Aussterbende Klänge retten

Europäisches Klangarchiv

Aussterbende Klänge retten

Von Conny Crumbach

Wird in 100 Jahren noch jemand wissen, wie es sich anhört, wenn man mit Kreide auf einer Tafel schreibt? Wie ein analoger Wecker tickt? Oder eine Schreibmaschine klappert? Europäische Wissenschaftler retten bedrohte Klänge in ein Online-Archiv.

Zwei Jahre lang waren Wissenschaftler aus ganz Europa mit Mikrofon und Kamera auf der Suche nach bedrohten Klängen aus der Arbeitswelt und der Industriekultur. In dieser Zeit sammelten sie über 600 Geräusche für das Online-Archiv "Work with Sounds". "Wir haben Klänge gesammelt, die vielleicht bald verschwinden - aber auch aktuelle Klänge, die unserer Arbeitswelten und Lebensräume prägen", erklärt Konrad Gutkowski, der das Projekt für das Dortmunder Industriemuseum betreut.

Die Bandbreite reicht dabei von Dampflokomotiven über Waschbretter oder analoge Wecker bis hin zu Kettensägen oder Industriemaschinen wie Metallpressen. Die Sounds im Archiv sind frei zugänglich. Das heißt, jeder darf sie herunterladen und für eigene Projekte nutzen. Finanziert wurde das Projekt von der EU mit rund 500.000 Euro. Beteiligt waren Museen und Wissenschaftler in Polen, Deutschland, Slowenien, Finnland, Schweden und Belgien.

Film- und Tonbeispiele aus dem Archiv

Schnittstelle zwischen Wissenschaft und Kunst

Zum Abschluss werden die Ergebnisse des Projekts vom 19. August bis zum 21. August auf einer Tagung im Industriemuseum in Dortmund präsentiert. Außerdem treffen sich dort Wissenschaftler, Musiker und Künstler, um unter anderem darüber zu reden, welchen Einfluss Geräusche auf das Alltagsleben von Menschen haben oder darüber, wie sich die Klanglandschaften in Europa durch die Industriealisierung verändert haben - und aktuell weiter verändern.

Die gesammelten Klänge werden aber auch ganz praktisch genutzt. Etwa in der Bildungsarbeit: "Mithilfe der Sounds haben wir neue Möglichkeiten, Museumsbesuchern und vor allem Kindern die Industriegeschichte des Ruhrgebiets näherzubringen", sagt Konrad Gutkowski. Zusammen mit Grundschülern wurde zum Beispiel eine App entwickelt, mit der man eine Art Geräuschejagd durch die Zeche Zollern machen kann. Und auch Künstler können die Klangdatenbank für ihre Arbeit nutzen. Der Dortmunder Medienkünstler Florian Hartlieb hat bereits eine interaktive "Soundstation" gebaut, in der die Klänge und gleichzeitig Texte aus dem Tagebuch eines Bergmanns zu hören sind. Außerdem wurden einige der Sounds bereits zu Musik verarbeitet: Ein französischer Musiker schickte den Wissenschaftlern einen seiner Songs, in dem Geräusche aus dem Archiv den Rhythmus bilden. Der Name des Songs: "Technology and Bones".

Stand: 20.08.2015, 06:30