Kritisch Reisen: Alpenrausch im Klimawandel – Der Ausverkauf der Berge

Kritisch Reisen: Alpenrausch im Klimawandel – Der Ausverkauf der Berge

die story 08.01.2020 45:00 Min. UT Verfügbar bis 08.01.2021 WDR Von Sabine Harder, Martina Treuter

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Kritisch Reisen: Alpenrausch im Klimawandel – Der Ausverkauf der Berge

„As langat!“ rufen sie – es reicht – und wandern eine Woche lang durch die Alpen. Einwohner aus dem Vorarlberg und Tirol haben sich zu dieser Protestwanderung zusammengetan, um Touristen und Politiker wachzurütteln. Sie haben genug von der Zerstörung ihrer Heimat für immer größere  Skigebiete und den Massentourismus. Viele Wintersportgebiete in den Alpen sind durch den Klimawandel nicht mehr schneesicher. Um dennoch Skitouristen anzulocken, überbieten sich die verbleibenden Skigebiete mit Superlativen: Durch Skischaukeln werden einzelnen Skigebiete zu gigantischen  Ski-Arenen mit hunderte von Kilometern langen Pisten zusammengelegt. Ein Großteil dieser Pisten muss dabei ständig künstlich beschneit werden, um sie nutzen zu können. Großevents aus Sport, Musik und Fun markieren Start und Ende der Saison. Um den Skizirkus trotz Klimawandel in Gang zu halten, schrecken Betreiber sogar vor illegalen Baumaßnahmen am Berg nicht zurück. Und die Strafen in Österreich dafür sind im Vergleich zum möglichen Gewinn verschwindend gering.

Ein Skifahrer auf einer schneebedeckten Piste. Im Hintergrund sind schneefreie Berge und Wiesen zu sehen.

Skifahren im Grünen: Mitte Oktober eröffnet Kitzbühel seine ersten Pisten. Skifahren auf Kunstschnee bei 20 Grad zur Saisoneröffnung.

Die Folgen dieser Eingriffe in die Natur spüren Einheimische schon heute. So erzählt eine Bewohnerin aus Pettneu in der Nähe von St. Anton von Hängen, die immer instabiler werden. Im Sommer vergeht kaum ein Monat, in dem keine Muren abgehen, die Straßen zuschütten oder gar Häuser zerstören. Am Arlberg gab es im Januar mehrere Lawinentote und in Balderschwang im Allgäu zerstört eine riesige Schneelawine Teile eines Hotels. Das Wetter wird extremer, prophezeien Experten. Wie aber soll es weitergehen mit dem Skitourismus in den Alpen?

Denn die Menschen in den einst armen Bergdörfern leben heute fast ausschließlich vom Skitourismus. Deshalb traute sich lange Zeit kaum ein Einheimischer, sich gegen die Auswüchse des Massentourismus aufzulehnen. Doch der wird durch den Klimawandel immer extremer. In Kitzbühel versucht man die Skisaison bereits Mitte Oktober bei 20 Grad zu eröffnen. Durch sogenanntes „Snowfarming“, also dem Ausbringen des gelagerten Kunstschnees aus dem Vorjahr, können Pisten schon im Herbst befahren werden. Die Touristenmassen strömen in schneesichere, höhergelegene Regionen. Die Gipfel werden bebaut, koste es, was es wolle. Die Folge: Während einige Skigebiete immer größer werden, sterben kleinere Dörfer aus – ein ruinöser Wettbewerb. Hotspots wie St.Anton oder Ischgl setzen auf Masse und Expansion. Doch viele Hoteliers finden kein Personal mehr: Es gibt kaum Wohnraum für Saisonkräfte, da jeder Quadratmeter lukrativ an Touristen vermietet wird.

Zahlreiche Menschen mit Ski-Ausrüstung stehen vor einem Check-In.

Massenansturm an den Liften an Weihnachten in St. Anton am Arlberg.

Stößt der Tourismus in den Alpen an seine Grenzen? Oder helfen neue Konzepte für einen nachhaltigeren Tourismus, wie sie Orte wie Balderschwang im Allgäu ausprobieren?

Ein Film von Sabine Harder und Martina Treuter
Redaktion: Gudrun Wolter (WDR), Birte Gräper (SWR)

Stand: 03.12.2019, 12:34