In der Krise in die Sekte

Porträt der Sektenaussteigern Silke Blatt vor der Scientology-Kirche in Düsseldorf

In der Krise in die Sekte

Von Annika Franck

Silke Blatt steckte in einer Krise, als eine Freundin Hilfe anbietet. Dahinter verbirgt sich die Scientology-Sekte. Blatt lässt sich zunächst darauf ein, hat aber ein mulmiges Gefühl ...

Eigentlich führt Silke Blatt ein ganz geregeltes Leben. Nach der Banklehre arbeitet sie bei einer Firma im Vertrieb, mit ihrer Chefin versteht sie sich gut, sie ist so etwas wie eine Freundin geworden. Doch immer, wenn die Tage kürzer und die Jahreszeit dunkler wird, geht es Silke Blatt nicht gut. Ihre Chefin, nennen wir sie Susanne, bemerkt das. Immer wieder sagt Susanne Dinge wie 'Ich weiß etwas, das dir helfen könnte.' "Dass sie bei Scientology ist, wusste ich aber nicht", betont Silke Blatt.

Verlust nicht verarbeitet

Der Schatten, der sich immer wieder über Blatts Leben schiebt, ist der plötzliche Tod des Vaters. Er ist einige Jahre zuvor bei einem Autounfall ums Leben gekommen. "Ich war ein echtes Papa-Kind und habe die Trauer über seinen Tod nie zugelassen, den Verlust nicht verarbeitet", weiß sie heute.

Schließlich offenbart Susanne, dass sie Scientologin ist. Und als Silke Blatt mal wieder richtig verzweifelt ist, fährt sie in das große Haus mit der weißen Fassade in der Düsseldorfer Hermannstraße. "Scientology Kirche" steht da. "Ich habe meiner Freundin vertraut und dachte: Wenn sie da ist, kann es ja nicht so schlimm sein."

Erst nett, dann herrscht Befehlston

Scientology-Gebäude in der Düsseldorfer Hermannstraße

Scientology-Gebäude in der Düsseldorfer Hermannstraße

Blatt ist von Anfang an skeptisch, "mir war schon mulmig", erinnert sie sich. Aber zunächst waren die Leute bei Scientology sehr nett zu ihr. Heute weiß sie, dass sie damit nur die Neue beeindrucken wollten. "Später habe ich erlebt, dass Scientologen untereinander nicht nett sind, da herrscht eher Befehlston."

Silke Blatt kommt immer wieder. 25 Stunden pro Woche verlangt die Sekte von ihr - zusätzlich zum normalen Vollzeit-Job. Sie sitzt an der Rezeption, heißt Neue Willkommen. Sie muss aber auch studieren, so genannte Lebensverbesserungs-Kurse: "Wie ich mehr Geld verdiene", "Wie ich eine gute Ehe führe", "Wie ich mehr Selbstbewusstsein bekomme" - für all dies Probleme bietet Scientology eine Lösung an. "In meinem Fall ging es darum, wie ich glücklicher werden kann", erinnert sich Blatt.

Soziale Kontakte brechen ab

Sie bricht Kontakte zu ihren Freunden ab, weil sie nicht will, dass die auch in die Hände der Sekte geraten. Auch ihre Mutter weiß nicht Bescheid. "Ich habe Scientology immer wieder mit meiner alten Gemeinde verglichen." Denn eigentlich ist Silke Blatt evangelische Christin, hat sogar angefangen, Theologie zu studieren. Doch nach dem Tod des Vaters sie sich von der Kirche abgewandt: "Ich habe Hilfe bei meinem Seelsorger gesucht, aber nicht bekommen." Und weil ihre Kirche in der Krise versagt, wird Scientology zur Option.

"Auditing" bis zum Erbrechen

Werbung für das Buch "Dianetik" von Sektengründer L. Ron Hubbard

Teil des Konzepts: "Studieren", um (erfolg)reich zu werden

Dort gibt es dann auch Ansätze der Trauerarbeit, die sie so lange nicht geleistet hat, beim so genannten Auditing, das typisch für Scientology ist. Dahinter verbirgt sich eine Art Technik, die die Menschen zurück in andere Leben und Lebensphasen versetzen soll. Immer wieder werden die gleichen Fragen gestellt, wird die heute 36-Jährige mit den Ereignissen rund um den Tod des Vaters konfrontiert. "Ziel ist es, dass man hinterher sagen kann, alles sei gar nicht so schlimm gewesen. Aber das wollte ich nicht. Ich wollte nicht gefühlskalt werden, sondern einfach besser damit klarkommen." Doch das Auditing geht weiter, bis zu zwölf Stunden am Stück.

Irgendwann während einer Sitzung ist Silke Blatt so erschöpft und fertig, dass sie sich übergeben muss. "Da habe ich gemerkt: Das ist nicht die Hilfe, die mir gut tut." Immer wieder hat sie überlegt, wie sie da rauskommen kann, ohne dass es Konsequenzen für die Arbeit hat. Den Absprung schafft Silke Blatt erst, als Chefin und Freundin Susanne ihr eine Nachricht schreibt und den Kontakt abbrechen will.

Rückkehr in das alte, neue Leben

Sie schafft es, zu gehen - und kommt nicht mehr wieder. Geholfen hat dabei die Beratung vom Sekteninfo NRW in Essen. "Frau Blatt ist durchaus ein typischer Fall, in dem sich ein Mensch in einer Krisensituation hat anwerben lassen", erklärt Sekteninfo-Leiterin Sabine Riede. Typische Krisen seien Jobverlust, Trennung vom Partner oder eine Krankheit. "Dann genießt der Mensch zunächst die Aufmerksamkeit und ist weniger kritisch." Und Scientology bleibt aus ihrer Sicht daher ein Problem, trotz guter Aufklärung in der Vergangenheit. "Ich sehe zwar keine Tendenzen für die Unterwanderung von großen Firmen, aber manche Menschen verstricken sich immer noch sehr", betont Riede.

Silke Blatt sitzt in einem Düsseldorfer Café

Silke Blatt ist froh, über ihr Leben wieder selbst zu bestimmen.

Knapp zwei Jahre ist Silke Blatt bei Scientology. Und hat einiges gelernt: "Dass niemand andres über mein Leben bestimmen soll." Scientology ist für sie kein Glauben, sondern ein Wirtschaftsunternehmen. "Sie sind darauf aus, aus wenig immer mehr zu machen." Blatt hat zu ihrem Glauben zurückgefunden, ist in der evangelischen Kirche mit offenen Armen aufgenommen worden. Dort ist sie nun ehrenamtlich aktiv. Eine ihrer Aufgaben: Konfirmanden über Sekten wie Scientology aufzuklären.

Stand: 14.06.2017, 06:00