Russlands Schattenarmee

Russlands Schattenarmee die story 07.10.2020 43:24 Min. UT Verfügbar bis 07.10.2021 WDR Von Norbert Hahn, Martin Herzog, Marko Rösseler, Olga Sviridenko

Russlands Schattenarmee

Ein grausiges Video taucht im Internet auf: Zu sehen ist, wie in einer Wüstenregion militärisch gekleidete Männer einen am Boden liegenden Mann mit einem Vorschlaghammer erst foltern, dann töten. Dabei lachen sie und scherzen, geben sich kaum Mühe, ihre Gesichter zu verbergen. Die Story begibt sich auf die Suche nach den Killern in dem Video. Die Spur führt über Syrien nach Russland – zu einer privaten Söldner-Armee, die sich „Gruppe Wagner“ nennt und offenbar in immer mehr Ländern aktiv ist: in der Ukraine, im Nahen Osten oder auch in Afrika. 

In Asbest, einer Stadt im Ural, wo viele ehemalige Soldaten arbeitslos und ohne Perspektive sind, wurden, so erzählen uns Einwohner, Kämpfer angeheuert und zu streng geheimen Einsätzen der „Gruppe Wagner“ geschickt. Was ihre Aufgabe im Donbass, in Syrien oder sonst wo auf der Welt war, unterliegt absoluter Geheimhaltung. Denn offiziell verbietet die russische Verfassung den Einsatz von Privatarmeen oder Söldnern. Wird dieses Verbot still und heimlich unterwandert? Der Kreml bestreitet, mit diesen Männern etwas zu tun zu haben, bestreitet die Existenz einer Söldner-Truppe. Russische Investigativ-Journalisten glauben, ein enger Vertrauter Putins, Jewgeni Prigoschin, dirigiere die Schatten-Armee. Russland-Beobachter Gustav Gressel bestätigt: „Für den Kreml ist eine Söldner-Truppe wie Wagner äußerst praktisch, um militärische Operationen durchzuführen, die es offiziell nicht geben darf - und die man im Zweifel abstreiten kann. Denn Wagner gibt es offiziell ja auch nicht. Plausible deniability heißt das Prinzip.“

Zurzeit gibt es vermehrt Berichte über Aktivitäten der „Gruppe Wagner“ in Libyen, wo es um Öl- und Gasvorkommen geht – ähnlich wie im Krieg um Syrien. Dabei entzieht sich das Treiben dieser Truppe jeder öffentlichen oder strafrechtlichen Kontrolle: „Sie foltern und morden völlig willkürlich,“ berichtet ein geflohener Syrer, der heute in den Niederlanden lebt. Er kennt das Opfer aus dem Folter-Video – er ist entfernt mit ihm verwandt. „Er wollte fliehen und ist aus der Assad-Armee desertiert.“ Er zückt sein Smartphone: Darauf ein Foto des Toten - auf dem er denselben Pullover trägt wie bei seiner Ermordung. Auch einen Video-Gruß des Opfers an seine Familie hat er gespeichert: „Ich komme bald – freue mich auf Euch.“ Der Verwandte in den Niederlanden glaubt nicht, dass die Mörder je zur Rechenschaft gezogen werden. „Aber es ist gefährlich, darüber öffentlich zu sprechen.“ Und obwohl er heute in der vermeintlichen Sicherheit Mitteleuropas lebt, soll sein Wohnort anonym bleiben. Er hat selbst hier Angst vor dem langen Arm der Gruppe namens „Wagner“.

Die Story „Russlands Schattenarmee“ ist eine Spurensuche nach den Killern aus dem Video. Sie liefert Erkenntnisse und Hintergründe über eine Gruppe privater Kämpfer, die an immer mehr Orten der Welt auftauchen, die es aber - zumindest nach offiziellen Angaben des Kreml - gar nicht gibt. 

Ein Film von Marko Rösseler, Olga Sviridenko, Martin Herzog, Norbert Hahn
Redaktion: Nicole Ripperda

Stand: 30.09.2020, 16:26