Wutrede zur Flüchtlingspolitik

Der Präses der Evangelischen Kirche im Rheinland Manfred Rekowski

Präses Rekowski platzt der Kragen

Wutrede zur Flüchtlingspolitik

So deutlich äußert sich ein Kirchenvertrer selten zur Politik. Bei der Synode in Bad Neuenahr hielt der rheinische Präses Manfred Rekowski eine Wutrede - und erhebt schwere Vorwürfe. "Flucht trägt das Label 'Made in Germany'."

Der Präses der Evangelischen Kirche im Rheinland, Manfred Rekowski, hat Deutschland trotz der jüngsten Aufnahme Hunderttausender Flüchtlinge jahrelange Versäumnisse und eine "unverantwortliche Untätigkeit" vorgeworfen. Die seit Jahren bestehenden "unmenschlichen Zustände" an den EU-Außengrenzen und im Mittelmeer seien von Politik und Gesellschaft "mit einer fast entspannten Gelassenheit" hingenommen worden, so lange die Menge der Flüchtlinge in Italien und Griechenland geblieben sei, sagte Rekowski am Montag (11.01.2016) im rheinland-pfälzischen Bad Neuenahr bei der Synode der rheinischen evangelischen Kirche.

Evangelische Kirche im Rheinland

Die Evangelische Kirche im Rheinland ist nach Hannover die zweitgrößte der 20 Landeskirchen in Deutschland. Sie vereint zwischen Niederrhein und Saar rund 2,65 Millionen Mitglieder in derzeit 719 Kirchengemeinden (Stand Januar 2016). Wegen Fusionen reduziert sich seit Jahren die Gemeindezahl. Das Kirchengebiet erstreckt sich über Teile der vier Bundesländer Nordrhein-Westfalen (etwa 2,07 Millionen Mitglieder), Rheinland-Pfalz (360.000), Saarland (146.000) und Hessen (78.000).

Seit 1987 ist die Zahl der Gemeindemitglieder der rheinischen Kirche von 3,3 Millionen auf 2,66 Millionen geschrumpft. Oberster Repräsentant ist Präses Manfred Rekowski. Die Landessynode als oberstes Leitungsgremium der rheinischen Kirche besteht aus 213 stimmberechtigten Mitgliedern. Als "Kirchenparlament" wählt die Synode Präses und Kirchenleitung. Sie verabschiedet außerdem den landeskirchlichen Haushalt und Kirchengesetze.

"Flucht 'made in Germany'"

"Aber nun ist ein Weltproblem zu unserem Problem geworden." Eine wirksame Unterstützung der Nachbarländer von Krisenherden, die Millionen von Flüchtlingen aufgenommen hätten, erfolge bis heute nicht. "Dies ist inhuman und fördert eine Perspektivlosigkeit, die weitere Fluchtbewegungen auslösen wird." Deutschland trage dadurch, dass Waffen auf direkten oder verschlungenen Wegen in Krisenländer gelangten, sogar zur Verschärfung von Fluchtursachen bei. "Flucht trägt das Label 'Made in Germany'", sagte Rekowski.

Für ihn sei auch nicht ersichtlich, dass eine Wertegemeinschaft die Staaten Europas verbinde. "Ob Europa mehr ist als ein überdimensionierter Förderverein zur Rettung maroder Banken, muss sich jetzt erst noch zeigen."

"Es darf keine rechtsfreien Orte geben"

Doch selbst die evangelischen Kirchen in Europa kämen zu unterschiedlichen Antworten auf die Flüchtlingsfrage, beklagte er. Nach den massenhaften Übergriffen besonders auf Frauen in der Silvesternacht in Köln forderte Rekowski einen entschiedenen Einsatz gegen Gewalt - unabhängig von wem sie verübt werde. "Es darf nicht ansatzweise rechtsfreie Orte geben." Gewaltbereitschaft und Gewalttätigkeit müsse "mit allen Mitteln des Rechtsstaats entgegengesteuert werden, von wem auch immer Gewalt ausgeht."

Die Tatverdächtigen sind nach Darstellung von NRW-Innenminister Ralf Jäger (SPD) fast nur Menschen mit Migrationshintergrund, vor allem Männer aus Nordafrika und arabischen Ländern.

Warnung vor Pegida

Rekowski warnte zugleich vor Zulauf für die islamfeindliche Pegida-Bewegung. Es gehe nicht um "besorgte Bürger", sondern um Klartext. "Wer denen folgt, die Galgen durch die Straßen führen, will etwas ganz anderes als Besorgnis ausdrücken." Wer mitlaufe, sei auch "für die gewalttätigen Folgen des Verbalradikalismus verantwortlich", sagte Rekowski. Er bezog sich dabei auf das Attentat auf die heutige Kölner Oberbürgermeisterin Henriette Reker kurz vor ihrer Wahl.

Stand: 11.01.2016, 16:45