Mann steht vor Baustelle im Ahrtal.

In der Gefahrenzone - der Wiederaufbau im Ahrtal

Stand: 23.05.2022, 15:18 Uhr

Agron Madjuni lebt mit seiner Familie in Altenburg. Mitten im Überschwemmungsgebiet baut er gerade sein Haus wieder auf. Natürlich mit großer Sorge. "Immer wenn es Regen gibt, denkt man, ob wohl alles gut gehen wird. Freunde haben mir gesagt, was willst du noch hier, wir bieten dir woanders eine Wohnung. Aber das will ich nicht. Ich habe hier meine Heimat gefunden. Noch mal wieder weg und von vorne anfangen, das schaffe ich nicht.“ Schon einmal hat er alles hinter sich lassen müssen, als die Familie aus dem Kosovo flüchtete. Im Überschwemmungsgebiet wieder aufzubauen: für ihn eine emotionale, aber auch eine wirtschaftliche Entscheidung, denn für ein Grundstück woanders fehlt ihm das Geld. 

Mann steht vor einem Zaun. Im Hintergrund das Ahrtal

Biologe Wolfgang Büchs kritisiert den Wiederaufbau in Ahrtal - ohne umfangreiche Schutzmaßnahmen kommt Altenburg seiner Meinung nach nicht aus der Gefahrenzone.

„Wir haben verstanden!“ So reagierte die Politik auf die Flutkatastrophe im vergangenen Sommer. 134 Tote durch die Flut allein an der Ahr, das dürfe nicht noch einmal passieren. Und deswegen sollte alles anders werden, ein wirklicher Neuanfang für die Menschen. Das Ahrtal: eine Modellregion für einen Wiederaufbau, die Hochwasser und die veränderten Klimabedingungen ernst nimmt. Doch was ist ein Jahr nach der verheerenden Flut aus den Plänen und Versprechungen geworden? Gibt es überhaupt einen Plan? Wie werden die Menschen in Zukunft am Fluss leben, was wird ihr Leben sicherer machen oder kann es das gar nicht mehr geben: ein sicheres Leben so nah an der Ahr?

Frau steht vor kaputten Häusern.

Ortsvorsteherin von Kreuzberg, Anke Hupperich: Auch ein Jahr nach der Flut können viele hier noch nicht in ihren Häusern wohnen

Über ein dreiviertel Jahr hinweg haben wir die Wiederaufbaumaßnahmen begleitet, sind Menschen begegnet, die verunsichert sind, aber keine Wahl haben, woanders hin zu ziehen und nun ihre Häuser wieder in Überschwemmungsgebieten aufbauen. Experten sind sich einig, dass der Fluss mehr Raum braucht, wenn Katastrophen wie im vergangenen Sommer zukünftig vermieden werden sollen. Aber mehr Raum für den Fluss bedeutet im engen Tal der Ahr auch weniger Platz für die Menschen. Wie kann es da eine Lösung geben, die beide Seiten berücksichtigt? Schon jetzt zeichnet sich ab: Den großen Wurf, einen Masterplan, wird es nicht geben. Politik und Verwaltungen verfangen sich zusehends in komplizierten Genehmigungsverfahren, während den Menschen im Ahrtal die Zeit davonläuft. Wird die Chance vertan, aus einer Katastrophe zu lernen?

Sicht auf das Ahrtal.

Blick von oben auf Kreuzberg / Altenahr – ein enges Tal. Eigentlich braucht die Ahr mehr Platz. Doch wo sollen dann die Menschen leben?

Ein Film von Wolfgang Minder
Redaktion: Gudrun Wolter