"Wir haben gesungen, gelacht und geweint" - Interview zum Film "Kinder auf der Flucht"

Menschen, die auf dem Boden sitzen, einige um eine Decke geschart

"Wir haben gesungen, gelacht und geweint" - Interview zum Film "Kinder auf der Flucht"

Kinder, die vor dem Krieg in Syrien geflohen sind - sie hat der Filmemacher und ehemalige Kriegsreporter  Hernán Zin ein Jahr lang begleitet. Mit dem WDR spricht er über die Dreharbeiten und einen besonderen Tag "mit" Angela Merkel.

WDR: Was war der beeindruckendste Moment während der Dreharbeiten?

Hernán Zin: Der Tag, an dem Angela Merkel verkündet hat, dass Deutschland seine Türen öffnet, um die Geflüchteten aufzunehmen, die in Ungarn und auf der Balkanroute feststeckten. An dem Tag sind wir 40 Kilometer gelaufen. Die Menschen haben gesungen, gelacht und geweint. Ich auch.

Nach so vielen Wochen der Ignoranz und Zurückweisung gegenüber den hunderttausenden Menschen, die vor dem Krieg in Syrien flohen, stand Europa endlich zu seinen Idealen, zu dem, für das es in der Welt steht: Ein Ort der Demokratie, der freien Meinungsäußerung, der Solidarität und der Menschenrechte.

Der traurigste Tag war ein Drehtag, an dem ich an der türkisch-syrischen Grenze viele Kinder mit schwersten Verletzungen getroffen habe. Ihr Leid werde ich nie vergessen.

WDR: Im Film "Wo ist mein Zuhause? Kinder auf der Flucht" sehen die Zuschauer die Geschichte von drei Kindern zwischen 8 und 13 Jahren. Mit wie vielen Kindern hatten Sie insgesamt Kontakt, und wie viele konnten Sie tatsächlich mehrmals treffen?

Zin: Ich habe im Verlauf der Dreharbeiten über 20 Geschichten verfolgt, konnte aber nur sieben der Kinder wiedertreffen. Die Balkanroute war so chaotisch, und es gab keine Datenbank für Flüchtlinge in Europa. Wir haben versucht, die Kinder zu finden, aber oftmals war es unmöglich. Das frustriert mich sehr.

Regisseur Hernán Zin und einer der Jugendlichen an einer Straße, daneben Autos im Stau vor der ungarischen Grenze

Dreharbeiten an der ungarischen Grenze

Besonders in den Fällen von Minderjährigen, die alleine geflohen sind. Ich erinnere mich an den Tag, an dem Angela Merkel sagte, die Flüchtlinge seien willkommen. An dem Tag war ich mit drei Brüdern aus Aleppo unterwegs, die ihre Eltern im Krieg verloren hatten. Der jüngste hatte Kinderlähmung. Die waren so enthusiastisch, endlich in Europa zu sein. Sie waren so stark. Sie haben mir sogar geholfen, mein Equipment zu tragen, weil ich an dem Tag ganz alleine unterwegs war mit mehreren Kamera-Objektiven im Gepäck.

Als es dunkel wurde, haben wir uns nebeneinander am Straßenrand ausgeruht. Neben tausenden anderen Geflüchteten. Aber später gab es keine Möglichkeit mehr, sie wieder zu treffen. Und wir haben alles versucht: bei Hilfsorganisationen, in den Registrierungsstellen der Länder und in sozialen Netzwerken.

WDR: Wie war es möglich an den Grenzen, zum Beispiel in Kroatien zu drehen? Oder im Camp in Idomeni? Sind Kamerateams da nicht verboten?

Zin: Ich drehe seit 20 Jahren Filme, meistens in Kriegsgebieten. Wenn es darum geht, Zugang zu Orten zu finden, war das bei Weitem nicht der schwerste Film. Kein Vergleich dazu, in Gaza, Somalia, im Südsudan oder in Afghanistan zu drehen.

Ein entscheidender Teil meiner Arbeit als Regisseur und Kameramann ist es, Grenzen zu überwinden, die wenige überschreiten, und Zugang zu Menschen und Situationen zu finden, die schwer zugänglich sind. Egal, ob im Tunnel von Ägypten nach Gaza oder in den Favelas in Rio de Janeiro. Ich frage nie, ob es erlaubt ist dorthin zu gehen oder nicht. Ich gehe hin und drehe.

Was mich allerdings wirklich frustriert hat war, dass ich keinen Zugang zu Flüchtlingsheimen in Deutschland bekommen habe. Und dann das schlechte Benehmen der Menschen, die die Camps leiten. Ich war sehr überrascht und enttäuscht.

Menschenmenge an einer Grenze, Filmemacher mit Kamera

Das Kamerateam erntet kritische Blicke an der slowenischen Grenze

Das ist doch das Herz von Europa. Aber in manchen Heimen wurden wir rausgejagt von Typen, die sonst eher in Discos zu arbeiten scheinen. Die hatten keinerlei Respekt vor der Presse und waren überhaupt nicht geübt darin, mit Journalisten umzugehen.

WDR: Wie fühlte es sich an, die Mutter des kleinen Mohammed in Stuttgart besuchen zu können, während er selbst in Idomeni und Athen festsaß und sie seit zehn Monaten nicht gesehen hatte?

Zin: Das passiert mir ständig. Als Europäer kann ich fast überall hingehen.  Für die tollen Menschen aber, die ich in Afrika getroffen habe oder in Asien, ist es sehr schwer, Grenzen zu überschreiten.

Meine Kontaktleute, meine Fahrer - egal ob im Gazastreifen, in Somalia, in Indien oder Afghanistan - sind gefangen in ihren Ländern. Sie sind talentiert, gut ausgebildet und neugierig. Aber sie haben nur eine kleine Welt zur Verfügung. Was Mohammeds Mutter angeht: Als ich mit den Dreharbeiten für den Syrien-Film begonnen habe, war mir nicht klar, wie schwer die Familienzusammenführung ist. Sogar einige unserer syrischen Kollegen, selbst Geflüchtete hier in Spanien, haben das gleiche Problem.

Der Krieg in Syrien hat nicht nur das Land zerstört, sondern auch die Familien. Sie sind nun in der ganzen Welt verstreut.

WDR: Hatten Sie manchmal das Gefühl, selbst helfen zu müssen?

Zin: Diese Frage höre ich oft. Meine Art zu helfen ist es, die Geschichte zu erzählen. Ich bin ja nicht Superman.

Aber natürlich helfen wir auch. Wir haben unser Auto sehr oft genutzt, um ältere oder verletzte Flüchtende zu transportieren. Wir haben Medizin und Essen gekauft und einigen geholfen, sich in der ganzen Bürokratie zurechtzufinden.

Wir sind alle zuerst Menschen, dann sind wir Geschichtenerzähler. Aber meine Aufgabe ist es, die Geschichte der Menschen zu erzählen. Das hat immer Priorität.

Das Gespräch führte Christina Zühlke.

Stand: 31.01.2017, 14:00

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2 Kommentare

Neuester Kommentar von "U.Vogler", 03.02.2017, 22:57 Uhr:

Der Film hat mich sehr berührt, Herr Zorn. Ich habe seit gut einem Jahr mit einzelnen syr. Geflüchteten zu tun, über relativ ange Zeit nun schon, dadurch vertrauter und intensiver geworden, sehr nah am einzelnen dran, was ein großes Geschenk , aber auch sehr belastend (durch die Geschichten aus Syrien vor allem und den Familienmitgliedern noch dort oder in jord. Camps...) sein kann. Welche Werte stoßen hier aufeinander, wie leben wir hier nebeneinander... und viele Syrer, die ich kenne nun, noch mit ihren "Seelen" in dem Land, das sie so lieben und dass sie nur aus der Sorge um ihre direkte Familie verließen... . soviel Trauer auch und Erfahrungen, die wir nicht voneinander kennen... . es ist vieles bedrückend, aber lösen und gehen können wir nur zusammen in gewisser Weise, Schritt für Schritt. "Together we are strong!" und "Together we are less alone...." sage ich denen , die Englisch verstehen ... und wir versuchen es zu leben. Danke für Ihren Film, in gewisser wiese fehlen bei ...

Kommentar von "Don.Corleone", 02.02.2017, 12:58 Uhr:

Ich verstehe nicht "Familienzusammenführung" , die müssen doch alle wieder# nach hause !. Ihr Vaterland wieder aufbauen, wie wir es nach d. Kriege auch getan haben, ohne fremde Hilfe ..nur u.Tränen, Schweiß u. Blut ! Welche Ansprüche stellen die z.großen Teil Armuts-Migranten ? Psycho-Beträuung bis z. Abwinken usw. Skandal o. Ende . Wieviel Kinder nimmt Polen auf ? Oder Australien ? Absurdistan in Deutschland u. d.Dt. Michel zahlt auch noch ALLES ! Nur eine läppische grundrente, dafür hat merkel keine Kohle übrig ,