Mehr Demokratie wagen? Zum 100. Geburtstag von Willy Brandt

Georg Restle am 17.12.2013

Mehr Demokratie wagen? Zum 100. Geburtstag von Willy Brandt

Von Georg Restle

Er war der erste und der letzte große SPD-Kanzler der Bundesrepublik. Der erste und der letzte Kanzler, der es geschafft hat, Hoffnungen zu wecken auf eine Veränderung, die die Gesellschaft in ihrem Kern verändert. Der erste und der letzte, der diesem Land einen demokratischen Aufbruch verhieß.

Gäste stehen vor einem Bild von Willy Brandt während eines Festakts zum 100. Geburtstag

Festakt zum 100. Geburtstag von Willy Brandt

Jahrzehntelang angefeindet von denen, die den tausendjährigen Muff in ihren Anzügen trugen, von zweifelhaften Parteifreunden und einer Springer-Presse, die ihn heute als Held aller Deutschen glorifiziert.

Gegen falsche Freunde kann man sich nicht wehren, schon gar nicht posthum. Willy Brandt ist längst zur gesamtdeutschen Ikone geworden, ein keimfreier Heiliger, den der große politische Konsens für sich vereinnahmt hat.

Dabei war Brandt immer ein Streitbarer, als Politiker und als Mensch. Einer, der seine politische Überzeugung nicht gegen jede beliebige Machtoption eintauschte. Dass sein Geburtstag nun mit dem Start der Großen Koalition zusammen fällt, mag eine Ironie der Geschichte sein. Damals verhalf ihm die Erstauflage von Schwarz-Rot zur Kanzlerschaft.

Heute träumt einer seiner Nachfolger davon, es ihm gleich zu tun. Wie wenig sich die Geschichten doch gleichen. Was damals eine politische Transformation der Bundesrepublik einleitete, löst heute nicht mal mehr Zweckoptimismus aus. Es mag unfair sein, Gabriel mit Brandt zu vergleichen, aber ein politischer Aufbruch schien selten weiter entfernt als heute. Demokratie wagen? Frieden schaffen? Gerechtigkeit für alle? Nichts davon scheint die neue Regierung zu beseelen. Stattdessen: Infrastruktur als große Zukunftsaufgabe. Als könne man mit Autobahnbrücken die Herzen einer Generation erreichen, die sich längst schon abgewendet hat vom grauen Politikbetrieb.

Politik aber braucht eine große Leitidee, einen Gesellschaftsentwurf und ein Zukunftsversprechen, das über eine vorgezogene Rente mit 65 hinaus geht. Zum 100. Geburtstag von Willy Brandt wird uns dies schmerzlich bewusst: Mit mutloser Konsenspolitik ist kein Staat zu machen!

Georg Restle

Stand: 17.12.2013, 18:50

Kommentare zum Thema

Kommentar schreiben

*Pflichtfelder

Die Kommentartexte sind auf 1.000 Zeichen beschränkt!

Regeln fürs Kommentieren

Sie sind schlauer als Spam-Automaten. Bitte antworten Sie auf folgende Frage:

Wie lautet der erste Buchstabe des Wortes "Haus"?

Warum stellt das Erste diese Fragen?

4 Kommentare

Neuester Kommentar von "Lechner Thomas am 19.02.14 19:20", 30.07.2014, 18:42 Uhr:

Lieber Stefan Krefeld, als ich deinen Text durchgelesen hatte dachte ich zuerst häää, beim zweitenmal hmmmmmmm und beim dritten mal Alles Gute Willy, und grß mir Mahatma und Nelson. Dem hinzuzufügen ist noch ein Satz eines Mannes den ich leider nicht zu lange kennen durfte. " Raida muaß m#r mit de Leid #s raida macht#s Sach aus. übersetzt: Reden muß man mit den Menschen, das reden ist das wichtigste. Liebe Grüße Thommy Lechner

Kommentar von "Stefan Krefeld am 4.01.14 23:20", 30.07.2014, 18:42 Uhr:

Ich verstehe nicht: Wo liegt die "Unfairness" beim Vergleich von "Willy" und "dem Sichma"? "Wir wollen mehr Demokratie wagen!" Demokratie erschien also bis Ende der 1960er als Risiko! Vor allem den vielen Nazi-Mördern, die damals noch in Amt und Würden waren. Die 100 Jahre vor 1969: Sozialisten-Gesetze, Kaisers Krupp-Militarismus (bis in die Schulen), im ersten großen Gemetzel Opfer fürs Vaterland, die angeblich wegen des "Dolchstoßes" am Ende vergeblich erschienen und die für "diese im Felde ungeschlagene Niederlage" Verantwortlichen "November Verbrecher" haben dann mit "...ihrer Republik und Demokratie Versailles ermöglicht und bis `33 alles komplett in den Dreck gefahren...". (Von Verantwortung des Militärs, der Industrie und einer grausamen Austeritätspolitik in der Wirtschaftskrise auch nach `45 kein vernehmbares Wort) Und es wurde `33 noch schlimmer mit der Hirnwäsche: Erst als wieder "Zucht und Ordnung" herrschte, und die "...für den Niedergang verantwortliche B ...

Kommentar von "Walter am 28.12.13 2:08", 30.07.2014, 18:41 Uhr:

"Politik aber braucht eine große Leitidee, einen Gesellschaftsentwurf und ein Zukunftsversprechen, das über eine vorgezogene Rente mit 65 hinaus geht." Politiker ohne Format – Wahlkämpfe die keine sind - Volksparteien ohne Volk Neue oder wiedergewählte Regierungen leiden heute unter der eigenen Machtlosigkeit in einem Systemkorsett das dem Sieger allenfalls erlaubt andere Akzente zu setzen. Auf einen „Politikwechsel „ werden wir vergeblich warten. Das System regiert sich selbst - Geld regiert das System. Das wars, Herr Restle !

Kommentar von "Stefan Wehmeier am 24.12.13 13:54", 30.07.2014, 18:40 Uhr:

Demokratie (Volksherrschaft) bedeutet nicht, alle vier Jahre eine politische Seifenoper zu wählen, die den Staat als eine "Anstalt zur zwangsweisen Einziehung des arbeitslosen Einkommens" erhält, sondern dass jeder Mensch jeden Tag die freie Wahl hat, sein persönliches Leben nach eigenem Ermessen zu gestalten: http://opium-des-volkes.blogspot.de/2013/11/der-wille-zur-macht.html