Der Faktencheck zur Sendung vom 12.10.2020

HAF-Gäste

Das Virus kommt mit Macht zurück: Wer schützt jetzt die Alten?

Der Faktencheck zur Sendung vom 12.10.2020

Isoliert, ohne Trost der Angehörigen: So sind im Frühjahr tausende alte Menschen in unseren Pflegeheimen gestorben. Rollt jetzt im Herbst die zweite Infektionswelle auf die Heime zu? Wird sich das Sterben wiederholen? Wie können die Alten und das Personal besser geschützt werden?

Eine Talkshow ist turbulent. Oft bleibt während der Sendung keine Zeit, Aussagen oder Einschätzungen der Gäste gründlich zu prüfen. Deshalb hakt hartaberfair nach und lässt einige Aussagen bewerten. Die Antworten gibt es hier im Faktencheck.

Uwe Janssens über Ärzte und Pfleger

Nach Ansicht von Uwe Janssens wurde die Pflege in den vergangenen Jahren vernachlässigt. Während Ärzte zwischen den neunziger Jahren und 2017 einen Zuwachs von 70 Prozent verzeichneten, sei die Zahl der Pfleger um gerade einmal vier Prozent gestiegen.

Uwe Janssens 00:18 Min. Verfügbar bis 12.10.2025

Es stimmt, dass die Zahl der Ärzte im Zeitraum zwischen 1990 und 2017 deutlich stärker zugenommen hat als die Zahl der Pflegekräfte. Allerdings können die Anstiege in unterschiedlichen Kategorien beleuchtet werden. Betrachtet man die Zahl der Krankenhaus-Ärzte, so arbeiteten nach Angaben der Bundesärztekammer im Jahr 2017 rund 195.500 Ärzte im stationären Bereich. Das sind tatsächlich etwa 70 Prozent mehr als noch 1990 (rd. 118.000). Im Jahr 2019 waren bereits etwa 207.000 Ärzte in Krankenhäusern beschäftigt. Im Vergleich zu 1990 ist dies sogar ein Anstieg von 75 Prozent. Schaut man auf die Gesamtzahl der Ärzte, so lag die Steigerung zwischen 1990 (237.500) und 2019 (402.119) bei 69 Prozent.

Die Zahl der vollzeitbeschäftigten Pflegekräfte in Krankenhäusern ist demgegenüber nur leicht gestiegen. Daten des Instituts für Arbeit und Qualifikation der Uni Duisburg-Essen und des statistischen Bundesamtes zeigen, dass 1991 326.100 Pflegekräfte in Krankenhäusern beschäftigt waren. 2017 waren es mit rund 328.500 gerade einmal 1,3 Prozent mehr.

Deutlich gestiegen ist in den vergangenen Jahren dagegen die Zahl der Beschäftigten in Pflegeheimen und ambulanten Pflegediensten. Nach Angaben des statistischen Bundesamtes waren 1999 rund 625.000 Menschen in Pflegeeinrichtungen beschäftigt. Hiervon arbeiteten rund 441.000 in stationären Einrichtungen. Bis zum Jahr 2017 stieg die Gesamtzahl der Beschäftigten in der Pflege auf 1,15 Millionen an. Im Vergleich zu 1999 ist dies ein Zuwachs von etwa 85 Prozent.

Uwe Janssens hat also bezüglich des geringen Anstiegs von Pflegekräften in Krankenhäusern recht. Bei Pflegepersonal in Heimen und ambulanter Pflege sieht es anders aus.

Bernd Meurer über allgemeinverbindliche Tarifverträge

Bernd Meurer sagt, 99 Prozent aller Tarifverträge sind nicht allgemeinverbindlich.

Bernd Meurer 00:13 Min. Verfügbar bis 12.10.2025

Nach Daten des aktuellsten Verzeichnisses der für allgemeinverbindlich erklärten Tarifverträge aus dem Jahr 2017 sind es sogar nur 0,6 Prozent. Bundesweit gibt es laut Tarifregister etwa 73.000 gültige Tarifverträge. Hiervon wurden nach Angaben des Bundesarbeitsministeriums 443 für allgemeinverbindlich erklärt. Die Zahl der jährlich als allgemeinverbindlich erklärten Tarifverträge hat nach Angaben des Instituts der Deutschen Wirtschaft (IW Köln) in den vergangenen Jahren deutlich abgenommen. Wurden im Jahr 2000 noch 104 Tarifverträge für allgemeinverbindlich erklärt, waren es im Jahr 2017 gerade einmal 14. Das Bundesarbeitsministerium kann einen Tarifvertrag im Einvernehmen mit Vertretern von Arbeitgebern und Arbeitnehmern für allgemeinverbindlich erklären. Hierfür muss ein öffentliches Interesse bestehen. Wann und unter welchen Voraussetzungen ein solches öffentliches Interesse als gegeben angesehen werden kann, regelt Paragraf 5 des Tarifvertragsgesetzes.

Andreas Westerfellhaus über die "Pflege-Comeback-Studie"

Andreas Westerfellhaus sagt, 48 Prozent der Berufsaussteiger können sich vorstellen, wieder in der Pflege zu arbeiten, wenn sich die Rahmenbedingungen verbessern. Dies habe die “ Pflege-Comeback-Studie“ ergeben.

Andreas Westerfellhaus 00:21 Min. Verfügbar bis 12.10.2025

Die Zahlen stimmen. Der Medizinproduktehersteller Hartmann hat die Studie vor zwei Jahren in Auftrag gegeben. Demnach können sich tatsächlich 48 Prozent der ehemaligen Pflegekräfte eine Rückkehr in den Beruf vorstellen, wenn sich die Voraussetzungen im Pflegebereich verbessern würden. Hochgerechnet entspricht das einem Potenzial zwischen 120.000 und 200.000 Pflegekräften, die der Pflegebranche wieder zur Verfügung stehen könnten, so die Autoren der Studie. Die Mehrheit der Befragten wünscht sich vor allem Verbesserungen der Strukturen und Arbeitsbedingungen (42 Prozent). 36 Prozent erwarten mehr Personal in den Pflegeeinrichtungen und für 30 Prozent müsste die Bezahlung besser sein.

Stand: 13.10.2020, 11:08