Der Faktencheck zur Sendung vom 11.04.2016

Terror im Namen Gottes - hat der Islam ein Gewaltproblem?

Der Faktencheck zur Sendung vom 11.04.2016

Terror im Namen Gottes – hat der Islam ein Gewaltproblem? Nach den Anschlägen von Paris und Brüssel fast täglich neue Drohungen: Islamisten überziehen Europa mit Gewalt und Angst. Ist das schlicht Terror oder eine Art Religionskrieg? Wer verführt die Täter und warum eignet sich der Islam so gut zum Verführen?

Eine Talkshow ist turbulent. Auch in 75 Minuten bleibt oft keine Zeit, Aussagen oder Einschätzungen der Gäste gründlich zu prüfen. Deshalb hakt "hart aber fair" nach und überprüft einige Aussagen der Gäste. Die Antworten gibt es hier im Faktencheck.

Constantin Schreiber über Islam und Terrorismus

Zwar stellt der Journalist Constantin Schreiber klar, dass nicht alle Muslime Terroristen sind, für ihn steht aber dennoch außer Frage, dass der Terrorismus ein Teil des Islam ist. Wie bewertet ein Islamwissenschaftler diese Aussage?

"Der Islam als Religion hat kein Terrorproblem. Einige Anhänger, die ihn auslegen, hingegen schon", sagt der Islamwissenschaftler Thomas Volk. "Der frühere Präsident des Bundesamtes für Verfassungsschutz, Heinz Fromm, prägte vor einigen Jahren die Aussage: 'Nicht jeder Salafist ist ein Terrorist, aber nahezu jeder Terrorist ist ein Salafist.' Die vergangenen Jahre bestätigen eine traurige Tendenz: Nicht jeder Muslim ist ein Terrorist, doch nahezu jeder Terrorist bezeichnete sich selbst als Muslim." Die Gemeinschaft der Muslime muss sich nach Ansicht von Volk daher kritisch der Frage stellen, weshalb in zahlreichen Ländern der Welt gewaltbereite Extremisten im Namen ihrer Religion Angst und Schrecken verbreiten.

Dennoch, so Volk, sei die Gleichsetzung von Islam und Terrorismus absurd und führe in der Debatte nicht weiter. "Der Islam ist die zweitgrößte monotheistische Religion der Welt, für viele auch ein Wirtschaftssystem, eine Rechtsauffassung oder eine Weltanschauung. Terror im Namen des Islams ist zwar ein reales Problem, allerdings im weltweiten Vergleich ein Phänomen im Promillebereich", stellt der Experte klar und erinnert an die sprachliche, kulturelle, theologische und geografische Vielfalt der weltweit bis zu 1,6 Milliarden Muslime.

Allerdings dürfe man sich dem Gewaltproblem nicht verschließen: "In den vergangenen Jahren wurden auffällig viele terroristische Straftaten im Namen besonders dieser Religion begangen. Dabei bezieht sich eine kleine Gruppe irregeleiteter Extremisten auf Aussagen aus islamischen Schriften, um ihre barbarischen Terrortaten zu legitimieren." Laut Volk sind die meisten der Terroristen allerdings religiöse Analphabeten: "Viele können kein Arabisch, die meisten reißen islamische Schriften aus ihrem zeitlichen und örtlichen Entstehungskontext. Islamisten folgen einer Höherwertigkeitsideologie und bezeichnen alle, die nicht ihrer fundamentalistischen Ideologie folgen, als Ungläubige", erklärt der Experte. Volk erinnert daran, dass weltweit Muslime selbst die meisten Opfer durch islamistischen Terrorismus zu beklagen haben und sich von ihm bedroht fühlen müssen: "Die Terrororganisation 'Islamischer Staat' kündigt offen an, dass alle etwa 150 Millionen Schiiten ermordet werden müssten, da sie größere Ketzer als Juden und Christen seien." Und auch sunnitische Muslime, die nicht der salafistischen Ideologie des "IS" folgen, gelten laut Volk in der Wahrnehmung des "IS" als keine Muslime.

Katrin Göring-Eckardt über Salafisten

Katrin Göring-Eckardt (Bd.90/Grüne) betrachtet gewaltbereite Salafisten eher als eine Sekte, die einer Ideologie anhängen, als einen Teil des Islam. Welche Rolle spielt der Salafismus im Islam?

"Salafismus lässt sich am ehesten als radikale Strömung des Islams bezeichnen, deren Islamverständnis sich von dem der allermeisten Muslime deutlich unterscheidet", erklärt der Islamwissenschaftler Tim Sievers. Für Salafisten sei es charakteristisch, dass sie ausschließlich den Koran und die prophetische Handlungsweise in ihrer Umsetzung durch die "Altvorderen" (auf Arabisch "salaf") als authentischen Islam akzeptieren, sagt Sievers. So sei ein zentraler Punkt, in dem sich die Mehrheit der Muslime von den Salafisten unterscheidet, die Akzeptanz der späteren Tradition: "Zentrale Glaubenssätze des Islams haben ihre heutige Form erst nach mehreren Jahrhunderten theologischer Diskussion erreicht. Gleiches gilt auch für die Entwicklung der Rechtstradition, der Koranexegese und der Mystik, die bis heute das Leben vieler Muslime prägen", sagt der Experte. All dies lehnten Salafisten jedoch ab.

"Beim Salafismus handelt es sich inzwischen um eine islamistische Strömung, also um eine politische Ideologie", sagt auch Thomas Volk. So stellten salafistische Bewegungen heute die am dynamischsten anwachsende Gruppe innerhalb des Islamismus dar, so der Islamwissenschaftler. Dies sei nicht immer so gewesen: "In der islamischen Ideengeschichte stellte der Salafismus ursprünglich eine Art Erweckungsbewegung dar." Auch Thomas Volk nennt die "frommen Altvorderen", die dem Salafismus seine Bezeichnung geben. "Diese 'frommen Altvorderen', die erste Prophetengeneration und die drei nachfolgenden Generationen, wurden verehrt und die Frühzeit des Islams des frühen siebten Jahrhunderts glorifiziert. Der so verstandene Salafismus, also die Rückbeziehung auf das vermeintlich goldene Zeitalter des Islams seit den ersten Offenbarungen 609/610 n. Chr., wird bis heute von einer Mehrzahl der Muslime weltweit als nichts Negatives empfunden", sagt Volk. Daher sei der historische Salafismus ein expliziter Bestandteil des Islams.

Heute sollte nach Ansicht von Volk – vor allem in Abgrenzung zum Salafismus-Verständnis im Mehrheitsislam – vielmehr von einem "Neo-Salafismus" gesprochen werden. "Dieser Begriff ist besser geeignet, um das radikale Islamverständnis vor allem konvertierter und junger Extremisten zwischen 15 und 25 Jahren zu klassifizieren. Dieses Islamverständnis endet spätestens 855 n.Chr. mit dem Ableben des Begründers der hanbalitischen Rechtsschule im sunnitischen Islam, Ahmad ibn Hanbal." Es lasse seither keine Interpretation und Erneuerung islamischer Schriften zu, so Volk. "Ein solches Verständnis lehnt die Gleichberechtigung von Mann und Frau ab und strebt eine Beseitigung der freiheitlich-demokratischen Grundordnung an. Viele junge Menschen nutzen neo-salafistische Strömungen auch, um sich gezielt von der Elterngeneration abzugrenzen", so der Experte.

Im Mittelpunkt der neo-salafistischen Ideologie stehe die wörtliche Auslegung der islamischen Schriften Koran und Sunna und die Betonung der Gottes- anstelle der Volkssouveränität. Der eigentliche – historische – Salafismus habe also durchaus direkt mit dem Islam zu tun und sei Teil der islamischen Theologie, so Volk. "Die Mehrheit der Muslime sieht in den 'frommen Altvorderen' ein Modell für die klassische islamische Ordnung. Neo-salafistische Gruppen der Gegenwart hingegen lehnen unsere Lebensweise und eine weltliche Gesetzgebung rigoros ab und folgen bedingungslos und ausschließlich der Frühzeit des Islams." Man könne bei neo-salafistischen Gruppierungen also durchaus von einer Sekten-ähnlichen Bewegung sprechen, da sie in sich geschlossen agieren und den Kontakt zu Nicht-Salafisten ablehnen, sagt Volk.

Michael Wolffsohn über Koran und Gewalt

Der Historiker Michael Wolffsohn sagt, im Gegensatz zum Christen- und Judentum haben es die Muslime bis heute nicht hinreichend geschafft, sich von den gewalttätigen Stellen des Koran zu distanzieren. Hat der Islam Nachholbedarf bei der Auslegung des Koran?

"Der Islam an sich ist kein Handlungssubjekt und hat daher auch keinen Nachholbedarf, viele Muslime aber schon", stellt Tim Sievers klar. So hätten die Gelehrten schon im ersten Jahrhundert nach dem Tod Muḥammads den Koran geistreich und durchaus metaphorisch interpretiert, so Sievers. "Später hat sich die islamisch-theologische Disziplin der Koranexegese herausgebildet, die auch ausführliche theoretische Überlegungen zur Interpretation angestellt hat, ebenso haben andere Disziplinen wie Jurisprudenz und Systematische Theologie den Koran auf eigene Art ausgelegt", sagt der Koran-Experte. "Gelehrte wie Ibn Rushd wollten den Koran allegorisch deuten und al-Ghazālī betonte, dass dies nicht zum Unglauben führe." Solche klassischen Ansätze und auch vielversprechende zeitgenössische Ideen seien also bereits vorhanden, unter Muslimen aber oftmals nicht oder nicht mehr bekannt, sagt Sievers. Er hofft, dass der Islamische Religionsunterricht und die Islamische Theologie an den Universitäten die religiöse Bildung auch in dieser Hinsicht verbessern werden.

"Der Koran gilt in seiner arabischen Offenbarung und durch die Komplexität und Schönheit seiner Sprache für Muslime bereits als eigentlicher Gottesbeweis", sagt Thomas Volk. Dies erschwere eine kritische Auseinandersetzung mit den Textstellen des Korans. "In der überwiegenden Mehrzahl der muslimisch geprägten Welt ist eine kritische Auseinandersetzung mit islamischen Quellen, also dem Koran und dem Textkorpus der Sunna, undenkbar." In vielen Ländern stehe eine kritische Auseinandersetzung mit dem Koran sogar unter Strafe, vor allem durch eine strenge Blasphemiegesetzgebung, so Volk. "Selbstverständlich beinhalten islamische Quellen – wie auch andere religiöse Schriften – gewaltlegitimierende Aussagen. Der islamische Theologe Mouhanad Khorchide betont zu Recht, dass es menschenfreundliche und menschenfeindliche Aussagen in islamischen Schriften gebe und es ein Gebot unserer Zeit sei, die menschenfreundlichen Aussagen zu stärken. Der Islamwissenschaftler Abdel-Hakim Ourghi würde ergänzen, dass Islamkritik zum Islam gehören müsse und innerhalb der muslimischen Gemeinschaft eine stärkere Diskussion über gewaltlegitimierende Aussagen und deren heutige Relevanz geführt werden müsse."

Eine solche kritische Auseinandersetzung mit islamischen Schriften sei jedoch bisher leider nur unzureichend erfolgt, so der Islam-Forscher. "Dringend geboten ist eine historisch-kritische Koranexegese, die islamische Aussagen in ihren zeitlichen und örtlichen Entstehungskontext einbettet. Wenn dies in der muslimisch geprägten Welt schon mehrheitlich nicht erfolgt, sollte gerade in der muslimischen Diaspora Wert darauf gelegt werden, dass progressive Stimmen der Islamischen Theologie unterstützt werden." Die Mehrzahl der Islamverbände in Deutschland folge einem dogmatischen Islamverständnis, das kritische und aufklärerische Stimmen nur ungern zulässt, beklagt Volk. "Solange eine schonungslose Auseinandersetzung mit islamischen Schriften nicht erfolgt, wird es immer wieder irregeleitete Extremisten geben, die sich bei der Ausübung gewaltsamer Taten auf eine vermeintliche religiöse Legitimation berufen werden", befürchtet der Experte. Seiner Ansicht nach liegt es daher im Interesse der Muslime selbst, Suren und Verse des Islams mit kritischem Blick zu analysieren und sie einem Realitätscheck im 21. Jahrhundert zu unterziehen.

Michael Wolffsohn über Juden im Koran

Michael Wolffsohn sagt, im mehreren Suren des Koran werden Juden als Affen und Schweine bezeichnet. Stimmt das?

"Ja, das stimmt", sagt Tim Sievers. Auch er nennt Sure 2, Vers 65 und Sure 7, Vers 166 in denen zu Sabbat-Übertretern gesagt wird:  "Seid verstoßene Affen!" In Sure 5, Vers 60 wird über diejenigen gesprochen, die Gott verflucht hat und aus denen er "Affen und Schweine" gemacht hat. Sievers gibt jedoch zu bedenken: "Es lassen sich diese Aussagen nicht auf die Juden schlechthin oder sogar heutige Juden beziehen. Man hat sie bereits in mittelalterlichen Auslegungen als Erzählung eines einzelnen historischen Ereignisses verstanden. So lokalisiert der bekannte Gelehrte Suyūṭī die Geschichte in Eilat am Roten Meer." Darüber hinaus hätten bereits Gelehrte der Frühzeit die Beschreibungen metaphorisch als Verwandlung der Herzen gedeutet und mit anderen Tiervergleichen im Koran in Beziehung gesetzt, erläutert Sievers. "Der sehr frühe Gelehrte Mujāhid vergleicht die Verse mit der Beschreibung der Verstockten als 'Esel, der Bücher trägt' in Sure 62, Vers 5."

Stand: 12.04.2016, 09:37