"Es könnte ein Schlachtfeld des Lobbyismus werden"

15 Jahre Wikipedia

"Es könnte ein Schlachtfeld des Lobbyismus werden"

Wikipedia ist seit 15 Jahren im Netz und zählt nach wie vor zu den beliebtesten Internetseiten der Deutschen. Immer wieder gibt es aber Leute, die bewusst Fehler in die Einträge einbauen - aus unterschiedlichen Gründen. Der Informatiker Martin Potthast vom Digital Bauhaus Lab der Universität Weimar hat den Wiki-Vandalismus erforscht.

WDR.de: Nutzen Sie selbst Wikipedia?

Martin Potthast: Ununterbrochen. Wikipedia ist die Webseite, der ich am meisten vertraue und zwar deshalb, weil die Einträge regelmäßig korrigiert werden. Ich verlasse mich tatsächlich mehr auf das, was in der Wikipedia steht als auf Dinge, die ich in einem beliebigen Nachrichtenartikel finde. Gleichzeitig ist die Wikipedia für mich auch ein Forschungsobjekt. Ich arbeite unter anderem an spezialisierten Suchmaschinen, die sofort Faktenwissen vermitteln.

Martin Potthast

Martin Potthast studierte Informatik an der Universität Paderborn. 2006 wechselte er ins Forschungsteam der Universität Weimar und promovierte dort 2011. Seitdem forscht er im Digital Bauhaus Lab der Universität Weimar vor allem zu den Themen: Technologien zur Klärung der Glaubwürdigkeit, Qualität und Herkunft von Informationen und automatische Erkennung von Vandalismus in der Wikipedia und Wikidata, der Suche nach Textplagiaten sowie jüngst der Filterung von sogenanntem "Clickbait" in sozialen Medien.

Martin Potthast

Martin Potthast vom Digital Bauhaus Lab der Universität Weimar

Quelle: Martin Potthast/Universität Weimar

WDR.de: Sie beschäftigen sich aber auch mit den Fehlern bei Wikipedia – und zwar mit Fehlern, die absichtlich eingetragen werden. Wie oft wird bei Wikipedia durch "Vandalen" bewusst manipuliert?

Potthast: Schätzungsweise sind täglich zwischen fünf und sieben Prozent der Editierung bei Wikipedia Vandalismus – also bewusst eingestellte falsche Informationen.

WDR.de: Und wer manipuliert da?

Potthast: Auf der einen Seite, gibt es Leute, die einfach Spaß daran haben, etwas kaputtzumachen, dadurch Aufmerksamkeit zu erregen und irgendwo ihr Zeichen zu hinterlassen. So wie jemand, der in der Bahn irgendwas an die Wand schreibt. Es gibt aber auch Leute, die auf Missstände aufmerksam machen wollen. In Deutschland gab es den schönen Fall als Karl-Theodor zu Guttenberg Verteidigungsminister wurde. Da hat jemand einen falschen zusätzlichen Vornamen bei Wikipedia eingefügt, der sich sehr schnell in den Medien weiterverbreitet hat, weil diese Namensliste einfach ungeprüft übernommen wurde. So wurde gezeigt, dass die Medien häufig nicht mehr selbst recherchieren, wenn sie unter Zeitdruck stehen.

WDR.de: Ist Lobbyismus auch ein Problem, das Wikipedia betrifft?

Potthast: Ja. Es gibt Unternehmen, die auf Wikipedia Accounts betreiben, um für andere gegen Bezahlung bestimmte Meinungen oder Fakten einzustellen. Dabei geht es entweder um Meinungsmache oder Werbung. Bei einem Thema, das kontrovers diskutiert wird, kann man zum Beispiel Lobbyismus betreiben, indem man Fakten verdreht - und zwar so, dass es nicht gleich bemerkt wird.

WDR.de: Gibt es noch andere Möglichkeiten der Manipulation?

Potthast: Es ist auch wichtig zu überprüfen, wie vertrauenswürdig die Webseiten sind, die bei Wikipedia verlinkt werden und auf die sich die Informationen im Eintrag beziehen. Es gibt Lobbyisten, die versuchen, eine bestimmte Meinung zu verbreiten, indem sie möglichst viele verschiedenen Seiten online stellen, die eine bestimmte Tendenz haben. So wird dann unter Umständen eine künstliche "Wahrheit" in einem bestimmten Bereich erzeugt. Aber das ist auch ein Problem des gesamten Internets.

WDR.de: Wie kann man die Glaubwürdigkeit eines Artikels sicherstellen?

Potthast: Das ist schwierig – zumindest bei den Artikeln, die nicht von anderen Lesern mit Qualitätsmerkmalen ausgezeichnet wurden. Sonst kann man sich bei Wikipedia ganz gut an den Auszeichnungen und an der Historie orientieren.

WDR.de: Wird Wikipedia auch in Zukunft eine so wichtige Rolle spielen?

Potthast: Die Glaubwürdigkeit von Informationen im Internet wird das Thema der Zukunft sein. Das wird auch für Unternehmen immer interessanter. Je mehr Leute sich auf Wikipedia verlassen, umso wertvoller wird Wikipedia für den Lobbyismus. Es könnte dann passieren, dass Wikipedia ein Schlachtfeld des Lobbyismus wird. Es wird in Zukunft darum gehen, wie man Manipulationen verhindern kann – das ist auch Teil meiner Forschung: Technologien zu entwicklen, die Manipulationen automatisch erkennen. Vandalismus ist da noch das kleinere Problem. Schwieriger wird sein, die Glaubwürdigkeit einer eingetragenen Information wirklich sicher nachzuvollziehen.

WDR.de: Und für welche Zwecke würden Sie die Wikipedia nicht benutzen?

Potthast: Wenn ich wirklich das tiefe Fachwissen brauche, dann würde ich Wikipedia nicht benutzen. Da würde ich dann eher auf Fachliteratur zurückgreifen.

Das Interview führte Conny Crumbach

Stand: 14.01.2016, 10:52