Der Faktencheck zur Sendung vom 01.02.2021

Hart aber fair

Zu wenig, zu langsam, zu kompliziert: Scheitert Deutschland am Impfen?

Der Faktencheck zur Sendung vom 01.02.2021

Erst Hoffnung, jetzt auch Ärgernis: Was ist bei der Impfkampagne schon im Vorfeld falsch gelaufen? Wo hakt es bei der Organisation? Wie kann die Corona-Impfung doch noch zum Befreiungsschlag werden? Die Diskussion nach der Dokumentation zum Thema!

Eine Talkshow ist turbulent. Oft bleibt während der Sendung keine Zeit, Aussagen oder Einschätzungen der Gäste gründlich zu prüfen. Deshalb hakt hartaberfair nach und lässt einige Aussagen bewerten. Die Antworten gibt es hier im Faktencheck.

Anette Dowideit über "Impfvordrängler" in Remscheid

Anette Dowideit sagt, in den vergangenen Tagen habe es Berichte über “Impfvordrängler“ gegeben. So habe die Feuerwehr Remscheid nicht etwa Feuerwehrleute zum Impfen geschickt, sondern Verwaltungsmitarbeiter der Feuerwehr, die laut Priorisierungsliste gar nicht an der Reihe waren.

Hart aber fair

Anette Dowideit

Der Oberbürgermeister der Stadt Remscheid, Burkhard Mast-Weisz, hat unserer Redaktion gegenüber die Vorwürfe als falsch zurückgewiesen. Bereits Ende Januar hat die Stadt Berichte der “Lokalzeit Bergisches Land“ und „Aktuelle Stunde“ (WDR) widersprochen, wonach leitende Kräfte der Feuerwehr Remscheid sich entgegen der Priorisierungsliste der Ständigen Impfkommission, impfen ließen. Laut Pressemitteilung der Stadt widersprechen auch Feuerwehrgewerkschaft und die Vorsitzende der Kreisstelle der Kassenärztlichen Vereinigung Remscheid, Dr. Bettina Stiel-Reifenrath, solchen Berichten. Die Stadt stellt klar: “Die Remscheid zur Verfügung gestellten Impfdosen wurden ausschließlich an Personen der Kategorie 1 nach STIKO verimpft.“ Auch Impfdosen, die nicht an Heimbewohner verabreicht werden konnten, seien an einen sorgfältig ausgewählten Pool von Personen der Kategorie eins der Prioritätenliste vergeben worden.

Karl-Josef Laumann über Priorisierung und gerettete Leben

Karl-Josef Laumann sagt, es sei belegt, dass durch die Impf-Priorisierung, die vorsieht, zunächst die älteren zu impfen, die meisten Lebenstage gerettet werden, da sie einem größeren Risiko ausgesetzt sind, an Corona zu sterben.

Karl-Josef Laumann Hart aber fair 01.02.2021 00:14 Min. Verfügbar bis 01.02.2022 Das Erste

Zu diesem Ergebnis kommen auch die Forscher des Robert Koch-Instituts. In Modellierungen für die Impfempfehlungen der Ständigen Impfkommission (STIKO) legten sie 250.000 vollständige Impfserien bei einer Inzidenz von 150 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner und Woche zugrunde. Laut RKI zeigen die Daten, „dass mit einer Priorisierung über hohes Alter in Deutschland die maximale Reduktion bezgl. Hospitalisierung (Krankenhauseinweisungen, die Red.) und Mortalität erreicht werden kann.“ Dies gelte auch für die gewonnenen Lebensjahre, obwohl die noch zu erwartenden Lebensjahre bei älteren Menschen deutlich geringer sind als bei den jüngeren, so das RKI. Auch bei den Krankenhauseinweisungen wegen Corona zeigt das Modell, dass die Zahl der Hospitalisierungen stärker abnimmt, wenn zunächst die Menschen ab einem Alter von 80 Jahren geimpft werden. Über zwölf Wochen könnten so 10.500 Einweisungen ins Krankenhaus verhindert werden. Würde man Personen schon ab 60 Jahre zuerst impfen, reduzierten sich die Hospitalisierungen nur um ca. 6.800, so das RKI. Zu ganz ähnlichen Ergebnissen kommt eine aktuelle Studie von Daniel Larremore von der Boulder-Universität in Colorado. Auch seine Modelle deuten darauf hin, dass die meisten Leben gerettet werden können, wenn zunächst die Älteren geimpft werden.

Eckart von Hirschhausen über FFP2-Masken und Apotheker

Eckart von Hirschhausen kritisiert das bürokratische Vorgehen bei der Bereitstellung von FFP2-Masken über die Apotheken. Die „stoßen sich daran gesund“, so von Hirschhausen. Er hält es für umständlich und teuer.

Eckart von Hirschhausen Hart aber fair 01.02.2021 00:21 Min. Verfügbar bis 01.02.2022 Das Erste

Um besonders gefährdete Personen vor einer Ansteckung mit dem Coronavirus zu schützen, lässt die Bundesregierung derzeit millionenfach Gutscheine für FFP2-Masken verschicken. Tatsächlich bekommen die Apotheker laut Verordnung der Bundesregierung pro abgegebener Maske sechs Euro – und das, obwohl schon zum Zeitpunkt der Verordnung der Preis pro Maske auf dem freien Markt deutlich unter sechs Euro lag und sogar weiter gesunken ist. Die Apotheken konnten sich die Masken selbst zu einem frei verhandelbaren Preis auf dem Markt besorgen und gaben die Masken dann an die Bürger ab. Die mussten dafür die Gutscheine vorlegen und eine einmalige Gebühr von zwei Euro an die Apotheke bezahlen. Das bedeutet: Die Apotheken verdienen einmal an der Gebühr. Zum anderen verdienen sie Geld mit der Sechs-Euro-Pauschale, die ihnen die Bundesregierung pro abgegebene Maske zahlt, obwohl die Einkaufspreise teils deutlich niedriger liegen. Dies geht auch aus einer Antwort der Bundesregierung auf eine Anfrage der Grünen im Bundestag hervor.

Mit seiner Kritik steht Eckart von Hirschhausen nicht alleine da. Sowohl aus den Reihen der Opposition als auch von Vertretern der Regierungsparteien sorgte das Vorgehen des Bundesgesundheitsministeriums für Unmut. In den „Stuttgarter Nachrichten“ kritisiert die grüne Gesundheitspolitikerin Maria Klein-Schmeink die sechs Euro als „einen Preis pro Maske über den jeder, der mit dem Maskengeschäft vertraut ist, nur verwundert den Kopf schüttelt“. Auch der CDU-Gesundheitsexperte Michael Hennrich ist mit der Pauschale nicht einverstanden. „Die sechs Euro waren vielleicht vor ein, zwei Monaten angemessen, aber angesichts des drastischen Preisverfalls der letzten Wochen passt er nicht mehr in die Welt“, sagte er der gleichen Zeitung. Apothekerverbände rechtfertigen die Pauschale dagegen mit einem logistischen und personellen Mehraufwand. Das Bundesgesundheitsministerium hat inzwischen angekündigt, die Pauschale ab Mitte Februar von sechs Euro auf 3,30 Euro zu senken.

Anette Dowodeit über die Post, Vornamen und geratenes Alter

Anette Dowideit machte auf eine Geschichte in Niedersachsen aufmerksam, wo es die Behörden offenbar nicht geschafft haben sollen, alle Einwohner, die 80 Jahre und älter sind, anzuschreiben, um sie über die bevorstehenden Impfmöglichkeiten zu informieren. Hilfe habe man sich bei der Post geholt, die allerdings keinen Zugriff auf die Meldedaten gehabt hätte. Die Post habe daraufhin in eigenen Datenbanken das Alter der Menschen auf Grundlage der Vornamen geschätzt.

Anette Dowideit Hart aber fair 01.02.2021 00:26 Min. Verfügbar bis 01.02.2022 Das Erste

Die Geschichte ist nur zum Teil richtig. Denn die Post hat die Briefe nicht nur aufgrund eines geratenen Alters anhand eines "alt klingenden" Vornamens verschickt. Es stimmt, dass sich das Land Niedersachsen nicht in der Lage gesehen hat, die mehr als 200.000 Haushalte, in denen Menschen ab 80 Jahre leben, alleine zu versenden. Hierfür sei man auf die Unterstützung eines Dienstleisters – in diesem Fall die Deutsche Post - angewiesen, hieß es von Seiten des niedersächsischen Gesundheitsministeriums. Grundsätzlich hätte das Land die Meldedaten der betroffenen Personen bei den Einwohnermeldeämtern durchaus abfragen und an die Post weiterleiten können. Dies aber war nach Ansicht des Innenministeriums ein zu großer bürokratischer Aufwand, heißt es in der Stellungnahme. Stattdessen bediente man sich bei der so genannten Vermietdatenbank der Deutschen Post, die durchaus auch Daten über das Alter beinhalten. Zusätzlich zu diesen Daten nutzte die Deutsche Post nach eigenen Angaben tatsächlich auch Vornamen aus weiteren Datenbeständen, um das Alter zu schätzen und damit die Wahrscheinlichkeit zu erhöhen, die richtigen Empfänger zu erreichen. Es wurden also sowohl Personen angeschrieben, deren Alter bekannt war als auch Personen, deren Alter die Post aufgrund ihrer Vornamen geraten hat.

Karl-Josef Laumann über Corona-Tote und Pflegeheime

Karl-Josef Laumann verteidigt, die Impfstrategie in Nordrhein-Westfalen, bei der zunächst alle Bewohner von Alten- und Pflegeheimen geimpft werden. Vor dem Hintergrund, dass die Hälfte aller Menschen, die an oder mit Corona gestorben sind, Bewohner von Pflegeheimen waren, sei es richtig, diese Gruppe zuerst zu impfen.

"Hart aber fair" - Gästerunde Hart aber fair 01.02.2021 00:17 Min. Verfügbar bis 01.02.2022 Das Erste

Wir haben uns vom Ministerium von Karl-Josef Laumann die aktuellen Zahlen geben lassen. Tatsächlich lebte gut die Hälfte der Menschen, die in Nordrhein-Westfalen im Zusammenhang mit einer Corona-Infektion gestorben sind, in einem Alten- und Pflegeheim. Am 28.01.21 waren in NRW 10.597 Menschen an oder mit Corona verstorben. 4.596 hiervon lebten in einem Alten- oder Pflegeheim. Bis heute ist die Gesamtzahl der Todesfälle in NRW auf 10.965 gestiegen. Aktuellere Zahlen zu Corona-Opfern aus Alten- und Pflegeheimen gibt es derzeit nicht.

Stand: 02.02.2021, 11:23