Russland und der Fall Nawalny

Russland und der Fall Nawalny

Russland und der Fall Nawalny

Sergej aus der Provinzstadt Iwanowo war bis vor kurzem Polizist. An dem Tag, an dem der russische Oppositionspolitiker Aleksej Nawalny verurteilt wurde, kündigte der 28-Jährige aus Protest seinen Dienst. Er nahm an Demos teil, begann, über Polizeigewalt zu bloggen. Man klagte ihn wegen Verleumdung an, seine früheren Kollegen durchsuchten daraufhin seine Wohnung.

Russland und der Fall Nawalny

Zum ersten Mal im Leben wird Sergej Rimskij, 28 (M), selbst festgenommen. Dabei war er bis vor kurzem selbst Polizist. Nach der Verurteilung Nawalnys hat er gekündigt – und zählt sich zur Opposition.

Der Fall Nawalny hat nicht nur für ihn, sondern für viele in Russland, die die Politik des Landes kritisieren, die Lage verändert.

Vor einem Jahr, im August 2020, wurde auf Aleksej Nawalny ein Giftanschlag verübt, mutmaßlich vom russischen Geheimdienst. Als Nawalny Monate später, nach seiner Behandlung in Deutschland, nach Moskau zurückkehrte, hielten ihn viele für verrückt. Denn es war nichts weniger als eine Kampfansage an den Kreml. Er wurde direkt bei seiner Einreise festgenommen. Seitdem sitzt Nawalny in Haft, und das wohl noch jahrelang. Das erste Urteil gegen ihn – offenbar politisch motiviert. Seine Organisationen wurden verboten, sein Name wird nicht mehr genannt.

Doch was ist aus seinen Anhängern geworden? Aus jenen, vor allem jungen Menschen, die von einem demokratischen, offenen Land träumen? Aus den Zehntausenden, die im ganzen Land auf die Straße gegangen sind? Vielen von ihnen, wie dem Ex-Polizisten Sergej, ging es gar nicht nur um Nawalny – sondern darum, dass überhaupt Opposition zugelassen wird, dass es freie Wahlen gibt, dass ihr Land endlich ein Rechtsstaat wird. 

Die Korrespondenten des Moskauer ARD-Studios haben drei junge Menschen für diesen Film über das letzte Jahr begleitet. Neben Sergej trafen sie auch Nikita, einen jungen Lehrer, der sich getraut hatte, in seiner Kleinstadt gegen das Urteil und für Meinungsfreiheit zu protestieren. Er hat seinen Job verloren – und darf vielleicht nie wieder an einer Schule arbeiten. Ksenija, eine 28-jährige Kommunalpolitikerin, die auf der Welle der Proteststimmung in ein sibirisches Stadtparlament gewählt wurde, steht plötzlich ganz allein da: Fast alle ihrer Mitstreiter sind mittlerweile verhaftet, in Hausarrest – oder mussten das Land verlassen.

Russland und der Fall Nawalny

Mit ihrem Nawalny-Aufkleber auf dem Laptop ist Ksenija Fadejewa, 29, eine Außenseiterin im Stadtrat des sibirischen Tomsk. In ihrer Stadt wurde der Oppositionspolitiker vergiftet.

Ohnehin sind diejenigen, die sich von Nawalny haben inspirieren lassen, nur eine Minderheit im Land. Die große Mehrheit der Menschen in Russland interessiert sich nicht für Politik – und erst recht nicht für Opposition, auch nicht kurz vor der Duma-Wahl, die für den September ansteht. Und eins scheint ganz klar: Ein Jahr nach dem Giftanschlag auf Aleksej Nawalny ist es für Andersdenkende im Land schwerer geworden. Die Freiheit, von der viele Anfang des Jahres träumten, scheint in noch weitere Ferne gerückt.

Ein Film von: Ina Ruck, Joachim Angerer, Demian von Osten

Redaktion: Nicole Ripperda

Stand: 09.07.2021, 15:48