Der Faktencheck zur Sendung vom 08.11.2021

Hart aber fair

Abgehängt und unverstanden: Wie tief ist die Kluft zwischen Stadt und Land?

Der Faktencheck zur Sendung vom 08.11.2021

"Janz weit draußen" – ohne Internet und Bus, der letzte Laden dicht. Sind die Menschen auf dem Land abgehängt und unverstanden? Wird Politik nur für Städter gemacht? Und was muss passieren, damit die Jungen auf dem Land bleiben, Dörfer und Kleinstädte überleben?

Eine Talkshow ist turbulent. Oft bleibt während der Sendung keine Zeit, Aussagen oder Einschätzungen der Gäste gründlich zu prüfen. Deshalb hakt hartaberfair nach und lässt einige Aussagen bewerten. Die Antworten gibt es hier im Faktencheck.

Reint Gropp über "Pegida" und das Image von Dresden

Reint Gropp sagt, es sei ein Problem für Städte – insbesondere im Osten – dass sich Menschen dagegen entscheiden, in Regionen zu ziehen, in denen rechtes Gedankengut stärker vertreten zu sein scheint. So würden sich die Menschen auch im Zuge der so genannten "Pegida“ – Demos zweimal überlegen, ob sie dort leben und arbeiten wollen.

Reint Gropp 00:56 Min. Verfügbar bis 08.11.2022

Die Frage, ob Menschen davor zurückschrecken, sich in Städten niederzulassen, die durch rechte Umtriebe oder rechte Demonstrationen in die Schlagzeilen geraten, hat das Ifo-Institut am Beispiel Dresden untersucht. Die Autoren der Studie kommen zu einem deutlichen Ergebnis: Seitdem in Dresden die „Pegida“-Bewegung – die vom sächsischen Verfassungsschutz als rechtsextremistische und verfassungsfeindliche Bewegung eingestuft wird - gegen Flüchtlinge demonstrieren, sind deutlich weniger Menschen nach Dresden gezogen als zuvor. Vor allem die Zahl der jungen Erwachsenen, die sich für einen Umzug nach Dresden entschieden haben, hat demnach deutlich abgenommen, so die Forscher. Darüber hinaus habe sich der Anteil der ausländischen Studenten, die sich für ein Studium in Dresden entschieden, seit Beginn der “Pegida“ -Proteste „erheblich verringert“. Die Autoren vermuten einen direkten Zusammenhang zwischen der ausländerfeindlichen Bewegung und einer Verschlechterung des Ansehens der Stadt.

Diesen Zusammenhang untermauern auch Recherchen des Bayerischen Rundfunks. Wirtschaft, Wissenschaft, Gastronomie und Hotels klagten über deutliche Einbußen. “Die Folgen sind massiv, und das stimmt uns alle traurig“, sagte Thomas Gaier von der Allianz der Dresdner Hoteliers. Die Dresden Marketing GmbH verzeichnete in der Hochphase der “Pegida“ – Bewegung 2015/2016 einen Rückgang der Übernachtungen von drei Prozent. Das schlechter werdende Image der Stadt bekam auch die TU Dresden zu spüren. Ihr Rektor, Hans Müller-Steinhagen, musste immer wieder Absagen von Wissenschaftlern hinnehmen, die in einem solchen Umfeld nicht arbeiten wollten. “Alles was schadet, ist am Ende ein Wettbewerbsnachteil für uns“, so Müller-Steinhagen gegenüber dem BR.

Juli Zeh beklagt, dass sich die Bauern “ihr eigenes Land nicht mehr leisten können“, weil es von immer mehr Investoren aufgekauft werde, die gar nicht vor Ort tätig seien.

Juli Zeh 00:15 Min. Verfügbar bis 08.11.2022

Andreas Tietz forscht für das Thünen-Institut (Bundesforschungsinstitut für ländliche Räume, Wald und Fischerei) unter anderem über die Entwicklung von landwirtschaftlichen Bodenmärkten. Über die Aussage von Juli Zeh, dass sich Bauern ihr eigenes Land immer weniger leisten können, muss der Agraringenieur ein wenig stutzen, besitzen sie das Land doch bereits und können es – sofern sie keine Kredite für den Kauf abbezahlen müssen - kostenfrei nutzen. Bauern, die Land gepachtet haben, könnten dagegen durchaus in finanzielle Schwierigkeiten geraten, da die Pachten in den letzten Jahren stark gestiegen seien, so Tietz. Problematisch werde es auch für Landwirte, die vorher gepachtetes Land erwerben wollen, da die Kaufpreise in den vergangenen zehn Jahren noch stärker gestiegen seien. Als Gründe für die gestiegenen Preise nennt Tietz unter anderem die Verknappung an Landwirtschaftsfläche und die zunehmende Nutzung für Siedlungs- und Verkehrsflächen sowie für Anlagen erneuerbarer Energien. “Für solche Nutzungen können sehr hohe Preise gezahlt werden, weil die Wertschöpfung dort höher ist. Landwirte, die Bauland verkauft haben, können diese Erlöse für den Kauf von Ersatzland einsetzen und für den Kauf mehr bieten als andere“, sagt Tietz.

“Ja, Land wird von nichtlandwirtschaftlichen Investoren gekauft - von Unternehmen für Bauvorhaben oder von Privatleuten als Finanzanlage“, sagt Tietz. Ihm ist aber wichtig, darauf hinzuweisen, dass in Deutschland grundsätzlich nur wenig Land verkauft wird. So werde in Westdeutschland jährlich weniger als 0,5 Prozent der Landwirtschaftsfläche veräußert. “Das heißt, es braucht durchschnittlich mehr als 200 Jahre, bis eine Fläche einmal verkauft wird,“ rechnet Tietz vor – viel häufiger werde sie vererbt. In Ostdeutschland gebe es zwar etwas mehr Bewegung, aber auch hier liege die jährlich verkaufte Landwirtschaftsfläche bei unter einem Prozent. “Ohne Not verkauft niemand das Land, das er oder sie hat.“ Meist geschehe dies, wenn die Erben sich nicht einigen können, Geld für andere Zwecke benötigt wird oder Landwirte Geld in Gebäude und Maschinen investieren. Eine schlechte Marktlage, die Landwirte in Bedrängnis bringt, könne ein weiterer Grund für einen Verkauf sein, so Tietz. Zwar sei es richtig, dass Land auch von nichtlandwirtschaftlichen Investoren gekauft werde, Landwirte selbst würden aber auch Land kaufen und zu teilweise wettbewerbsfähigen Preise anbieten, so das Fazit des Agraringenieurs.

Simon Pearce und der Wolf in Köln

Ein Wolf sei in Köln gesichtet worden. Diese Aussage von Simon Pearce hat in der Gästerunde dann doch für ein wenig Erstaunen gesorgt. Aber - es stimmt!

Simon Pearce mit Jamila Schäfer 00:17 Min. Verfügbar bis 08.11.2022

Erstaunt dürften auch die Kölner gewesen sein, die in der Nacht vom 19. auf den 20. Mai dieses Jahres einen Wolf durch Köln streifen sahen. Gleich mehrere Meldungen, die zum Teil auch filmisch dokumentiert worden waren, berichteten von einem Wolf der sich vom Stadtteil Ehrenfeld stadtauswärts in Richtung Bilderstöckchen und Weidenpesch bewegte. Am Morgen wurden in den Rheinauen vier tote Schafe entdeckt. Zunächst war unklar, ob der Wolf hierfür verantwortlich war. Mit Hilfe von DNA-Proben an den Bissstellen konnte dann aber nachgewiesen werden, dass die Schafe tatsächlich von einem Wolf gerissen wurden. Und mehr noch: Laut NRW-Umweltministerium konnte anhand der Proben sogar bestimmt werden, um welchen Wolf es sich handelte und woher er gekommen war. GW2119m – so der wenig wohlklingende Name des männlichen Wolfes – stammt aus einer Wolfspopulation, die in den italienischen, französischen und Schweizer Alpen beheimatet ist. Es sei nicht ungewöhnlich, so NRW-Umweltministerin Ursula Heinen-Esser, dass ein Wolf eine solch weite Strecke läuft. Pro Tag könne ein gesunder Wolf 60 Kilometer und mehr zurücklegen. Bereits im vergangenen Jahr wurden in NRW zwei Wölfe nachgewiesen, die aus den Alpen nach Norden gezogen waren. Wohin es den Wolf aus Köln am Ende verschlagen hat, ist nicht bekannt.

Stand: 09.11.2021, 11:07