Kunst mit Fäden. Anni Albers in Düsseldorf

Kunst mit Fäden. Anni Albers in Düsseldorf

Von Thomas Köster

Mit ihren ausgefallenen Webstoffen revolutionierte die Bauhaus-Künstlerin Anni Albers die Textilkunst. In einer spektakulären Schau ist dies momentan im der Kunstsammlung NRW zu sehen. Der ideale Auftakt zu 100 Jahren Bauhaus 2019.

Anni Albers, Kunstsammlung NRW, Düsseldorf 2018 (Ausstellungsansicht)

"Das Schicksal legte mir schlaffe Fäden in die Hand", erinnerte sich Anni Albers (1899-1994), die eher aus der Not heraus und wegen fehlender Alternativen zum Weben kam. Mit ihren aufregenden Textilien gilt sie vielen jungen (und schon etwas älteren) Künstlerinnen wie Mary Bauermeister oder Rosemarie Trockel als Vorbild, die den einst als "Weiberkram" verschrieenen Stoff inzwischen für auch sich entdeckt haben.

"Das Schicksal legte mir schlaffe Fäden in die Hand", erinnerte sich Anni Albers (1899-1994), die eher aus der Not heraus und wegen fehlender Alternativen zum Weben kam. Mit ihren aufregenden Textilien gilt sie vielen jungen (und schon etwas älteren) Künstlerinnen wie Mary Bauermeister oder Rosemarie Trockel als Vorbild, die den einst als "Weiberkram" verschrieenen Stoff inzwischen für auch sich entdeckt haben.

Die Kunstsammlung NRW zeigt nun eine umfassende Retrospektive der vielseitigen Künstlerin, die das Handwerk des Webens zu einer vollwertigen Kunst erhob. Dabei zeigt sich, wie stark es ihr gelang, die Prinzipien des Staatlichen Bauhaus in Weimar, dessen Schülerin sie von 1922 bis 1929 war, umzusetzen.

"Wir müssen auf die Erde zurückkehren aus den Wolken, in denen wir in Unklarheit leben, und mit dem Realsten experimentieren, das es gibt: Material", schrieb Albers dem entsprechend. Für sie standen traditionelle Garne dabei gleichberechtigt neben synthetischen Fäden, Metallfolie, Eukalyptusblättern oder Pferdehaar.

Rund 300 Leihgaben aus europäischen und amerikanischen Museen haben die Macher von "Anni Albers" zusammengetragen - aufregend frisch erhaltene Exponate, die zeigen, wie es der als Annelise Fleischmann in Berlin geborenen Künstlerin gelang, die vormals scharfe Trennlinie zwischen Kunst, Design und Handwerk im Sinne ihrer Lehrer Georg Muche und Johannes Itten zu überwinden.

Am Bauhaus lernte Fleischmann auch Josef Albers kennen, der die Institution nach ihrem Umzug nach Dessau ab 1925 leitete und den sie im selben Jahr heiratete. Mit den berühmten, streng geometrischen Arbeiten seiner "Hommage to the Square" im Hintergrund zeigt "Anni Albers" nicht zuletzt, zu welch unterschiedlichen Ergebnissen die Bauhaus-Vertreter in den 20er und 30er Jahren kamen.

Gleichzeitig deckt die Düsseldorfer Schau auch biografische Bezüge auf. Und sie illustriert, wie stark sich Albers etwa von der Webkunst Perus und Kolumbiens und deren selbst im Gegenständlichen erkennbaren Hang zur abstrakten Linie hat inspirieren lassen. Und dabei doch zu einem ganz eigenständigen Stil fand, der die bisherige, ohnehin eher als Handwerk betrachtete Webkunst in den Schatten stellte.

Als die Nationalsozialisten das Staatliche Bauhaus 1933 schlossen, emigrierten Anni und Josef Albers in die USA, wo sie am gerade neu gegründeten und stark experimentell ausgerichteten Black Mountain College in Asheville, North Carlolina, Lehraufträge bekamen. Die ersten, durch Reisen des Paares nach Mexiko angeregten Werke entstanden in der dortigen, von Albers eingerichteten Weberei.

1968 verkaufte Albers ihren noch aus Bauhaus-Zeiten stammenden Webstuhl: Angeblich waren in ihrem neuen Zuhause alle Zimmer zu klein dafür. In Wahrheit wird Albers wohl erkannt haben, dass ihre Möglichkeiten im Weben von Fäden nun ausgeschöpft waren. Auch die Mühen des Webens mögen ein Grund gewesen sein.

Fortan wandte sich die Künstlerin der Grafik zu - wobei mehr oder weniger schlaffe Fäden auch hier bisweilen die entscheidende Rolle spielten. Abstraktion und das souveräne Spiel mit monochromen Flächen oder miteinander zu einem ganz eigenen Rhythmus verbundenen Farben sind auch auf diesen faszinierenden Bildern tonangebend.

In den Drucken gelang es Albers, ihre Erfahrung mit Texturen, Verschränkungen und der Oberflächenstruktur von Textilien in die Zweidimensionalität zurückzuführen. Auch das ist eine der beeindruckenden Erkenntnisse, die sich aus einem Besuch der Ausstellung ergeben.

"Wenn eine Arbeit mit Fäden gemacht wird, sieht man sie als Kunsthandwerk an, wenn sie auf dem Papier ist, wird sie als Kunst verstanden", resümierte Albers im Rückblick mit 86 Jahren. Dabei konnte sie sich zu Lebzeiten über Lob und Bewunderung eigentlich nicht beschweren. Jetzt ist es Zeit, diese große Künstlerin des 20. Jahrhunderts neu zu entdecken.

"Wir suchen oft nach einer den Dingen zugrunde liegenden Bedeutung, während das Ding selbst seine Bedeutung ist", notierte Albers 1939. "Wir müssen versuchen, die Empfindsamkeit neu zu entwickeln, die uns zur unmittelbaren Wahrnehmung zurückführt. Nur so können wir das Vermögen wiedererlangen, Kunst direkt zu erfahren." In Düsseldorf kann man jetzt schon einmal üben.

"Anni Albers" ist noch bis zum 9. September 2018 in der Kunstsammlung NRW in Düsseldorf zu sehen. Am 16. Juni 2018 eröffnet in der Villa Hügel in Essen die Parallelausstellung "Interaction", in der zahlreiche Variationen von Josef Albers' "Hommage to the Square" zu sehen sind.

Stand: 08.06.2018, 10:22 Uhr