Heute Kobane – und morgen?

Georg Restle am 17.10.2014

Heute Kobane – und morgen?

Von Georg Restle

Fällt Kobane oder nicht? Weichen die IS-Milizen oder droht ein Massaker an Tausenden? Wir starren mit den kurdischen Familien über die Grenze nach Syrien und wissen nicht weiter: Korridore, Pufferzonen, Bodentruppen – und irgendwann der große Vernichtungsschlag?

Kurden demonstrieren an der türkisch-syrischen Grenze gegen IS

Kurden demonstrieren an der türkisch-syrischen Grenze gegen IS

Nein, da ist keine Strategie, nirgendwo. Wir irrlichtern durch die Logik einer militärischen Eskalation als gäbe es kein Morgen. Wir ahnen, dass alles noch schlimmer werden könnte – und vertrauen doch wieder auf die Macht der Waffen. Und dann dieser Satz – ausgerechnet von der Fraktionsvorsitzenden einer ehemaligen Friedenspartei: Der Kampf gegen den IS sei „nur militärisch“ zu gewinnen. Als hätte es die Kriege in Afghanistan oder im Irak nie gegeben. Als wüssten wir nicht, dass sich Taliban, Al-Nusra oder IS nicht besiegen lassen, solange die Menschen nicht zu ihren Rechten kommen: Schiiten, Sunniten, Kurden.

Wenn uns die Kriege der letzten Jahre etwas gelehrt haben, dann dies: Wir brauchen keinen neuen Krieg. Wir brauchen keine erneute Aufrüstung alter Feinde, neuer Freunde. Und schon gar keine Intervention ins Nirgendwo eines asymmetrischen Krieges. Die kriegshungrigen Terrormilizen des IS, sie wurden genährt, weil westliche Geostrategen ihr antiterroristisches Heil im Waffengang auf Kabul und Bagdad suchten. Weil der militärisch Erfolg stets wichtiger war als eine nachhaltige Nachkriegsordnung. Und weil eine Weltsicht von Gut und Böse blind gemacht hat für die Komplexität von Vielvölkerstaaten. Den Kulminationspunkt dieser Logik – man möchte ihn sich nicht ausmalen. Wenn Syrien oder der Irak nicht von innen aufgefressen werden wollen, wenn regionale Konflikte nicht zum großen Weltenbrand führen sollen, dann muss das Primat des Politischen wieder hergestellt werden vor den kurzsichtigen Erfolgen des Militärischen.

Politische Ansätze gäbe es genug: Waffen-Nachschub stoppen, Grenzen für Kämpfer dicht machen, Finanzierungsquellen des IS trocken legen – das ginge schnell. Eine neue Politik im Irak, die die Sunniten respektiert und eine neue Syrienpolitik – das würde dauern. Und am Ende der große Kongress aller Beteiligten, vielleicht eine neue Staatenordnung. Eine neue Ordnung jedenfalls, die die Interessen der Volksgruppen respektiert; Selbstbestimmungsrechte garantiert und Minderheiten schützt. Eine neue Ordnung, nicht nach westlichen Vorstellungen, sondern nach den Interessen der Menschen im Mittleren Osten. Dies mag ein langsamer Weg sein, und auch er wird Opfer fordern. Aber was wäre die Alternative?

Stand: 17.10.2014, 14:35

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14 Kommentare

Neuester Kommentar von "Waldemar", 15.01.2015, 22:50 Uhr:

Schön Guten Abend! Wir schauen jeden Tag, die Nachrichten, über den Terror, und deren brutale Mörder, die, in Namen Gottes, das Recht haben andere Menschen zu morden.Ich kann nicht verstehen, dass man solche Leute duldet, und nicht liquidiert! Denn, sie sind pure Gefahr für die Demokratie, in jedem Land! Terrorismus hier, Terrorismus her, und wer Bitte!!! verkauft den Völkern, die Waffen??? Sind wir nicht etwa selbst daran Schuld, an solchen Tatorten, wie In Paris, oder heute in Belgien, und vielleicht Morgen in Deutschland, oder wo anders in der Welt? Wir Deutschen können sehr gut vom Rüstungsindustrie leben, nicht war, Frau Kanzlerin? Jedenfalls für mich heißt, hinter jeder verkaufte Waffe, steht ein toter Mensch!!! Das spricht für sich. Und meine Damen und Herren, man muss nicht sofort, als " Recht" angesehen werden.

Kommentar von "Miriam S", 29.11.2014, 18:11 Uhr:

Wenn ich die Kommentare hier lese, denke ich, dass die Generation WWII ausgestorben ist und nicht mehr mahnend das Kriegsgeschrei kritisch zu beleuchten versteht. Herrn Restles obiger Artikel hat meine volle Zustimmung.Wir leben in deutschen Landen auf einer Insel der Seligen und wissen es nicht zu schätzen...hoffentlich wachen wir nicht eines Tages auf und alles um uns herum fällt zusammen wie ein Kartenhaus.

Kommentar von "Werner K.", 15.11.2014, 18:32 Uhr:

Ars... So wie der Name es sagt - völlig intoleranter Kommentar! Trägt nichts zu einer sachlichen Diskussion bei - reiner Polemikjargon...

Kommentar von "Karl Arsch", 13.11.2014, 13:36 Uhr:

Oje, und wieder geht es mit dem typischen Deutschen Spießbürgerrassismus los. Es sterben tausende, hunderttausende sind auf der Flucht und wir befürchten mal wieder Überfremdung und Identitätsverlust. Alle Jahre wieder die selbe Leier, man muss sich echt schämen!!!

Kommentar von "Klaus U.", 30.10.2014, 17:29 Uhr:

Mich würde interessieren, ob es nur in diesen Gegenden Kämpfe gibt, oder auch noch woanders? Seit Monaten berichten die Medien nur von Kobane - da müsste doch der Rest des Landes gar nicht mehr besetzt sein, oder? Erfährt man mal was Neues darüber oder immer nur die gleichen Kamellen? Mittlerweile kriegt man den Eindruck, dass wir bewusst mit Tatsachen unterversorgt werden, um diesen Flüchtlingsansturm in unser Land als notwendig zu akzeptieren!

Kommentar von "Realo Ost", 24.10.2014, 20:40 Uhr:

Kann mich R. Bräunig anschließen, gehe aber soweit zu behaupten, dass die bestehende Ignoranz der sich hier aufhaltenden Flüchtlinge zu unseren Sitten und Bräuchen anhalten wird und sich auch später durch besseren sprachlichen Austausch nicht ändern wird. Wer daran zweifelt - es gibt mittlerweile genügend Beispiele für Parallelgesellschaften in Deutschlands Großstädten! Wenn man in Bayern glaubt, dass man durch die Aktivierung von Freiwilligen und Ehrenamtlichen zwecks Betreuung von Anfang an diese Zukunftsaussichten unterbinden will - da ist man leider auf dem Holzweg...

Kommentar von "Simone", 24.10.2014, 17:51 Uhr:

Textlänge, daher hier weiter: Wie lächerlich wird das noch? Früher gab es Walewatching, heute gibt es Warwatching. Da schaut man mit Ferngläsern im Freilufttheater auf die nächste Qualmwolke. Sollen sich die Testosteron-Männchen doch gegenseitig abschlachten, meinen Segen haben sie. Die Zivilisten (wer ist das in einem Bürgerkrieg????), haben genug Gelegenheit gehabt, sich aus den Kampfgebieten zu entfernen. Wer dort heute noch ist, hat Bock auf Krawall. Er kann ihn haben.

Kommentar von "Simone", 24.10.2014, 15:23 Uhr:

Ps. Aleppo! Drei Jahre Krieg in einer Kleinstadt, noch nicht zu Potte gekommen? Ich würde diese Steinwüste als Präsidentin Syriens jetzt im Internet anbieten. Es werden sicher Baufirmen und andere Investoren Interesse zeigen, wenn die Testosteron-Männchen vor Ort irgendwann mal nachladen, aber keine Patrone kommt vorne raus. Waffenhandel ist deren und unser Problem. Ohne Waffen und Nachschub kein Krieg.

Kommentar von "Simone", 24.10.2014, 14:51 Uhr:

Ich finde es erstaunlich, daß sich die "Kriege" nur noch in Dörfern wie Aleppo oder Kobane abspielen. Hat das schon jemand gemerkt? In Syrien sind nur kleinste Nester, die man maximal als Kleinstadt bezeichnen kann, betroffen. Man nennt das allerdings immer "Syrienkrieg" und so weiter. Zehn Kilometer von Aleppo entfernt trinken die Leute Tee, das Leben geht einen vollständig normalen Gang. Es werden immer nur dieselben Kleinbezirke gezeigt, die vom jahrelangen Dauerkrieg zerstört sind. Es interessiert im Übrigen niemanden außerhalb dieses Bezirkes, was sich dort abspielt. Es ist so, als würde sich in einem kleinen Zipfel vom kleinen Hessen ein "Krieg" abspielen, den das restliche Deutschland kaum juckt. Es nervt, aber was solls. Man sollte mal anfangen, die Fakten auf den Tisch zu legen, anstatt jahrelang immer dieselben zerstörten Häuser eines immer selben Straßenstranges zu zeigen. Jetzt das Dorf Kobane. Wie lächerlich wird das noch? Früher gab es Walewatching, heute gibt es Warw ...

Kommentar von "Hakki Gök", 23.10.2014, 22:32 Uhr:

Wie lange sollen die Kurden für die vergangenen Fehler noch büßen, damit der Verbot gegen die PKK aufgehoben wird. Die PKK ist eine legitime Vertretung der Kurden im Kurdistan. Persönlichkeiten, welche damals als Terroristen galten, wurden mit Nobelpreis ausgezeichnet. Damit wurde die Wandlung dieser Persönlichkeiten, und ihre Engagement für Frieden honoriert. Die PKK hat sich gegen Unrecht durch die Anrainerstaaten gestellt, und das Recht der Kurden ins Zentrum ihrer Politik gestellt. Die Menschheit ist gegenwärtig Zeuge dessen, wie PKK die Menschen gegen die IS-Terrorbande schützt. In PKK kontrollierten Gebieten in Syrien oder anderswo sind alle Minderheiten, Frauen, Christen gleichwertig vertreten, bzw. haben Selbstbestimmungsrecht. Ist das Terror. In Kobane ist Weltgemeinschaft Zeuge, wie die PKK unter allen Umständen die Kurden, Christen, Jeziden, Frauen und die Kinder schützt und dafür hohe Opfer bringt. Außerdem ist die Friedensinitiative in der Türkei durch E ...

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