Über die ätzende Wirkung von Urin

An einer Badtür in einer Wohnung hängt ein WC-Schild in Form eines Jungen während ein Mann im Hintergrund die Toilette benutzt

Toilettenstreit in Düsseldorf

Über die ätzende Wirkung von Urin

Stehpinkler können vorsichtig aufatmen. Wenn durch Urinspritzer Böden beschädigt werden, ist der Mieter nicht unbedingt schuld, wie das Landgericht Düsseldorf entschied. Kann Urin wirklich Flächen verätzen? Und können pinkelnde Hunde Laternen zu Fall bringen? Wir haben die Antworten.

Wenn in ihrer Mietwohnung die Böden unter ihrem Urinierverhalten leiden, müssen sie dafür allenfalls im Ausnahmefall aufkommen. Das hat das Düsseldorfer Landgericht am Donnerstag (01.10.2015) in einer vorläufigen Bewertung kundgetan und einer Vermieterin keine Aussicht auf Erfolg ihrer Berufung bescheinigt.

Auch wenn in der vermieteten Wohnung die Marmorböden in Bad und Gäste-WC durch Urinspritzer stumpf geworden seien, sei dies "keine schuldhafte Beschädigung der Mietsache". Die Sachlage wäre möglicherweise anders zu bewerten, wenn der Vermieter auf die besondere Empfindlichkeit des Bodens hingewiesen und Vorgaben zur Pflege gemacht hätte, sagte die Vorsitzende Richterin Silvia Geisel. Das Urteil soll in dem Fall am 12. November verkündet werden.

Warum kann Urin ätzen?

"Der Urin allein macht nichts kaputt. Man kann ihn - wie bekannt ist - sogar trinken", sagt der Pressesprecher des Berufsverbandes der deutschen Urologen, Wolfgang Bühmann, dem WDR. Ein Problem entstehe aber, wenn der Urin auf bestimmte Materialien treffe, welche die Inhaltsstoffe des Urins nicht vertragen. Neben Harnstoff und Harnsäure befinden sich weitere Säuren im Urin, darunter Aminosäuren und Zitronensäuren. Der pH-Wert liegt in der Regel zwischen 6 und 7. Urin, auch Harn genannt, ist also eher leicht sauer.

Welchen Einfluss hat die Ernährung?

Je nachdem, was der Mensch isst und trinkt, kann der pH-Wert sinken oder steigen. Sinkt der Wert, wird der Urin saurer und ätzt mehr. Außerdem hat die Menge der Wasserzufuhr Einfluss. Je weniger der Mensch trinkt, desto konzentrierter wird der Urin und desto mehr kann dieser dann andere Stoffe anätzen. Bühmann meint: "Es darf auf gar keinen Fall dazu kommen, dass man seine Ernährung danach ausrichtet, was Urinspritzer möglicherweise auf dem Boden verursachen könnten. Dann sollte man sich lieber hinsetzen."

Welche Materialien reagieren wie stark auf Urin?

Besonders empfänglich sind Stoffe oder Materialien, die nicht versiegelt sind. Im Bad wären das die Fugen oder stumpfe Fliesen aus Terracotta oder auch Marmor. Toiletten aus Keramik sind dagegen versiegelt und damit gut geschützt. "Wenn der Vermieter einfach versiegelte Keramikfliesen einbauen würde, wäre das Problem gelöst", sagt Bühmann. Zudem stellt der Urologe klar: "Es ist auch immer eine Frage der Dauer und des Umfangs." Bei einer sofortigen Beseitigung könne der chemische Prozess gestoppt werden. "Wenn man aber drei Jahre auf die gleiche Stelle pinkelt, ohne zu wischen, sieht die Lage anders aus."

Im Bad ist dieses Szenario eher unwahrscheinlich. In Großstädten oder Szenekiezen ist das schon wahrscheinlicher. Man denke an den Karneval in der Kölner Altstadt oder die Reeperbahn in St.Pauli. Eine Initiative aus Hamburg hat jetzt einen Lack entwickelt, den Hausbesitzer auf St. Pauli an ihre Hauswände sprühen sollen. Die Idee: An der Lackbeschichtung prallt der Urinstrahl ab - stärker, als dass es sich der Verursacher wünscht.

Wie aggressiv ist der Urin von Tieren?

Jeder Autofahrer kennt es: Vogelkacke auf der Motorhaube. Doch die Vogelkacke ist in Wahrheit gar kein Kot, sondern halbfester Urin. Denn anders als beim Menschen, scheiden Vögel keinen flüssigen gelben Harnstoff, sondern zähflüssige und konzentrierte Harnsäure aus. Der Urin ist nicht flüssig, weil Vögel sehr wenig trinken. Die konzentrierte Harnsäure ist stark ätzend und frisst sich mühelos durch jede Lackschicht, wenn man den chemischen Prozess nicht frühzeitig stoppt.

Der RWE-Konzern befürchtet sogar, dass tausende markierende Hunde irgendwann die Standfestigkeit eines Laternenmasten gefährden könnten. Denn auch hier greift die Harnsäure das Material an. RWE lässt deshalb alle sechs bis acht Jahre rund 57.000 Laternenmasten in Essen von einem Unternehmen überprüfen. Neben dem Hunde-Urin dürften aber auch Unwetter, Abgase und Streusalz das Material schädigen.

Stand: 01.10.2015, 15:33