Giftmüll - Deutschlands schmutziges Geheimnis

Zwei Personen in Schutzkleidung hantieren mit Giftmüll-Behältern.

Giftmüll - Deutschlands schmutziges Geheimnis

9 Uhr morgens auf der A4: Kommissar Jens Meisegeier von der Autobahnpolizei und seine Kollegen suchen unerlaubte oder falsch deklarierte Abfalltransporte - und werden schnell fündig. Ein Laster aus Hessen geht ihnen ins Netz. Auf den Papieren der Lieferung steht Dämmwolle, potentiell krebserregend, die völlig unzureichend verpackt ist. Und das ist noch nicht alles. Der Kommissar stellt fest: Unter die Dämmwolle hatte der Entsorger einfach auch noch andere Stoffe gemischt - und nicht gemeldet.  Ob die anderen Stoffe gefährlich sind, soll im Labor geprüft werden. "Es wird wahnsinnig viel Abfall in und durch Deutschland transportiert und dabei wird viel Schindluder betrieben. Fachleute behaupten, mit Abfall lässt sich mehr Geld machen als mit Drogen", erzählt einer der zuständigen Polizisten. Schindluder heißt zum Beispiel falsch deklarierte Mülltransporte.

Drei Polizisten in Warnwesten stehen vor der Fahrerkabine eines LKWs.

Die Autobahnpolizei in Thüringen hat Abfalltransporte im Visier. Unzureichende Verpackung, falsche oder fehlende Dokumente und nicht selten auch falsch deklarierte Lieferungen sind dabei keine Seltenheit.

Das gilt besonders für die so genannten gefährlichen Abfälle, den Giftmüll. Hier sind die Gewinnspannen besonders groß. "Wenn ich einen gefährlichen Stoff entsorgen will, zum Bespiel Asbest, dann kostet die Entsorgung pro Tonne 300 Euro. Wenn da aber - laut Papiere -  kein Asbest drin ist, dann kostet die Tonne vielleicht nur noch 10 Euro. Das ist natürlich ein lukratives Feld ", sagt Kommissar Jens Meisegeier.

Dämmwolle neben einem Autobahn-Rastplatz, auf dem mehrere LKW stehen.

Tonnenweise Dämmwolle, möglicherweise krebserregend und völlig unzureichend verpackt – nur einer von vielen Fällen der Autobahnpolizei Thüringen. Unter der Dämmwolle hatte der Entsorger weiteren nicht deklarierten Abfall versteckt.

Deutschland hat ein Giftmüllproblem: Jährlich produzieren wir als Industrienation laut Umweltbundesamt rund 17 Millionen Tonnen Sondermüll – alsoAbfallstoffe, die nachweislich eine Gefahr für Gesundheit und Umwelt darstellen. Zusätzlich wird noch Sondermüll aus ganz Europa importiert – ein großer Teil davon landet auf Zwischenlagern und Deponien in Nordrhein-Westfalen. 

Eine Mülldeponie.

Die Müll-Deponie in Heßheim. Hier wird nicht nur Schutt und Schrott gelagert – sondern auch giftiger Sondermüll. Im Sommer 2018 gab es auf dem Gelände zwei mysteriöse Todesfälle.

Die Story begibt sich auf Spurensuche und stellt fest: Das Geschäft hat gewaltige Lücken. In der Theorie wird jeder Transport in Deutschland von Anfang bis Ende dokumentiert und kontrolliert – allerdings häufig nur auf dem Papier. In der Praxis rollen gigantische Mengen an giftigem Abfall durchs Land und niemand weiß sicher, was drin ist. Kontrollbehörden müssen vertrauen, dass das drin ist, was auf dem Papier steht und können nicht jeden Transport überprüfen. Erzeuger und Entsorger müssen die giftigen Abfälle allenfalls stichprobenartig kontrollieren. "Das System bietet den perfekten Nährboden für kriminelle Machenschaften", sagt der Schweizer Entsorgungsexperte Marcos Buser. Und für fatale - mitunter tödliche - Fehler.

Vom Erzeuger bis zur finalen Entsorgung: Warum ist es so schwer, die gefährlichen Abfälle flächendeckend zu kontrollieren und richtig zu entsorgen?

Redaktion: Nicole Kohnert
Ein Film von Trieneke Klein und Gabriel Stoukalov

Stand: 13.02.2020, 13:36