"Tiefseesocke" ohne Hirn

Der Strudelwurm Xenoturbella profunda

Strudelwurm Xenoturbella entschlüsselt

"Tiefseesocke" ohne Hirn

Von Benjamin Esche

Seit Jahrzehnten rätseln Meeresbiologen, was es mit dem Tiefseewurm Xenoturbella auf sich hat. Das Tier, was aussieht wie eine lila Socke, gehört aber offenbar zu den ältesten Gattungen überhaupt. Das fanden amerikanische Forscher jetzt heraus.

Sie leben im Wasser, haben einen flachen Körper mit einer bauchseitigen Mittelrinne und sehen aus wie gebrauchte lila Socken. Die Rede ist von Xenoturbella, Strudelwürmern, die erstmals vor 100 Jahren an der Küste Schwedens gefunden wurden. Auch vor Schottland und Island hat man sie bereits entdeckt. Wissenschaftlich beschrieben wurden die Xenoturbella erst im Jahr 1949. Sie wurden zuerst für Plattwürmer und dann für Weichtiere gehalten und den Neumündern zugeordnet. Doch die genaue Einordnung war unter Wissenschaftlern bislang umstritten. "Besonders ist, dass es von dieser Gruppe bemerkenswerter Tiere weltweit nur eine Art gab, die Xenoturbella bocki", erklärt Christoph Bleidorn vom Institut für biologische Vielfalt und Evolutionsbiologie am Nationalmuseum für Naturwissenschaften in Madrid. Und diese Art sei schon schwer zu finden gewesen.

Jetzt ist es aber einem Team von Meeresbiologen der Scripps Institution of Oceanography aus San Diego gelungen, vier neue Arten der mysteriösen Gattung vor der Küste Mexikos und Kaliforniens zu entdecken. Im Rahmen einer Studie hatten die Forscher unbemannte U-Boote durch die Tiefsee geschickt – und sie hatten Glück. Die Wissenschaftler analysierten die Gene der Würmer und schlossen auf ein sehr frühes Entwicklungsstadium der tierischen Evolution. Nach vielen Jahrzehnten könne nun endlich der Streit um die verwandtschaftliche Stellung dieser Tiere beigelegt werden, sagt Biologe Bleidorn. "Jetzt ist klar, ist das die Xenoturbellen zusammen mit den Acoelomorphen die Schwestergruppe aller anderen bilateralsymmetrischen Tiere darstellen."

Acoelomorpha

Acoelomorpha sind sehr kleine plattwurmartige Tiere, die im Meer leben und keinen Verdauungstrakt haben. Sie ähneln vom Aussehen den Plattwürmern und sind oft auf der Oberfläche von Algen oder Korallen zu finden.

Bilateria

Bilateralsymmetrische Tiere oder Bilateria weisen zumindest in ihrer Larven- oder Jugendform eine Bilateralsymmetrie auf. Das bedeutet, die linke und die rechte Körperhälfte sind spiegelbildlich zueinander aufgebaut. Im Erwachsenenalter können einzelne Organe nicht symmetrisch ausgebildet sein, wie z.B. die Leber des Menschen. Zu den Bilateria gehören zahlreiche Tierarten, wie beispielsweise Säugetiere, Vögel, Fische und Insekten.

Fünf Arten der Xenoturbella

Der Strudelwurm Xenoturbella churro

Erinnert an ein spanisches Fettgebäck: Die Xenoturbella churro

Auch eine zweite Studie der Universität Bergen in Norwegen ist zu dem gleichen Ergebnis gekommen. Mindestens fünf Arten dieser "lila Tiefseesocke" gibt es also. Die Xenoturbella monstruosa ist mit rund 20 Zentimetern Länge das größte Exemplar, während Xenoturbella churro wie das spanische Gebäck aussieht. "Die Tiere sind für eine Tiergruppe aus der Tiefsee ungewöhnlich groß - und sehen dabei noch lustig aus", sagt Evolutionsbiologe Bleidorn.

Aber was macht die Gattung Xenoturbella eigentlich so besonders? Zuallererst haben sie weder Hirn, noch Kiemen, Augen oder einen Anus. Mit ihrem übergroßen Mund fressen und scheiden sie auch wieder aus. "Die Tiere haben also keinen Einwegdarm, sondern einen sackförmigen Darm", erklärt Christoph Bleidorn. "Eine Trennung in Mund und Anus – und damit der Einwegdarm – scheint erst später in der Evolution entstanden zu sein."

Ein Rätsel bleibt

Doch das Rätsel um die mysteriösen Tiefseewürmer scheint noch nicht komplett gelöst zu sein. "Wir haben Xenoturbella nie beim Fressen gesehen", sagt Meeresbiologe Greg Rouse, der eine der neuen Studien mit auf den Weg gebracht hat. Das müsse noch weiter erforscht werden. Immerhin haben die Tiere keine Zähne oder einen Saugrüssel. Evolutionsbiologe Bleidorn vermutet, dass die Tiere möglicherweise die Eier von Muscheln fressen. "Muschel-DNA konnte in einer der neuen Tiefseearten nachgewiesen werden und einmal wurde eine größere Menge von Xenoturbellen auf einem Tiefseemuschelfeld beobachtet." Doch speziell die Forschung der genetischen Grundlage der Xenoturbella wird die Meeresbiologen noch weiter beschäftigen.

Stand: 05.02.2016, 09:00