Abgeschottet und gefährlich? Tschetschenische Islamisten in Deutschland

Man sieht zwei Beamten in Zivilkleidung, wie sie einen Wagen durchsuchen und den im Auto sitzenden Mann verhaften.

Abgeschottet und gefährlich? Tschetschenische Islamisten in Deutschland

Sommer 2016 in Detmold. Die junge Deutsch-Tschetschenin Fatima verlässt mit ihrem Mann, dessen Zweitfrau und drei kleinen Kindern ihre Wohnung. Für immer. Ihr Ziel: der Irak. Ihr Mann hatte als Industriemechaniker bei Nixdorf gearbeitet. Doch seine Ziele lagen offensichtlich woanders. „Geh zum Islamischen Staat, die brauchen Leute wie Dich“, soll sein Schwiegervater gesagt haben. Eine Radikalisierung, mitten in Deutschland.

Heute ist der Ehemann der jungen Tschetschenin tot. Gefallen vor Mossul im Irak. Die Kinder sind verschollen. Und Fatima wurde in Mossul verhaftet. Zwischen Kämpfern und Selbstmordattentätern, an der Front. Der Generalbundesanwalt ermittelt gegen sie wegen der Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung.

Zehntausende Tschetschenen leben in Deutschland. Geflüchtet vor Krieg, Gewalt und Verfolgung in ihrem Heimatland. Die meisten wollen friedlich hier leben. Doch immer wieder geraten Tschetschenen in Deutschland im Zusammenhang mit Terrorismus und Kriminalität in die Schlagzeilen. Wieso? Und sind diese Tschetschenen gefährlich?

Foto einer Maschinenpistole, die auf einem Autositz liegt

In Deutschland beschlagnahmte Maschinenpistole eines Tschetschenen


Die Story offenbart einen Einblick in Teile der tschetschenischen Gemeinschaft, die sich abschotten. Organisiert in erzkonservativen Großfamilien leben viele Tschetschenen hierzulande nach eigenen Regeln. „Die deutschen Gesetze interessieren sie nicht“, sagt Medet, ein junger Tschetschene gegenüber der Story. Er und seine Schwester Sura (Namen geändert) werden von der eigenen Familie mit dem Tod bedroht. Sura wurde als „Hure“ verfolgt, nur weil sie Jeans trug. Dabei wollen die beiden nur ein normales, freies Leben führen, und nicht eines nach den strengen Bräuchen ihrer Landsleute und nach der Scharia, an die sich einige Tschetschenen auch hierzulande halten.

Die Story zeigt, wie anfällig Teile der tschetschenischen Diaspora für islamistische Einflüsterer sind. Den Landesämtern für Verfassungsschutz liegen zahlreiche Hinweise auf islamistische Aktivitäten von Tschetschenen in vielen Bundesländern vor. Laut Bundesverfassungsschutz verfügen viele Nordkaukasier, zu denen die Tschetschenen zählen, über Kampferfahrung. Zwar sei Deutschland bislang nicht Ziel terroristischer Anschläge gewesen, dennoch stelle diese Personengruppe ein hohes Gefährdungspotenzial dar. Ihre Schwerpunkte liegen laut Verfassungsschutz in Berlin, Bremen, Brandenburg und auch in Nordrhein-Westfalen.

Längst haben tschetschenische Clans in Deutschland auch in der organisierten Kriminalität Fuß gefasst. Verfassungsschützer und Bundeskriminalamt sehen eine besonderen Gefahr: Sie befürchten, dass kriminelle Tschetschenen innerhalb der Clans mit Islamisten sympathisieren und diese bei möglichen Anschlägen unterstützen könnten. Und Terrorismusexperte Guido Steinberg warnt, der deutsche Staat sei weit entfernt, das Problem tschetschenischer Dschihadisten unter Kontrolle zu haben.

Ein Film von Markus Thoess
Redaktion: Martin Suckow

Stand: 12.02.2019, 13:46