Fußball-WM in Katar: Wie FIFA und IOC Diktaturen stärken

Monitor 27.10.2022 10:05 Min. UT Verfügbar bis 31.05.2023 Das Erste Von Andreas Spinrath, Shafagh Laghai

MONITOR vom 27.10.2022

Fußball-WM in Katar: Wie FIFA und IOC Diktaturen stärken

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Bericht: Andreas Spinrath, Shafagh Laghai

 Georg Restle: "Über Energiemangel muss man sich hier keine Gedanken machen. Doha, die Hauptstadt von Katar, wo in wenigen Wochen die Fußball‑Weltmeisterschaft eröffnet wird. Ein Land, das über jede Menge Öl und Gas verfügt. Ein Land, das aber auch wegen massiver Menschenrechtsverletzungen in der Kritik steht. Kritik, die jetzt auch von der Bundesinnenministerin Nancy Faeser geteilt wird, die Frau, die in der Bundesregierung für den Sport zuständig ist:

O-Ton: 'Für uns als Bundesregierung ist es eine total schwierige Vergabe, weil wir finden, dass Sport Großereignisse an Kriterien geknüpft gehören, nämlich an die Einhaltung der Menschenrechte, an Nachhaltigkeitsprinzipien. Es gibt Kriterien, an denen sich gehalten werden muss und dann wäre es besser, dass das nicht in solche Staaten vergeben wird.'

Massive Menschenrechtsverstöße. So etwas hat den Weltfußball noch nie abgeschreckt. Wir erinnern uns an die Fußball‑WM 2018 in Russland, an die EM letztes Jahr in Aserbaidschan oder, etwas weiter zurück: an eine WM 78 in Argentinien, zu Zeiten einer der schlimmsten Diktaturen weltweit. Und immer wieder war von den besten Spielen aller Zeiten die Rede – und großen Fortschritten bei den Menschenrechten. Der Sport mache alles besser, verspricht FIFA‑Präsident Infantino auch dieses Jahr wieder. So etwas nennt man dann Sportwashing. Wenn mithilfe des Sports Menschenrechtsverletzungen einfach übertüncht werden. Shafagh Laghai und Andreas Spinrath"

Vergangenen Freitagabend in der Kölner Südstadt. In der Kneipe “Lotta” fließt das Kölsch. Wer hierher kommt, liebt Fußball. Selbst an Abenden wie diesem, wenn der 1. FC Köln verliert. Doch ab nächsten Monat, wenn die Fußball-Weltmeisterschaft läuft, wird hier kein einziges Spiel gezeigt:

Marie, Betreiberin "Lotta": "Wir haben uns dazu entschieden, die WM in Katar zu boykottieren, aufgrund einer Summe von Missständen, die mit diesem Großevent einhergehen. Das sind für uns vor allem die fehlenden Menschenrechte in Bezug auf Frauen und queere Personen und auch die Arbeitsbedingungen."

Boykott von Katar. Zahlreiche Kneipen und Bars in Deutschland haben sich der Initiative angeschlossen. Kein Fußball in der Fußballkneipe. Katar 2022. Das Superturnier, finanziert von den Öl- und Gaseinnahmen der Scheichs. Seit 12 Jahren baut das Emirat Stadien und Hotels in den Wüstensand, trotz aller Kritik wegen zahlreicher Verstöße gegen Menschenrechte. FIFA-Chef Gianni Infantino behauptet: Durch die WM hätte sich vieles in Katar verbessert.

Gianni Infantino, FIFA-Präsident: "Hier in Katar  organisieren wir die beste WM aller Zeiten.. Alle Veränderungen in Katar in Sachen Menschenrechte, Arbeitsrechte und so weiter hätte es ohne die WM nicht gegeben – zumindest nicht in diesem Tempo."

Verbesserungen bei den Menschenrechten? Damit meint Infantino das sogenannte Kafala-System. Es entrechtet ausländische Arbeitskräfte und macht sie vollständig abhängig von ihren Arbeitgebern. Eine Art moderne Sklaverei. Katar hat es abgeschafft. Offiziell. Menschenrechtsorganisationen sind skeptisch, ob sich die Lage für die Arbeiter wirklich dauerhaft bessert.

Minky Worden Human Rights Watch, Beauftragte für Sport und Menschenrechte: "In Sachen Arbeitsrechte ist das letzte Wort noch nicht gesprochen. Es kann sein, dass die katarischen Firmen, die schon jahrelang ausländische Arbeiter ausgebeutet haben, zu ihren alten Methoden zurückkehren – in dem Moment wenn die WM vorbei ist und die Scheinwerfer  erloschen sind."

Große Versprechungen – die nur gelten, solange die Welt hinschaut? Es gibt viele sportliche Großereignisse, bei denen es dieses Versprechen gab: dass der Sport den Menschenrechten hilft. Vor den Olympischen Spielen in China. Vor den Olympischen Spielen und der Fußball-WM in Russland. Vor der Fußball-WM in Argentinien zu Zeiten der Militärjunta. Vor den EM-Spielen in Aserbaidschan. Und jetzt vor der Fußball-WM in Katar. Der Hamburger Professor für Wirtschaftspolitik Wolfgang Maennig forscht geradezu genau dieser Frage: Führen große Sportereignisse zu Öffnung, zu mehr Freiheiten für die Menschen?

Prof. Wolfgang Maennig, Ökonom, Universität Hamburg: "Wir haben bestimmte Indikatoren wie Pressefreiheit, Meinungsfreiheit, aber auch Arbeitsrechte untersucht und wir können nicht feststellen, dass Sportgroßveranstaltungen dazu führen, dass sich diese Indikatoren in den Ausrichtungsländer verbessern."

Keine Verbesserung in den Ausrichterländern? Oder sogar Verschlimmerung? Beispiel China:

O-Ton: “The Olympics Games will awarded to the city Beijing”

Olympische Spiele im Einparteienstaat China. Trotz totaler Kontrolle. Aber mit einem großen Versprechen:

Thomas Bach, Ehem. IOC-Vizepräsident, 24.03.2008: "Die Spiele werden zur Öffnung von China beitragen."

Zwei Wochen lang sonnte sich China im Licht der Weltöffentlichkeit. Zu mehr Menschenrechten führte das nicht. Im Gegenteil: Kurz danach wird Liu Xiaobo, der bekannteste Oppositionelle und spätere Friedensnobelpreisträger, inhaftiert und stirbt später im Gefängnis. 2013 kommt Xi Jinping an die Macht. Unter ihm entsteht ein System noch massiverer Unterdrückung, von Folter und Umerziehungslagern für die uigurische Minderheit. Ab 2019 wird die Demokratiebewegung in Hongkong niedergeknüppelt. Und trotzdem: China wird erneut Austragungsort für die Winterspiele 2022.

O-Ton: “Beijing”

Und wieder redet der IOC-Präsident von Verbesserungen bei den Menschenrechten.

Thomas Bach IOC-Präsident, 10.03.2021: "Unser Verantwortungsbereich ist (...) im Zusammenhang mit den Olympischen Spielen, die Einhaltung der Olympischen Charta, die Menschenrechte beinhaltet, zu sichern."

Minky Worden Human Rights Watch, Beauftragte für Sport und Menschenrechte: "Die Olympischen Spiele in China haben dazu beigetragen, Xi Jinpings Macht zu stärken. Er wird eine noch nie dagewesene dritte Amtszeit bekommen. (...) Autoritäre Herrscher nutzen große Sportereignisse wie Olympia oder Weltmeisterschaften, um ihr Ansehen im eigenen Volk zu verbessern. Und im Ausland stark zu wirken, während man im Inland mit harter Hand durchgreift."

Sportliche Großereignisse würden die Macht von Autokraten und Diktatoren stärken. Nicht nur in China.

O-Ton: "The Olympics Games in 2014 are awarded to the City of Sotschi."

Olympische Winterspiele in Sotschi, im autokratischen Russland unter Präsident Wladimir Putin. Und wieder dasselbe Versprechen von IOC-Präsident Thomas Bach:

Thomas Bach IOC-Präsident, 11.02.2014: "Wenn wir unserer Verantwortung gerecht werden, haben wir mit dem Sport einen positiven Einfluss auf die Entwicklung in den Gesellschaften.

Die heile Scheinwelt der Olympischen Spiele mit ergebenem Dank an Wladimir Putin:


Thomas Bach IOC-Präsident, 11.02.2014: "Ich möchte dem Präsidenten der Russischen Föderation danken, Herr Wladimir Putin"

Kaum ist die olympische Flamme erloschen, marschiert Russland auf der Krim ein – und annektiert die ukrainische Halbinsel völkerrechtswidrig. Boris Nemzow, der wichtigste Oppositionspolitiker, wird 2015 mitten in Moskau erschossen. In der Ostukraine entfesselt Putin einen blutigen Krieg. Konsequenzen? Keine. Während Putin Krieg führt, feiert Russland nach den Olympischen Spielen 2014 auch noch die Fußball-WM 2018.

O-Ton: "Ladies and Gentleman will be organized in Russia"

Die Menschenrechtsverletzungen? Für die FIFA Nebensache.

Gianni Infantino, FIFA-Präsident, 08.06.2018: "Ich würde nicht sagen, dass wir besorgt sind wegen Diskriminierung, Menschenrechten oder der Sicherheitslage."

Die WM als Propaganda-Show.

O-Ton: "Der Präsident Wladimir Putin"

Gastgeber Putin genießt die große Bühne der Weltöffentlichkeit. Und danach? Die Behörden gehen gegen die letzten kritischen Medien vor. Die Opposition wird ausgeschaltet, zu ausländischen Agenten erklärt. 2020 wird der Oppositionelle Alexej Nawalny Opfer eines Giftanschlags, sitzt heute im Straflager. Am 24. Februar 2022 überfällt Russland die Ukraine. Und was wird aus Katar, wenn keiner mehr hinschaut? Was ist mit diesem Versprechen?

Gianni Infantino, FIFA-Präsident: "Es gab große Fortschritte bei den Lebensbedingungen der Arbeiter."

Eine Fußball-WM für mehr Menschenrechte? Auch nach der WM? Menschenrechtsorganisationen haben daran erheblichen Zweifel.

Minky Worden, Human Rights Watch, Beauftragte für Sport und Menschenrechte: "Erst wenn das Finale der WM abgepfiffen wird, werden wir wissen, ob diese Reformen von Dauer sind – oder ob sie wie Wüstensand hinweggefegt werden."

In der Kölner Kneipe "Lotta" hält man nichts von den leeren Versprechen der FIFA. Mit ihrem Boykott wollen sie ein Zeichen setzen – dafür, dass sich etwas ändern muss.

Georg Restle: "WM‑TV-Boykott. Immer mehr Kneipen im ganzen Land machen da mittlerweile mit. Denn so viel ist klar. Ob diese Fußball‑WM ein Erfolg wird – darüber entscheiden für die FIFA am Ende die weltweiten TV-Einschaltquoten. Man kann also was tun. Und statt Fußball andere Sachen schauen. Zum Beispiel die herausragende vierteilige Dokumentation 'WM der Schande' von unseren sport inside‑Kollegen, die Sie jetzt schon in der ARD‑Mediathek schauen können."

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Stand: 27.10.2022, 22:54 Uhr

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18 Kommentare

  • 18 U. 11.11.2022, 18:36 Uhr

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  • 17 Grummelchen 07.11.2022, 21:17 Uhr

    Was zahlen die ÖR jährlich für die Übertragungsrechte an DFB,UEFA und FIFA aus der Kasse mit der Haushaltsabgabe? Und die ÖR bestreiten eine Mitverantwortung!

  • 16 karl maria 31.10.2022, 15:07 Uhr

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  • 15 Anonym 30.10.2022, 09:58 Uhr

    Ja, ARD und ZDF bringen vorab kritische Beiträge (ausgewogene Berichterstattung!???) - ansonsten wird Katar gefeiert, spätestens zu Beginn der WM. Ich werde kein Spiel anschauen. Der Logik nach dürften die ÖR für keine Übertragung bezahlen und sich keinesfalls dort engagieren. Menschenrechte gelten rund um den Globus - sollten sie. Wer sie verletzt, dem sollte kein Forum geboten werden - ob klein und schon gar nicht in großem Maßstab.

  • 14 Martin Wald 28.10.2022, 22:02 Uhr

    Warum nur die WM boykottieren? Am besten gleich den ganzen Kapitalismus abschaffen und demokratischen Sozialismus wählen. "Die Demokratie verlangt den Sozialismus, und der Sozialismus verlangt die Demokratie." (Kurt Schumacher, ehemaliger SPD-Vorsitzender)

  • 13 R. Wagner 28.10.2022, 10:22 Uhr

    Sehr geehrter Herr Restle, die Kommentare und Bericht zur WM in Katar haben alle den gleiche Ton - es darf nicht sein! Sie berichten von Fußball-Kneipen, welche keine Spiele zeigen und meinen, wir können eben durch nichtgucken etwas bewirken -keiner guckt, keine Einschaltquoten, dann weniger Einnahmen? Wie wäre es denn, nur dann kann Ihr Tipp nicht zu gucken (was ich voll unterstützte) Sinn machen, wenn die öffentlich-Rechtlichen (ARD/ZDF usw.) KEIN Fußballspiel übertragen, nicht so Unmengen an Geld für Übertragungsrechte ausgeben und dadurch Flagge zeigen- ein Statement abgeben. Das wäre mal eine mutige Aktion. Schlagen Sie dies doch Ihren Chefs vor und treten Sie dafür ein, die nächsten Spiele stehen ja an (Winterspiele in Ländern ohne Schnee....). ...Bei ARD und ZDF stehen wir in der ersten Reihe "mit uns nicht". Sorgen Sie dafür, dass wir ein tolles Gegenprogramm haben - und an alle Zuschauer - unterne Sie lieber etwas mit tollen Menschen. Eine besinnliche Adventszeit. LG.

    • Herbert Kuipers 28.10.2022, 18:27 Uhr

      Warum sollten wir gucken wenn doch wieder ein land aus der bekannten reihe weltmeister werden soll?? Warum wurde zum beispiel kühlung in die stadien angelegt? Hier legt mann auch kein heizung in stadien ann wenn Qatarische fussballspieler hier spielen........

  • 12 anstaltslieblingin 28.10.2022, 00:23 Uhr

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  • 11 anstaltslieblingin 27.10.2022, 23:37 Uhr

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  • 9 Aga Bellwald 27.10.2022, 22:22 Uhr

    Gratulation an alle, die diese Schand-WM boykottieren. Hoffentlich schliessen sich immer mehr Menschen diesem Boykott an und machen buchstäblich A.R.D.: Ausschaltknopf Rechtzeitig Drücken. Und auch künftig, wenn die FIFA weiterhin Spiele in Diktaturen organisieren will. Fussball macht nur mit St. Pauli Spass. 👍

  • 8 Lady Justice 27.10.2022, 22:17 Uhr

    Zu spät, Frau Faeser ❗️⏰ 🇶🇦 Katar ist gelaufen ❗️ Kümmern Sie sich um den Schutz unserer Grenzen, stoppen Sie die Fluchtrouten . Und, stoppen Sie die Diskriminierung deutscher Bürger, bei der Wohnungsvergabe in ❗️❗️ Danke im Voraus .

    • Anonym 28.10.2022, 12:25 Uhr

      Stimmt ! Ich habe 40 Jahre geackert hart wie ein Pferd, immer pünktlich öffentliche Abgaben bezahlt und möchte deswegen auch eine Immobilie für lau haben ! Wo bleibt da die angebliche "Soziale Gerechtigkeit" , mit der uns besonders die Sozis und ihr Bundes-Walter aus dem luxuriösem Bundesschloß in Sonntagsreden am laufenden Band zukippen zu können !

    • Aga Bellwald 28.10.2022, 20:31 Uhr

      Hat aber nichts mit dem Beitrag zur Fussball-WM in Katar zu tun. Und wenn's schon zu spät ist, dann können Sie ja insofern etwas gegen diese Spiele dazu beitragen, indem Sie den TV dann ausgeschaltet lassen und gleichzeitig Strom sparen. 😉

    • Anonym 31.10.2022, 16:06 Uhr

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    • Anonym 01.11.2022, 09:42 Uhr

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    • Anonym 01.11.2022, 11:49 Uhr

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    • Peter 03.11.2022, 12:22 Uhr

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    • Anonym 03.11.2022, 15:18 Uhr

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  • 7 TomWuensch 27.10.2022, 22:13 Uhr

    Die Einen bezeichnen die WM in Qatar als "WM der Schande"- z.B. hier in Monitor. Es wird über eine Aktion "Boykott Qatar" berichtet und über die Ignoranz von FIFA und Olympia gegenüber der Missachtung von Menschenrechten. Das stört die Verantwortlichen von ARD und ZDF anscheinend genauso wenig wie die Herren Infantino und Bach. Hauptsache, die Quote stimmt. Schon wieder ein Grund, die Zwangsbeiträge zum öffentlich-rechtlichen Rundfunk abzulehnen, mit denen ich auch das noch finanzieren muss.