Kinderarmut – Das große Versagen

Kinderarmut: Das große Versagen

die story 15.09.2021 44:11 Min. UT Verfügbar bis 30.12.2099 WDR Von Angelika Wagner, Gudrun Wolter


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Kinderarmut – Das große Versagen

Wieder ist eine Legislaturperiode vorbei. Und das Problem der Kinderarmut ist eher größer denn kleiner geworden. „Sie sagen zwar immer, es kommt nicht darauf an, wo du herkommst. Aber es kommt gerade drauf an, wo du herkommst“, sagt der 17-jährige Mert.

Armutserfahrungen im Kindesalter haben Auswirkungen auf Bildung, Gesundheit und Berufschancen. Jedes fünfte Kind in Deutschland wächst in Armut auf – mit denkbar schlechten Zukunftschancen. Das Problem ist seit Jahrzehnten bekannt, Lösungswege ebenfalls. Aber sie finden keine politischen Mehrheiten: So scheitert die seit Jahren geforderte Kindergrundsicherung ebenso wie die Abschaffung des Ehegattensplittings, das besonders für Alleinerziehende eine große Benachteiligung darstellt. Die Konsequenz daraus: Der Staat zahlt Milliarden für familienpolitische Leistungen, aber unsere Gesellschaft spaltet sich trotzdem immer mehr in Arm und Reich. Und die Armutsgefährdung von Kindern und Jugendlichen steigt von Jahr zu Jahr.

Die 15-jährige Kilia ist es gewohnt, auf Vieles zu verzichten. Ihre Mutter ist alleinerziehend und lebt von Arbeitslosengeld - nach Burnout und einem Hörsturz durch Überlastung. Für Kino, Konzerte, Freibad oder Kilias Hobbies reicht das monatliche Budget nicht. „Ich spare am meisten an Bekleidung, und bei Lebensmitteln kaufe ich Angebote. Wir kommen gerade so über die Runden, aber sobald mal so etwas wie die Waschmaschine kaputt geht, reicht es nicht mehr,“ sagt Tanja H.

Kilia sitzt in ihrem Zimmer und lächelt

Kilia will mal Polizistin werden.

Wer weniger als 60% des durchschnittlichen Einkommens hat, gilt als arm, so lautet die Definition. Es kann schnell gehen, dass jemand in finanzielle Not gerät: Krankheit, Jobverlust oder Trennung. Betroffen sind auch immer mehr Kinder, deren Eltern im Niedriglohnsektor arbeiten.

Wie Tanja H. lebt hierzulande inzwischen jede zweite Alleinerziehende unter der Armutsgrenze. Für Ausgaben wie Klassenfahrten muss Kilias Mutter Zuschüsse beantragen, damit ihre Tochter überhaupt mitfahren kann. Ein Zuschuss für Kilias Abschlussfahrt wurde abgelehnt, jetzt muss Tanja H. nochmal nachhaken. „Es fängt damit an, dass man an unterschiedlichen Stellen die verschiedenen Anträge stellt. Häufig geht es da um 20 Euro im Monat und man muss dafür aber gefühlt 50 Anträge stellen.“

Tanja Hoppe füllt Anträge aus

Die Alleinerziehende Tanja Hoppe muss Anträge stellen, um staatliche Zuschüsse zu erhalten.

Das System der öffentlichen Zuschüsse ist kompliziert. „Die Bundesregierung kalkuliert den Haushalt so, dass sie davon ausgeht, dass die Hälfte das nicht beantragt“, sagt Heinz Hilgers vom Deutschen Kinderschutzbund. Um Kinderarmut zu beseitigen und die Folgen von Armut abzufedern, müsste auch deshalb auf unterschiedlichen Ebenen etwas getan werden.

Die Bundesregierung steht also vor einer komplexen Herausforderung. Die Story hat die Parteien befragt, welche Lösungen sie nach der Bundestagswahl anpacken wollen. Denn Kinderarmut ist ein strukturelles Problem, kein privates.

Ein Film von Renate Werner und Anke Bruns
Redaktion: Angelika Wagner, Gudrun Wolter

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Stand: 30.07.2021, 11:59