Wie geht es besser? - Eine Brennpunktschule kämpft für ihre Kinder

Ein Klassenraum, in dem gerade unterrichtet wird

Wie geht es besser? - Eine Brennpunktschule kämpft für ihre Kinder

Stolz läuft Brandon Ayissou (19) über einen langen roten Teppich. Sein Lieblingslied schallt laut durch den Raum, rechts und links stehen Lehrer, Eltern und Mitschüler und applaudieren. Vorne angekommen überreicht ihm seine Stufenleiterin in der Essener Gesamtschule Bockmühle das Abiturzeugnis. Durchschnitt 2,6. Im Publikum sitzt Brandons Mutter und hat Tränen in den Augen: „Ich danke Gott dafür, dass er das geschafft hat.“ sagt sie in gebrochenem Deutsch. Denn eigentlich erfüllt Brandon alle Voraussetzungen, um im deutschen Bildungssystem zu scheitern. Zuhause sprechen sie meist kein Deutsch. Brandons Mutter ist alleinerziehend, verdient mit einem Teilzeitjob gerade genug Geld für sich und ihre zwei Kinder.

Wenig Chancen an der Brennpunktschule? Es geht auch anders.

Unzählige Bildungsstudien zeigen seit Jahren: Arme Kinder und Kinder mit Migrationshintergrund schaffen es seltener aufs Gymnasium, brechen häufiger die Schule ab und werden später schneller arbeitslos als Kinder aus wohlhabenderen Familien – und das bei gleichen kognitiven Fähigkeiten. Doch die Gesamtschule Bockmühle in Essen-Altendorf, einem Brennpunktstadtteil im Norden des Ruhrgebiets, zeigt, dass es auch anders geht. Obwohl zwei Drittel der Schüler hier von Hartz IV leben müssen und fast alle Fünftklässler so wie Brandon mit einer Hauptschulempfehlung an die Schule kommen, machen rund 25% eines Jahrgangs Abitur. Wie schafft die Schule das? Was kann man tun, damit Leistung und nicht Herkunft über den Schulabschluss entscheidet?

Aus dem Brennpunkt an die Uni: Ideen für mehr Chancengerechtigkeit

Um das herauszufinden, hat Story-Autorin Anna Herbst die Gesamtschule Bockmühle ein halbes Jahr lang begleitet und erlebt, wie Kinder und Jugendliche auch unter schwierigen Rahmenbedingungen in unserem unterfinanzierten Bildungssystem gefördert werden können - etwa durch die besonders intensive Lehrer-Schüler-Beziehung an der Bockmühle. Jede Klasse hat im besten Fall zwei Lehrer, die so viele Fächer in ihrer Klasse unterrichten wie möglich. Sie sind Ansprechpartner in allen Lebenslagen, führen Gespräche mit Eltern und dem Jugendamt, vermitteln Hilfsangebote, suchen mit ihren Schülern Stellen und schreiben Bewerbungen. Wenn es sein muss, gehen sie zusammen zur Polizei oder zum Psychologen. Unterstützt werden die Lehrer dabei von acht Sozialpädagogen.

Und: An der Gesamtschule Bockmühle wurde der Frontalunterricht abgeschafft. Damit sich die Lehrer besser um jeden einzelnen der knapp 1400 Schüler kümmern können, arbeiten alle Schüler selbstständig nach einem Lernplaner. Jeder kann in seinem eigenen Tempo lernen, aber es werden feste Tages- und Wochenziele vereinbart und Verhaltensregeln aufgeschrieben.

„Was in unserem Gebäude steckt, ist Gold“

Am Ende ist es ein Puzzle aus vielen Maßnahmen, die in Essen ein Gesamtbild formen – und die Bockmühle zu einer Vorreiterin für Chancengleichheit machen. Doch es wird auch deutlich: Ohne das große Engagement der Lehrer würde das alles nicht gehen. Der Film zeigt, wie das Team im Kampf für die Schüler an Grenzen stößt: Das Schulgebäude ist ein Sanierungsfall, der Schulkiosk soll geschlossen werden und es gibt zehn unbesetzte Lehrer-Stellen. Doch die schwierigen Umstände scheinen die Lehrer noch enger zusammen zu schweißen: „Das Gebäude ist der Horror, aber was drin steckt, ist Gold“, sagt die 28-jährige Lehrerin Lisa Bartoleit. Für Schulleiterin Julia Gajeweski ist klar, dass Schulen in schwierigen Lagen viel mehr Personal, bessere Ausstattung und vor allem Wertschätzung brauchen. „Bis zu meiner Pensionierung sind es noch ein paar Jahre, so lange oder bis sich endlich etwas ändert, gehe ich hier allen auf die Nerven“, sagt sie. Und kämpft weiter.

Ein Film von Anna Herbst
Redaktion: Jessica Briegmann und Martin Suckow

Stand: 23.10.2019, 15:29