Deutschland nur im Mittelfeld

Montage Schriftzug Transparenz ? / der leere Hörsaal einer Universität vom Pult zu den Stuhlreihen der Hörer fotografiert

Ehrlichkeit an Unis

Deutschland nur im Mittelfeld

Von Armin Himmelrath

Kann man Uni-Absolventen und ihren Lebensläufen trauen? Nicht unbedingt, das legt eine neue Studie nahe: Akademische Korruption ist in vielen europäischen Ländern der Normalfall. Deutschland wurde auch getestet – und schnitt überraschend schlecht ab.

Paul Milata ist Headhunter. Von seinem spartanisch eingerichteten Büro im Berliner Westhafen aus, vor allem aber auf zahlreichen Reisen und in Auswahlgesprächen sucht er nach geeigneten Kandidaten, wenn weltweit agierende Unternehmen Positionen im oberen Management zu besetzen haben.

Der 38-jährige Berliner Personalberater ist dabei auf Osteuropa spezialisiert, eine der weltweit riskantesten Regionen im Hinblick auf Wirtschaftskriminalität - und damit auch im Hinblick auf unehrliche Uni-Karrieren. Und weil Headhunter in den Standardverträgen für die Ehrlichkeit ihrer Kandidaten bürgen, wollte Paul Milata wissen, wie weit akademische Korruption und Unehrlichkeit in den für ihn wichtigen Ländern tatsächlich verbreitet sind - deshalb finanzierte er diese Untersuchung. "Wer schon an der Uni pfuscht und Unehrlichkeit als normal erlebt, ist vielleicht auch später im Unternehmen nicht unbedingt nur ehrlich", sagt Milata.

Zwei Probleme in Deutschland

Befragt wurden vom Meinungsforschungsinstitut YouGov jeweils über 500 Uni-Absolventen in vier ost- und sechs westeuropäischen Ländern, insgesamt rund 5.200 Personen - und das Ergebnis fand Paul Milata "sehr ernüchternd": Am kritischsten ist die Situation in Italien und Spanien, am besten in Großbritannien und Schweden. Deutschland landete nur im Mittelfeld, hinter Frankreich, Polen und Ungarn und vor Tschechien und Rumänien.

Headhunter Paul Milata

Headhunter Paul Milata

"Deutschland wird von zwei Problemen heimgesucht", sagt Paul Milata, "und zwar Plagiaten im Bereich von Promotionen und bei der Rekrutierung im akademischen Bereich, genauer gesagt der Einstellung oder Berufung von Lehrstuhlinhabern und wissenschaftlichen Mitarbeitern." Doch während über Plagiate in Promotionen spätestens seit den Fällen von Karl Theodor zu Guttenberg und Annette Schavan viel diskutiert wird, spielt das zweite Problemfeld in der öffentlichen Wahrnehmung so gut wie keine Rolle.

Intransparente Auswahlverfahren

Da geht es um undurchsichtige Kriterien, wenn etwa Studenten nach persönlichen Auswahlgesprächen für eine Promotion zugelassen werden, obwohl ihr Notendurchschnitt dafür eigentlich nicht ausreicht oder sie nicht unbedingt die notwendige fachliche Vorbildung mitbringen. Oder um Stellenausschreibungen, die von vorneherein so formuliert sind, dass nur der Wunschkandidat wirklich eine Chance hat. Auch komme es immer wieder vor, dass Verwandte von angesehenen Professoren gut dotierte Stellen erhalten, obwohl sie zuvor nicht durch fachliche Qualifikation aufgefallen sind.

Studenten im Hörsaal der Rheinischen Friedrich Wilhelms Universität Bonn

Jeder vierte deutsche Uni-Absolvent kennt akademische Unehrlichkeit

Das habe wenig mit akademischen Fähigkeiten und Leistungen zu tun, dafür umso mehr mit möglichen Seilschaften und der gezielten Protektion bestimmter Personen. Immerhin jeder vierte deutsche Uni-Absolvent berichtet von Erfahrungen mit akademischer Unehrlichkeit: Unregelmäßigkeiten bei der Notenvergabe hatten 27 Prozent erlebt, genauso hoch war der Wert bei der Frage nach unklaren Personalentscheidungen an den Unis. Nicht ganz so oft wurde Intransparenz bei der Studienzulassung (26 Prozent), Unklarheiten beim Examen (20 Prozent) und Unregelmäßigkeiten bei der Promotion (15 Prozent) genannt.

Vorurteile nicht bestätigt

Es sei auf jeden Fall an der Zeit, lange gepflegte Vorurteile abzulegen, sagt der Berliner Headhunter: "Die Problematik der akademischen Korruption ist auf keinen Fall zwischen Ost und West zu trennen. Es gibt westeuropäische Länder, die Schlusslichter unseres Rankings sind und es gibt osteuropäische Länder, die im oberen Mittelfeld mitspielen."

Trotz der jetzt vorliegenden Ergebnisse ist Paul Milata aber noch nicht zufrieden: Er würde gerne weitere Länder in den Vergleich mit einbeziehen und vor allem mehr Uni-Absolventen pro Land befragen. "Dann hätte ich die Möglichkeit, nicht nur pauschale Aussagen über die Wissenschaftssysteme ganzer Länder zu treffen, sondern ganz gezielt bestimmte Fakultäten und Hochschulen unter die Lupe zu nehmen."

Stand: 07.12.2015, 12:55