Verschwörungstheorien: Gute Zeiten für Spinner?

Anschlag auf das World Trade Center in New York

Verschwörungstheorien: Gute Zeiten für Spinner?

Von Jochen Paulus

Die Medien lügen, in Wahrheit ist alles ganz anders. Das glauben zumindest Verschwörungstheoretiker. Die Terroranschläge vom 11. September 2001 sind eines ihrer bevorzugten Themen. Lässt sich die Neigung zu solchen Theorien erklären?

Kaum hatten zwei entführte Flugzeuge die Türme des World-Trade-Centers einstürzen lassen und ein drittes Verwüstungen im Pentagon angerichtet, da kursierten auch schon Verschwörungstheorien: Nicht islamische Terroristen sollten schuld sein an diesem Anschlag, sondern verschworene Kreise innerhalb der amerikanischen Regierung, ihrer Geheimdienste oder des Pentagons. Sie, so hieß es auf einigen Internetseiten, hätten die Anschläge entweder geduldet oder in Auftrag gegeben, um einen Grund für militärische Aktionen zu haben. Wie Meinungsumfragen zeigen, glauben in Deutschland viele an solche Theorien.

Keine Mondlandung, aber Chemtrails des Vatikans

Flugzeug am blauen Himmel

Einfache Kondensstreifen oder gefährliche Chemtrails?

Auch andere eher eigenwillige Ansichten sind beliebt. Die Mondlandung war nur eine Inszenierung mit gefälschten Fernsehbildern, Kennedy wurde nicht von einem Einzeltäter erschossen. Nicht nur das Internet ist voll von solchen Ideen. Kaum totzukriegen ist auch die Saga von den sogenannten Chemtrails. Sie sehen angeblich aus wie normale Kondensstreifen, sollen aber in Wirklichkeit Metallstäube enthalten und Produkt einer riesigen Verschwörung der Jesuiten im Auftrag des Vatikans sein. Sie kontrollierten Streitkräfte, Konzerne, Medien und Universitäten – nur nicht die Bürgerinitiative "Sauberer Himmel", die das alles enthüllt.

Großes Ereignis, große Verschwörung

Psychologen haben herausgefunden: Große Ereignisse eigenen sich besonders gut für Verschwörungstheorien, denn sie verlangen für viele eine große Erklärung. Da passt es einfach nicht, dass am 11. September 3.000 Menschen ums Leben kamen, nur weil ein paar obskure Terroristen es so wollten. Größere Mächte müssen im Spiel gewesen sein. Und dass es zur Atomkatastrophe von Fukushima nur deshalb kam, weil leichtsinnige Planer sich bei den Sicherheitsmaßnahmen verschätzt hatten, wer will das denn glauben? Es muss einfach mehr dahinter stecken.

Das Internet macht vieles möglich

Das Internet hilft dabei, Verschwörungstheorien zu verbreiten. Hier ist alles zu haben: Solide Forschung findet sich nur ein paar Klicks entfernt von nacktem Irrsinn. Zu unterscheiden ist das manchmal kaum – und der User glaubt vielleicht nur zu gerne denen, die ordentlich mit Politik, Wirtschaft und Establishment abrechnen.

Die da oben sind schuld

Wer nun aber annimmt, dass nur Leute mit wenig Grips zur Verschwörungstheorie neigen, der irrt: In Studien hat sich gezeigt, dass mangelnde Intelligenz keine Erklärung liefert. Eine Eigenschaft scheint allerdings wichtig zu sein: Die Neigung, menschliche Absichten zu sehen, wo in Wirklichkeit der Zufall regiert. Und es zeigt sich: Wer eine Verschwörungstheorie für wahr hält, glaubt meist auch an andere. Auf Logik kommt es dabei nicht unbedingt an. So fragten britische Forscher Studienteilnehmer, für wie wahrscheinlich sie verschiedene Theorien zum Tod von Osama bin Laden hielten. Dabei zeigte sich ein interessantes Phänomen: Leute, die glaubten, dass Osama bin Laden schon tot war, als amerikanische Einsatzkräfte ihn in seinem Versteck fanden, glaubten gleichzeitig, dass er bis heute lebt. So oder so: Die Regierung lügt, lautet wohl die Devise.

Der Reiz der Verschwörung

Was aber haben Leute davon, dass sie an absurde Erklärungen glauben? Der Kölner Verschwörungstheorie-Forscher Roland Imhoff hat etliche Indizien für die derzeit führende Theorie gefunden. Sie erklärt beispielsweise, warum Verschwörungstheorien besonders viele Anhänger unter prekär Beschäftigten und Arbeitslosen haben – und überhaupt bei Menschen, die mit dem Gefühl zurechtkommen müssen, ihr Leben nicht unter Kontrolle zu haben. Sobald jemand eine Verschwörungstheorie akzeptiert, gewinnt er das Gefühl von Kontrolle zurück. Schließlich durchschaut er doch besser als andere, was eigentlich Sache ist. Kurzfristig beruhigt das, auf die Dauer eher nicht. Denn wer überall dunkle Mächte am Werk sieht, muss befürchten, dass sie ihm eines Tages etwas Böses antun.

Stand: 06.02.2017, 11:21