Mehr Kriminalität durch Flüchtlinge - oder eben nicht

Flüchtlinge vor der Bahn

Mehr Kriminalität durch Flüchtlinge - oder eben nicht

Von Matthias Goergens

Vergewaltigung in Bochum, Mord in Freiburg, Flüchtlinge als mutmaßliche Täter. Steigt tatsächlich die Kriminalität in Deutschland durch Flüchtlinge? Wir haben einige der gängigen Facebook-Thesen mit eigener Recherche überprüft.

"Mit den Flüchtlingen steigt die Kriminalität"

Die Gleichung "mehr Flüchtlinge = mehr Gewalt" sei "vollkommener Quatsch", sagt Sebastian Fiedler als Vize-Chef des Bund Deutscher Kriminalbeamter. "Vor Krieg und Gewalt geflohene Menschen tauchen weniger in der Kriminalitätsstatistik auf als deutsche Straftäter." Unter ihnen gäbe es auch kein höheres Potenzial für Gewaltverbrechen, wie teilweise behauptet werde.

Fiedler hält die Debatte für "eher hysterisch als faktengetrieben" und fragt, warum nicht auch andere Gewaltphänomene diskutiert werden: "Drei bis vier Kinder kommen pro Woche durch Misshandlungen ums Leben. Pro Tag werden in Deutschland 35 Kinder sexuell misshandelt."

"Man fühlt sich nicht mehr sicher - früher war das anders"

Seit Mitte der 1980er Jahre fragen Forscher wie der der Kriminologe Christian Pfeiffer nach der "gefühlten Unsicherheit" der Menschen. Zum Beispiel lassen sie schätzen, wie viele Morde es im Vergleich zur Zahl vor zehn Jahren wohl gibt. Ergebnis: "Die Mehrheit der Menschen liegt von der gefühlten Kriminalitätstemperatur weit höher als die Wirklichkeit." Dass seit Mitte der 1990er Jahre die Taten mit Schusswaffen um 80 Prozent und die der vorsätzlichen Tötungsdelikte seit 2000 um 40 Prozent zurückgegangen sind, sei wenigen bewusst.

Die Zusammenballung von Schreckensnachrichten habe die Menschen verunsichert, auch Meldungen aus Kriegsgebieten oder von Amokläufen, sagt Pfeiffer. Und trotz all der Verunsicherung und eines zuletzt wachsenden Anteils an Ausländern sei es in der Öffentlichkeit aus statistischer Sicht sicherer als vor einigen Jahren. "Die Schnellschuss-Antwort, die Ausländer sind die Bösen und verantwortlich für die Kriminalität, ist einfach falsch."

"So viele Angriffe auf Frauen gab es bisher nicht"

In der Statistik aller Sexualdelikte gilt laut Bundesministerium für Migration einer von 1.000 Asylbewerbern als Tatverdächtiger. Zum Vergleich: Bei den Deutschen gelten im Schnitt 0,3 von 1.000 als Tatverdächtige. Begehen Ausländer also mehr als doppelt so oft Sexualdelikte? Diese Zahlen beweisen nichts, sagt Pfeiffer: "Weil man Äpfel mit Birnen vergleicht: Unter den Ausländern gibt es viel mehr junge Männer, als bei den Deutschen. Dafür bei den Deutschen viel mehr ältere Frauen." Das erkläre die Divergenzen.

Wenn man die Zahlen des Bundeskriminalamtes nehme, habe die Häufigkeit der Vergewaltigungen in Deutschland seit 2004 sogar um 20 Prozent abgenommen. Und das trotz eines deutlichen Anstiegs der Menschen, die aus dem Ausland gekommen sind. Was Sexualmorde angeht, gibt es sogar eine andere Botschaft, sagt Pfeiffer: "In den 1980er Jahren hatten wir pro Jahr um die 55 Sexualmorde, jetzt liegen wir im Schnitt bei fünf."

"Männliche Flüchtlinge betrachten freilaufende Frauen als Einladung"

Die so genannte "Macho-Kultur" ist tatsächlich ein Problem. Darauf weist Kriminologe Christian Pfeiffer hin: "Es kommen derzeit Menschen zu uns aus Kulturen mit männlicher Dominanz." Die Herausforderung sei aber altbekannt und schon einmal gelöst worden. 1998 wurde damit begonnen, jenes Macho-Verhalten systematisch zu erfassen und in Verbindung mit Kriminalitätsverhalten zu bringen.

Ein Plakat mit Baderegeln in einem Schwimmbad in München. Das Plakat klärt u.a. darüber auf, dass Frauen weder verbal noch körperlich sexuell belästigt werden dürfen.

Freizügige Bekleidung von Frauen muss erklärt werden

Am Beispiel Hannover zeigte sich, dass die Anteile türkisch stämmiger Jugendlicher von 30 auf zehn Prozent abgenommen habe, die sich "als kernige Machos" definieren. Parallel dazu habe eine Integration ins Bildungswesen und in Sportvereine stattgefunden. "Diese kulturell gelernten Verhaltensmuster verflüchtigen sich schnell, wenn die Menschen eine Integrationschance haben", sagt Pfeiffer. Die Gleichrangigkeit von Männern und Frauen müsse thematisiert, ein Lernprozess wieder in Gang gesetzt werden.

"Statistiken sollen gut ins Meinungsbild passen"

Tatsächlich sagen die Experten, dass Statistiken aller Art mit Vorsicht zu genießen sind. Vor allem, wenn es um den Vergleich der Kriminalität von Deutschen und Ausländern geht. "Zahlen lügen nicht, aber die Interpretation kann schon mal schief gehen", sagt Kriminalbeamter Sebastian Fiedler.

"Polizeiliche Zahlen sind immer Arbeitszahlen und kein getreues Abbild der Wirklichkeit. Statistiken entstehen durch Anzeigen", sagt Kriminologe Christian Pfeiffer. Und die wiederum hängen von der Bereitschaft ab, jemanden anzuzeigen. So werde nach einer Vergewaltigung beispielsweise eher ein Fremder angezeigt als ein Bekannter oder Verwandter. Die Forscher haben auch festgestellt: "Wenn Max von Moritz verprügelt wird, ist die Anzeigebereitschaft 19 Prozent, wird Max von Mehmet verprügelt, ist sie über 31 Prozent."

"Medien verschweigen absichtlich die Herkunft der Täter"

Laut Pressekodex sollten Journalisten Herkunft, Nationalität oder Religion nicht betonen, wenn es "im Zusammenhang keine Bedeutung hat und respektlos ist". In der Debatte um Flüchtlingskriminalität sind Polizei und traditionelle Medien in jüngster Zeit in den sozialen Medien häufiger beschuldigt worden, zu zurückhaltend mit Angaben zur Herkunft gewesen zu sein. Tatsächlich endet das Abwägen mit unterschiedlichen Ergebnissen.

Kriminologe Christian Pfeiffer rät zum Erwähnen der Nationalität, wenn "die kulturelle Prägung eine Rolle bei der Tat gespielt hat". Bei so genannten Ehrenmorden gehe es gar nicht anders, während es bei einer "normalen Schlägerei in der Kneipe" eher keine Rolle spielt. Bei Sexualdelikten gelte es abzuwarten, ob die kulturelle Prägung eine Rolle gespielt hat. Weil das nicht auszuschließen sei, sei die Nennung aber nicht kritisierbar.

So sind wir auf die Thesen gekommen

Wenn die Aktuelle Stunde über ihre Facebook-Seite, Twitter oder Instagram Beiträge zur Kriminalität von Flüchtlingen veröffentlicht, werden Thesen aufgestellt, es wird behauptet und gefordert. Wir haben daraus eine Auswahl erstellt, ohne Anspruch auf Vollständigkeit. Wer sich intensiver mit den Kommentaren beschäftigen möchte, findet diese hier:

Stand: 19.12.2016, 12:00