinander verschieben können. Das kann wiederum zu Fehlbelastungen führen und das Risiko für Folgeschäden an Knorpel und Meniskus erhöhen.

Das Bild zeigt ein Modell des Kreuzbandes.

Ursache für einen Kreuzbandriss sind oft bestimmte (Dreh-) Bewegungen des Beins, wie sie bei Sportarten wie Skilaufen, Fußball, Handball oder Basketball immer wieder vorkommen. Zwei Drittel der Betroffenen sind in der aktiven Altersgruppe zwischen 15 und 45 Jahren. Aber auch im Alltag gibt es Situationen, die einen Kreuzbandriss nach sich ziehen können: zum Beispiel beim Aussteigen aus einem hohen Fahrzeug oder beim Absteigen von einer Leiter.

Kreuzbandriss: Was tun, wenn's knallt?

Ein Kreuzbandriss kann sich durch einen stechenden Schmerz, begleitet von einem hörbaren Knallen oder Schnalzen bemerkbar machen – allerdings nur beim Riss des vorderen Kreuzbandes. In einigen Fällen – besonders, wenn nicht gleichzeitig ein Seitenband oder der Meniskus verletzt sind – verläuft der Kreuzbandriss mitunter sogar schmerzfrei. Doch genau das kann zum Problem werden: Betroffene spüren erst später die Folgeschäden, doch die sind dann meist nicht mehr reversibel. Ist das Knie instabil, sollte die Ursache also rasch abgeklärt werden.

Helfen können bei einem Kreuzbandriss Orthopäden, Sportmediziner oder Unfallchirurgen. Das Anamnesegespräch gibt erste Hinweise auf die Verletzung. Der Arzt klärt zunächst ab, wann und wobei die Beschwerden erstmals aufgetreten sind, ob und wie der Patient das Knie noch belasten kann, ob eine Instabilität vorliegt und bei welchen Bewegungen eventuelle Schmerzen besonders stark sind. Danach prüft der Arzt das betroffene Knie sowie den Gang des Patienten, vergleicht unter anderem den Bewegungsumfang des verletzten Gelenks im Vergleich zur unverletzten Gegenseite.

Das Bild zeigt die ärztliche Untersuchung eines Kniegelenks.

Gesichert wird die Diagnose schließlich mit bildgebenden Verfahren. Das Röntgenbild kann den Kreuzbandriss selbst jedoch normalerweise nicht darstellen. Lediglich wenn das Band am Knochen ausgerissen ist oder der Knochen anderweitig verändert ist – beispielsweise durch eine Fraktur – sieht man dies auf dem Röntgenbild. Um die Kreuzbänder, aber auch eventuell geschädigte Menisken oder Knorpel sichtbar zu machen, ist ein MRT (Magnetresonanztomographie) notwendig.

Grundsätzlich kommt auch bei einem Kreuzbandriss sowohl eine konservative Behandlung als auch eine OP in Frage. Die Behandlung der Wahl richtet sich dabei nach Art, Schwere und Zeitpunkt der Verletzung, aber auch nach den Ansprüchen des Patienten sowie danach, ob es eventuell Begleitverletzungen wie einen Meniskusriss oder Seitenbandriss gibt.

Ist eine OP überhaupt nötig?

Das Bild zeigt einen Kreuzbandriss.

Unter bestimmten Voraussetzungen (s.u.) besteht die Möglichkeit, einen Kreuzbandriss konservativ mithilfe von Physiotherapie zu behandeln. Diese hat in erster Linie das Ziel, die Oberschenkelmuskulatur zu kräftigen. Dadurch kann die fehlende Stabilität im Kniegelenk gegebenenfalls ausgeglichen werden. Gleichzeitig zielt die Physiotherapie darauf ab, das ursprüngliche Bewegungsmaß wiederherzustellen. Das Kreuzband kann allerdings nicht wieder zusammenwachsen.

Faktoren für einen konservativen Behandlungsversuch:

  • geringe Instabilität des Knies
  • keine Schmerzen
  • Betroffener spürt keine oder kaum Gangunsicherheit
  • geringe Kniebelastung durch Sport, Beruf oder Alltag
  • fortgeschrittenes Alter
  • bestehende Arthrose

Wenn einige der genannten Faktoren zutreffen, kann in Absprache mit dem behandelnden Arzt bzw. der Ärztin das Knie zunächst konservativ behandelt und mit Physiotherapie gestärkt werden. Nicht selten entschließen sich Patienten und Patientinnen später trotzdem zu einer OP. Die gute Nachricht: Im Falle einer späteren OP kann durch eine zuvor erfolgte konservative Therapie der spätere Heilungserfolg gesteigert werden. 

OP: Kreuzband ersetzen oder erhalten?

Bei der Frage „OP – ja oder nein?“ sind verschiedene Aspekte in die Entscheidung mit einzubeziehen: Wie hoch ist das Aktivitätslevel? Üben Betroffene Risikosportarten wie Ski oder Fußball aus? Ist das Knie stabil oder knickt das betroffene Bein weg? Wie lässt sich das Risiko für etwaige Folgeschäden bestmöglich reduzieren?

Junge und sportlich sehr aktive Patienten entscheiden sich häufiger für eine OP. Am weitesten verbreitet ist hierbei die vordere Kreuzbandplastik (VKB-Plastik). Sie erfolgt üblicherweise minimal-invasiv, also arthroskopisch. Bei dieser Methode wird das gerissene Kreuzband durch eine körpereigene Sehne ersetzt – z. B. aus dem Oberschenkel oder durch die Patella-Sehne, die unterhalb der Kniescheibe verläuft.

Das Bild zeigt eine Knieoperation.

Im Idealfall erfolgt die Kreuzbandersatz-OP entweder unmittelbar nach dem Unfall – also innerhalb von 24 Stunden – oder aber nach ca. vier bis sechs Wochen, wenn eine eventuell bestehende Entzündung und Schwellungen nachgelassen haben. An die Operation schließt sich eine mehrmonatige Rehabilitationsphase an, damit die Sehne einheilen und die Funktion des Kreuzbands übernehmen kann.

Kreuzband erhalten trotz OP

Ist der Riss des vorderen Kreuzbandes relativ frisch, besteht die Möglichkeit, das eigene Kreuzband zu erhalten. Beim sogenannten Ligamys-Verfahren sorgt ein Implantat dafür, dass das Kreuzband wieder zusammenwächst und dabei gleichzeitig flexibel bleibt. Allerdings kommt dieses Verfahren längst nicht für jeden Patienten in Frage. Die Methode muss innerhalb von etwa drei Wochen nach der Verletzung angewandt werden. Auch die Art des Risses muss berücksichtigt werden. Wenn das Kreuzband beispielsweise stark ausgefranst oder zu nah am Knochen ausgerissen ist, lässt sich die Methode nicht anwenden.

Das Bild zeigt ein Modell des Kreuzbandes.

Ligamys ist dem etablierten Verfahren, das Kreuzband zu ersetzen, nicht grundsätzlich überlegen. In klinischen Studien und in der Praxis hat sich als vorteilhaft gezeigt, dass Patienten, die beispielsweise keine Begleitverletzungen (z.B. des Meniskus) hatten, früher wieder aktiv waren als konventionell Operierte. Was dabei allerdings unbedingt beachtet werden sollte: Patienten fühlen sich hierbei oft schneller wieder „einsatzbereit“ und muten sich dann eventuell zu schnell wieder zu viel zu. Der Heilungsverlauf hängt entscheidend davon ab, wie konsequent der Patient sich einerseits schont, gleichzeitig aber mit physiotherapeutischer Unterstützung an dem Aufbau von Kraft und Beweglichkeit arbeitet. In jedem Fall lohnt es sich, im Vorfeld einer OP die verschiedenen Methoden mit dem behandelnden Arzt zu besprechen.

Prävention – nicht nur für Sportler

Das Bild zeigt präventive Übungen fürs Knie.

Ballsportarten wie Fußball, Volleyball, Basketball und Handball sowie (alpines) Skifahren begünstigen das Risiko für einen Kreuzbandriss. Auffällig ist, dass sich Sportler häufig am Anfang oder am Ende einer Saison oder eines Spiels verletzen. Der Grund: mangelnde Vorbereitung oder muskuläre Ermüdung. Auch Skifahrer riskieren einen Kreuzbandriss, wenn sie die Muskulatur vor dem Skiurlaub nicht ausreichend auf die kommende, ungewohnte Belastung vorbereiten und für eine gute Kniestabilität sorgen. Immerhin kann bei manchen Bewegungen das 5-7-fache des Körpergewichts auf die Kniegelenke einwirken.

Insgesamt gibt es verschiedene Faktoren, die einen Kreuzbandriss begünstigen können. Auch Alter, Geschlecht und Witterungsbedingungen bzw. Untergrund des Spielfeldes beim Sport spielen eine Rolle. Die gute Nachricht: Die Stabilität der Knie können sowohl kniegesunde Sportler und Nicht-Sportler, aber auch Patienten nach einer Kreuzband-OP und Menschen mit anderen Knieproblemen mit wenigen effektiven Übungen schnell und gut verbessern. Geeignete Übungen lassen sich dabei in unterschiedliche Kategorien einteilen:

Kraftaufbau:
Bei Nicht-Sportlern ist dies häufig der wichtigste Teil der Prävention. Übungen wie Kniebeugen und Ausfallschritte in unterschiedlichen Variationen sprechen gleichzeitig mehrere Muskelgruppen an. Wer diese regelmäßig ausführt, kann schon in kurzer Zeit viel für gesunde Knie tun. Bei Sportlern hingegen sollte der Fokus auf dem Ausgleich von Dysbalancen liegen. Gerade bei Ballsportlern ist die vordere Oberschenkelmuskulatur oft stärker als die hintere.

Beinachsentraining:
Wer eine Fehlstellung wie beispielsweise X- oder O-Beine hat oder wer beim Sport dazu neigt, in eine solche Fehlstellung zu geraten – beispielsweise bei Sprüngen – profitiert von gezieltem Beinachsentraining. Dazu eignet sich unter anderem das Trainieren von sportartspezifischen Bewegungen und Sprüngen auf einem weichen Untergrund, z.B. einer Matte. Wer keinen Risikosport ausübt, sollte bei Verdacht auf eine Achsfehlstellung dennoch geeignete Maßnahmen mit einem Orthopäden oder Physiotherapeuten besprechen. Eine Versorgung mit Einlagen oder eine Achskorrektur können den vorzeitigen Gelenkverschleiß gegebenenfalls abwenden.

Koordinations- und Balancetraining:
Nicht nur, aber besonders nach einer Knie-OP gilt es, Koordination und Balance zu trainieren. Dazu eignen sich unter anderem Hilfsmittel wie ein Wackelbrett, Balance Board oder ein Therapiekreisel. Koordination und Balance lassen sich aber auch verbessern, wenn man Übungen auf einem weichen Untergrund wie dem Bett oder dem Sofa oder auf einem zusammengerollten Handtuch ausführt.

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