Ein Brexit und drei Millionen Sorgen - Keine Zukunft für Europäer auf der Insel?

Englische Fahne, Europa Fahne und Schild mit der Aufschrift "One way"

Ein Brexit und drei Millionen Sorgen - Keine Zukunft für Europäer auf der Insel?

Ein Film von Nina Koshofer und Judith Voelker

Ein Jahr ist es her, dass die Briten für den „Brexit“ gestimmt haben. Gleichsam über Nacht wurden damit 3,2 Millionen EU-Bürger, die in Großbritannien leben, zu unerwünschten Migranten, über deren Arbeits- und Aufenthaltserlaubnis die Briten wieder selbst entscheiden wollen.

Menschen, die bislang davon ausgingen, selbstverständlich in Großbritannien zu bleiben, leben seitdem in einer wachsenden Unsicherheit. Der Hauskauf, der Bildungsweg der Kinder, die Verlängerung des Arbeitsvertrages – alle Zukunftsplanungen sind plötzlich in Frage gestellt.

Großbritanniens EU-Bürger

Viele EU-Bürger, die seit Jahren in Großbritannien leben, überlegen nach dem Brexitvotum das Land zu verlassen. Sie sind als Europäer gekommen und wollen nicht als Migranten beschimpft werden.

Christiane Ames mit einem Pass in der Hand auf dem "Home Office" steht

Christiane Ames arbeitet in Southampton in der Erwachsenenbildung. Sie sieht für ihre Familie keine Zukunft mehr in Großbritannien und wird mit ihrem britischen Mann und drei Kindern das Land verlassen.

Christiane Ames arbeitet in Southampton in der Erwachsenenbildung. Sie sieht für ihre Familie keine Zukunft mehr in Großbritannien und wird mit ihrem britischen Mann und drei Kindern das Land verlassen.

Dave Adcock leitet in Southampton die Organisation „EU Welcome“, die Bürgern aus osteuropäischen EU-Staaten bei Fragen zu ihrer neuen Heimat Großbritannien hilft. Seit dem Brexitvotum werden der Organisation vermehrt fremdenfeindliche Übergriffe vor allem auf Polen, Rumänen und Bulgaren gemeldet – meistens anonym.          

Story-Autorin Judith Voelker (links) mit der deutschen Ärztin und Medizinwissenschaftlerin Brigitte Vollmer in Southampton.

Brigitte Vollmer ist Medizin-Professorin an der Universität Southampton und sieht wichtige Forschungsprojekte durch den Brexit in Gefahr. Sie überlegt, Großbritannien zu verlassen. Denn ihr ganzer beruflicher Werdegang war und ist auf Europa ausgerichtet, so wie bei vielen anderen Wissenschaftlern auch.

Barbara Höfling leitet einen deutschsprachigen Chor in London, deren Mitglieder aber aus den unterschiedlichsten europäischen Ländern stammen. Sie will aus Protest keine dauerhafte Aufenthaltsberechtigung beantragen und hofft auf eine gütliche Einigung der Brexitverhandlungen und ein Daueraufenthaltsrecht für EU-Bürger wie sie.

Benjamin de Haas ist Hirnforscher aus Deutschland und Mitarbeiter am University College London. Er lebt mit seiner deutschen Frau und drei Kindern in England, wird aber wegen des Brexits nicht bleiben.

Seit dem Referendum nimmt er die zunehmende Frontstellung gegen Ausländer wahr. Und weil immer mehr Mitarbeiter und Studenten aus der EU die Universität verlassen, verändert sich auch dort die bislang auf internationalen Austausch ausgerichtete Atmosphäre. Er wird sich jetzt in Deutschland nach einer interessanten Stelle umsehen.

Piotr Surmaczynski stammt aus Polen, arbeitet wie viele seiner Landsleute im britischen Pflegedienst in London und hofft, dass sich noch alles zum Guten wenden wird. Weil aber vor allem die Polen Anfeindungen ausgesetzt sind, will er vorsichtshalber die Permanent Resident Card beantragen – eine Art britische Green Card.

Farmerin Jessica Jeans aus Saltash im englischen Cornwall hat für den Brexit gestimmt. Früher, glaubt sie, ging es doch auch.

Die Story beim Dreh der auslaufenden Fischerboote in Plymouth. Auch die Fischer haben mehrheitlich für den Brexit gestimmt – damit nicht länger Fischer aus anderen EU-Ländern vor der englischen Küste fischen.

Viele Bauern in Cornwall hoffen mit ihrer Farm auch ohne EU-Subventionen zurecht zu kommen. Und glauben, dass Erntehelfer aus Osteuropa doch auch nach dem Brexit als Saisonkräfte kommen könnten.

Gehen oder bleiben?

Brigitte Vollmer, deutsche Ärztin am Klinikum in Southampton, denkt darüber nach, sich jenseits der Insel nach einer neuen Stelle umzusehen –sie ist als Europäerin gekommen und nicht als geduldete Migrantin. Manche Kliniken fürchten, dass der Betrieb ohne das Pflegepersonal vom Kontinent nicht mehr aufrecht zu erhalten ist. Mittlerweile lehnen auch deutsche Wissenschaftler – undenkbar noch vor einem Jahr – eine Professur an angesehenen britischen Universitäten ab. Zu ungewiss ist die Zukunft der britischen Wissenschaft, die mit dem Brexit ein Gutteil ihrer Forschungsgelder verlieren wird.

Angst vor Repressalien

Polnische Pfleger trauen sich nicht mehr vor die Kamera aus Angst vor Repressionen in der Klinik, in der sie arbeiten. Barbara Höfling, Chorleiterin in London, erzählt von Chormitgliedern, die auf der Straße nicht mehr Deutsch mit ihren Kindern sprechen. Und Christiane Amers, in Southampton in der Erwachsenenbildung tätig, wird mit ihrem britischen Mann und drei Kindern Großbritannien verlassen. Ihr Haus werden sie nicht los – zu viele wollen jetzt verkaufen.

Europäer als Faustpfand

Seit dem Brexit-Votum machen sich über 3 Millionen EU-Bürger in Großbritannien Sorgen um ihre Zukunft. (Archivfoto: Demonstranten vor dem Parlament, London)

Seit dem Brexit-Votum machen sich die EU-Bürger in Großbritannien Sorgen um ihre Zukunft. (Archivfoto: Demonstranten vor dem Parlament, London)

Regierungschefin Theresa May  aber will sich ihren harten Brexitkurs mit einer vorgezogenen Neuwahl am 8. Juni bestätigen lassen. Längst sind die EU-Ausländer auf der Insel zum Faustpfand der Austrittsverhandlungen zwischen London und Brüssel geworden. „Wir sind Menschen, und keine Verhandlungsmasse!“ empört sich Maike Bohn vom in Bristol gegründeten Bündnis „The 3million“.

„Früher ging es doch auch!“

Die Fischer in Plymouth dagegen glauben an einen besseren Verdienst, wenn nach dem Brexit nicht länger sogar spanische Boote vor der englischen Küsten fischen dürfen. Auch Farmerin Jessica Jeans aus Saltash in Cornwall hat für „Leave“ gestimmt und hofft, dass sie auch ohne EU-Subventionen zurechtkommt – und dass ihr trotz Brexit weiterhin Polen bei der Ernte helfen können.

Die Story beleuchtet das Spannungsfeld zwischen politischer Weichenstellung und einer tiefen Verunsicherung, die schon jetzt handfeste Konsequenzen nach sich zieht.

Autorinnen: Nina Koshofer und Judith Voelker
Redaktion: Gudrun Wolter und Norbert Hahn

Stand: 17.05.2017, 10:31

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1 Kommentar

Neuester Kommentar von "Ch. Stephan", 08.06.2017, 23:05 Uhr:

Ich bin 1947 geboren ohne EU und Euro. Es gab Grenzen und verschiedene Länder-Souveränitäten, aber wir sind doch auch in andere Länder gereist, haben dort gearbeitet und gelebt und auch mit verschiedenen Währungen umgehen können, was soll daran so schlimm sein ? Schlimm ist die ideologische Verbohrheit der EU, dass es nur einen richtigen EU-Weg geben soll, unter Ausblendung der Nachteile und dem Unvermögen und Unwillen diese Nachteile zu korrigieren- Selbst die anglikanische Kirche hat in einem Brandbrief, der in der FRundschau veröffentlicht wurde, darauf hingewiesen: d.h. Schutzgelderpressung, Prostitution, Drogenhandel, Kriminalitität, Ausbeutung. Ausserdem ist die EU nicht der Weihnachtsmann: das Geld das dort als Subventionen ausgeschüttet wird, wurde doch vorher jemand anderem zwangsweise abgenommen und dann umverteilt, ohne dass derjenige, der es erwirtschaftet hat, Einfluss nehmen kann. völlig undemokratisch. Ich brauche die EU auch nicht!