Zärtlichkeit trotz Schuppenflechte

Hautarzt untersucht einen Schuppenflechte-Betroffenen

Aufklärung zu Psoriasis

Zärtlichkeit trotz Schuppenflechte

Von Benjamin Esche

Schuppenflechte-Patienten habe außer ihrer Krankheit selbst ein großes Problem: Sie stoßen immer wieder auf Ablehnung. Das soll anders werden. Hautärzte und Selbsthilfeorganisationen wolen jetzt stärker aufklären: Nähe erlaubt!

Im Alter von zehn Jahren ändert sich das Leben von Marc (Name geändert) schlagartig. Es beginnt mit schuppiger Haut an Ellenbogen und Gelenken und zieht sich sehr schnell über den gesamten Körper. Die Diagnose: Psoriasis, die sogenannte Schuppenflechte. Die entzündeten und juckenden Hautstellen machen dem Essener körperlich und psychisch schwer zu schaffen. "Im Sportunterricht habe ich nur noch lange Kleidung getragen, um meine Haut nicht zeigen zu müssen", erinnert sich der heute 32-Jährige. Das Freibad im Sommer hat er ganz gemieden. "Wenn Freunde gefragt haben, habe ich mich in Lügen geflüchtet, um nicht mitgehen zu müssen."

Schuppenflechte

Die Schuppenflechte (Psoriasis) ist eine chronisch-entzündliche Hauterkrankung, die erblich bedingt und nicht komplett heilbar ist. Ihre Symptome sind glänzende, silbrig-weiße Schuppen, die sich auf stark durchbluteten und entzündlich geröteten Hautstellen bilden. Grund dafür ist eine Verhornungsstörung der Haut, die dazu führt, dass sich die Zellen der Oberhaut sieben Mal schneller teilen, als bei gesunden Menschen. Betroffen sind speziell Ellenbogen, Hände, Beine und Kopfhaut, sowie Gesäß, Brust, Rücken und der Genitalbereich. Die betroffenen Stellen jucken häufig sehr stark. Ein großes Problem für Patienten sind meist auch die einhergehenden psychosomatischen Beschwerden und die Einschränkung der Lebensqualität. Zwei bis drei Prozent der Nordeuropäer sind laut Schätzungen von Psoriasis betroffen. In Deutschland leiden etwa zwei Millionen Menschen daran. Die Autoimmunerkrankung ist nicht ansteckend und tritt in wiederkehrenden Schüben auf. Als Auslöser gelten ergänzend zu den genetischen Veranlagungen Infektionen, Stress, Übergewicht, Alkohol und Rauchen, sowie Medikamente wie Betablocker oder Allergene.

Die Schuppenflechte begleitet Marc seitdem durch sein Leben – und prägt es. Der Mechatronik-Student muss regelmäßig erfahren, wie sich Menschen von ihm abwenden und Beziehungen scheitern. Körperkontakt und menschliche Nähe fehlen. Doch gerade das ist wichtig – nicht nur für Menschen mit Schuppenflechte. "Berührungen sorgen für einen ganzen Cocktail an Hormonausschüttungen", erklärt Andreas Körber, Oberarzt an der Hautklinik der Essener Uniklinik. "Im Gehirn werden Glückshormone freigesetzt und Stresshormone abgebaut." Und Stress sei mitverantwortlich für die Entzündungsprozesse im Körper.

Weltknuddeltag

Der Weltknuddeltag (oder auch Welttag der Umarmung) am 21. Januar ruft dazu auf, mehr Zuneigung, Zärtlichkeit und Gefühle zu zeigen. Menschliche Nähe und Berührungen wirken sich positiv auf das Immunsystem aus, senken den Blutdruck und sollen sogar die Gedächtnisleistung fördern. In diesem Jahr bildet der Tag den Auftakt der Psoriasis-Kampagne "Bitte berühren – gemeinsam aktiv gegen Schuppenflechte". Dermatologie-Verbände und Selbsthilfeorganisationen wollen damit ein Zeichen gegen Distanzierung von Schuppenflechte-Betroffenen setzen.

Raus aus der Isolation

Die Ablehnung führt bei Körbers Patienten Marc erst in die Isolation und schließlich in die Depression. "Mit vielen Menschen kommt man als Betroffener gar nicht erst richtig in Kontakt, weil die Ablehnung direkt da ist", sagt der Essener. "Ich habe mich abgeschottet und eine Kluft zwischen mir und der normalen Gesellschaft ist entstanden." Das Studium lässt Marc zeitweise ruhen und flüchtet sich mithilfe von Drogen in eine für ihn erträglichere Welt. Kein Einzelfall, wie Oberarzt Körber weiß: "Das Selbstbewusstsein der Patienten verändert sich und führt dazu, dass einige Betroffene ihren Mangel an Zufriedenheit sogar mit Drogen oder Alkohol betäuben wollen." Die Hautprobleme werden dadurch immer stärker – ein Teufelskreis entsteht.

Ellenbogen mit Schuppenflechte

Schuppenflechte tritt häufig an den Ellenbogen auf

Anlässlich des diesjährigen Weltknuddeltags (21.01.2016) starten Hautärzte und Selbsthilfeorganisationen daher eine Aufklärungskampagne, um Schuppenflechte-Patienten aus der Isolation zu holen. "Wir wollen Betroffenen Mut machen und zeigen, dass sie nicht alleine mit ihrer Krankheit dastehen", sagt Ralf Blumenthal vom Berufsverband der Deutschen Dermatologen (BVDD). Das Kampagnen-Motto "Bitte berühren" soll außerdem dazu aufrufen, Betroffene nicht auszugrenzen und stattdessen auf sie zuzugehen und Nähe zu zeigen.

Bessere Therapiemöglichkeiten

"Mittlerweile können wir bei vielen Patienten die Schuppenflechte auch über einen langen Zeitraum durch verschiedene, auch neue Medikamente gut in den Griff bekommen", sagt Dermatologe Körber. In der Hautklinik in Essen, einer der größten Ambulanzen für Schuppenflechte in NRW, werden weit über 500 Patienten behandelt. Wichtig sei es, mehr Betroffene mit den neuen Therapiemöglichkeiten vertraut zu machen, sagt Ralf Blumenthal vom BVDD: "Wir sind heute so weit, dass wir innerhalb von drei Monaten drei Viertel der betroffenen Hautflächen von Schuppenflechte-Patienten eindämmen können." In der medizinischen Entwicklung sei dies ein enormer Schub, was die Beherrschbarkeit der Symptome angehe.

Therapiemöglichkeiten

In der äußerlichen Therapie wird in der Regel auf Salben und Cremes gesetzt. Um die Schuppenflechte in den Griff zu bekommen, können sogenannte Biologika und PDE4-Hemmer zum Einsatz kommen, heißt es vom Berufsverband der Deutschen Dermatologen. Sie greifen in das fehlgeleitete Immunsystem der Patienten ein und hemmen gezielt Botenstoffe oder Enzyme, die Entzündungen auslösen. Allerdings können bei Biologika auch Nebenwirkungen auftreten, die aufgrund der Unterdrückung des Immunsystems das Infektionsrisiko erhöhen können.

Das kommt auch Marc zugute, der mittlerweile nahezu frei von Symptomen ist. Seit vier Jahren erhält er in der Essener Uniklinik ein Medikament, das bei ihm sehr gut anschlägt. Alle sieben Wochen muss er deshalb zur Infusion in die Hautklinik. Doch befreit von allen seinen Leiden ist der Essener noch nicht. Er habe über eine lange Zeit Verhaltensmuster angenommen, die er jetzt nur schwer wieder ablegen könne. "Ich habe mich bisher mein ganzes Leben lang versteckt", erzählt Marc. "Plötzlich sieht meine Haut wieder besser aus, aber vom Kopf her kann ich nicht so leicht umschalten." Dabei soll nun eine Psychotherapie helfen.

Stand: 21.01.2016, 06:00