Ischgl – Die Pandemie und das Skiparadies

Ischgl: Die Pandemie und das Skiparadies

die story 10.03.2021 43:08 Min. UT Verfügbar bis 10.03.2026 WDR Von Matthias Sdun


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Ischgl – Die Pandemie und das Skiparadies

Winterlandschaft in den Bergen

Ischgl - EIn Skiparadies ohne Touristen

Der kleine Skiort Ischgl ist im Frühjahr 2021 zum Dornröschenschlaf gezwungen. Wo sich sonst zehntausende Gäste tummeln, sind Hotels und Gaststätten im Januar leer – noch immer geschlossen. Drei Mal wurde der Saisonstart verschoben. Normalerweise wäre der Auftakt am 26. November 2020 gewesen, doch nach der ersten kam die zweite Welle, und was im Sommer unvorstellbar war, wurde Realität: Erneute Lockdowns in ganz Europa.

Ischgl wurde in den letzten Jahren zum Ibiza der Alpen. Wintersport-Fans kamen in Scharen und tummelten sich in den zahlreichen Aprés-Ski Bars. Im Frühjahr 2020 infizierten sich hier mutmaßlich tausende Urlauber während ihres Skiurlaubs. Die letzten von ihnen reisten am 13. März unter chaotischen Bedingungen ab. Ischgls Umgang mit der Pandemie rückte den Ort ins Rampenlicht der Weltpresse – Ischgl wurde zu einem Synonym für ein Superspreading-Ereignis.

„Wir waren vier Mal zusammen in Ischgl,“ sagt Dörte Sittig. „Es war schon ein schöner Urlaubsort. Es sind tolle Pisten, es sind auch exzellente Hotels und wir hatten immer eine tolle Zeit.“ Im März 2020 blieb sie zu Hause. Ihr Lebensgefährte fuhr mit drei Freunden, musste mit ihnen am 13.3. übereilt das Tal verlassen. Bei seiner Abreise begannen die Symptome, im April 2020 verstarb er mit 52 Jahren an Covid-19. „Ich habe die Arztberichte noch zu Hause. Aber ich habe sie mir noch nicht angucken können. Das schaffe ich nicht“, erzählt Dörthe Sittig. Sie hat sich mit vielen anderen zusammengeschlossen und sich an den Verbraucherschutzverein in Wien gewendet. Sie klagt im Namen ihres verstorbenen Lebensgefährten auf Schadensersatz. Doch: Knapp ein Jahr nach dem Corona-Ausbruch in Ischgl ist noch nicht abschließend geklärt, wer die Verantwortung für die Todesfälle trägt.

Leere Bar in Ischgl

Die Bar Kitzloch in Ischgl. Hier wurde vor gut einem Jahr ein Kellner positiv auf das Virus getestet.

Die Menschen im Dorf hoffen darauf, dass bald wieder Touristen kommen. „Nach so einem März wie es der letzte war, weiß man viel mehr. Man hat viel mehr Erfahrung mit dem Virus“, sagt Bernhard Zangerl. Er kommt aus einer Familie, die in Ischgl Hotels und Restaurants betreibt, er selbst ist Chef der Aprés-Ski-Bar Kitzloch. Sein Laden erlangte im März 2020 traurige Berühmtheit, weil hier der erste offiziell bestätigte Corona-Fall in Ischgl war.

Mann hinter der Theke

Kitzloch Chef Bernhard Zangerl

Wie gehen die Menschen in dem kleinen Dorf mit der Verantwortung um, die sie für die Gäste tragen und wie planen sie eine Saison, die wieder und wieder verschoben wird? Was bedeutet der Ausfall für die Menschen, die sonst vom Skitourismus leben? Sie haben Millionen investiert, Seilbahnbetreiber und Tourismusverband wollen versuchen, die neue Saison unter Pandemiebedingungen zu starten.

Ischgl Straße im Sommer

Ischgl Im Sommer

Die Story zeichnet die Entwicklung der letzten Monate nach und fragt: Wird die Corona-Pandemie für Ischgl auch in diesem Jahr zur Katastrophe, weil fast die gesamte Saison ausfällt? Müssen sich Hoteliers und Arbeitskräfte – aber auch die Schneebegeisterten aus Deutschland – auf einen langen, harten Lockdown und Verzicht einstellen? Und ist das Konzept des Massentourismus in den Bergen möglicherweise grundsätzlich überholt? Was sind die Lehren aus dem letzten Jahr?

Ein Film von Matthias Sdun

Redaktion: Nicole Ripperda

Stand: 15.01.2021, 15:06