Probemessungen zu Ultrafeinstaub

Ultrafeinstaub

Probemessungen zu Ultrafeinstaub

Von Nicola Wettmarshausen

Sie spielen in der Feinstaubdebatte noch kaum eine Rolle, sind aber ebenso gefährlich: Ultrafeine Stäube können in Blutbahn und Gehirn gelangen, Herzinfarkt und Krebs auslösen. Offiziell gemessen werden sie bislang nicht - für Fachleute ein Skandal.

Ultrafeinstäube können en Menschen anders schädigen als der 100mal größere PM10-Feinstaub, der offiziell gemessen wird. Einige Studien legen nahe, dass die Nanoteilchen durch die Lungenwand in die Blutbahn oder sogar über den Geruchsnerv ins Gehirn gelangen können. So wären sie Mitverursacher von Krankheiten wie Parkinson. Herzinfarkte, Kreislauferkrankungen, Krebs, sogar Diabetes und Frühgeburten werden mit ultrafeinen Partikeln in Verbindung gebracht. Allerdings reicht die medizinische Datenbasis derzeit noch nicht aus, um für diese Partikel Grenzwerte abzuleiten, betonen Forscher vom Helmholtz Zentrum München. Sie gelten als die deutschen Spezialisten für die gesundheitliche Beurteilung von feinen und ultrafeinen Stäuben.

Stichprobenmessung durch die Deutsche Umwelthilfe

Das Stuttgarter Neckartor ist mittlerweile deutschlandweit bekannt. Mehr als 80.000 Fahrzeuge fahren hier täglich entlang und verursachen Feinstaub, deren Höchstwert die zulässige Grenze immer wieder überschreitet - seit mehr als 15 Jahren schon. Doch die viel feineren Partikel werden am Neckartor und an anderen offiziellen Stellen nicht gemessen.

Das will die Deutsche Umwelthilfe jetzt durch Stichprobenmessungen ändern, etwa an der Bundesstraße 14, die quer durch die Stuttgarter Innenstadt führt. Der Verkehrsexperte Urs Maier nutzt dafür ein Messgerät, das aussieht wie ein Handstaubsauger und die nur 0,1 Mikrometer großen Partikel - hundert Mal kleiner als der sonst gemessene Feinstaub - zählen kann. Die Teilchen werden eingesaugt und fliegen durch eine übersättigte Alkoholdampf-Atmosphäre, deren Moleküle sich an das Partikel anlagern und es so vergrößern – ein Prinzip ähnlich einer Nebelkammer. Die so vergrößerten Teilchen können dann im zweiten Schritt mittels Streulichtverfahren gezählt werden. Über 5.000 Euro kostet so ein mobiles, hochempfindliches Kondensations-Partikelzählgerät bisher.

Drei- und vierfache Werte an der Hauptstraße

Ultrafeinstaub

Hohe Werte an der Hauptstraße

In einer Seitenstraße der B14 pendelt sich der Messwert bei dieser Methode auf 8.000 bis 9.000 Ultrafeinstaub-Partikel pro Kubikzentimeter Luft ein. Es ist ein sogenannter Hintergrundwert, wie sie Urs Maier auch an anderen Messpunkten in Seitenstraßen im Stuttgarter Süden finden wird. Doch nur zwanzig Meter weiter, an der Straßenecke zur B14, sehen die Messwerte ganz anders aus: 25.000 und 30.000 Teilchen!

Axel Friedrich, früherer Abteilungsleiter für Verkehr im Umweltbundesamt, wertet er die Stuttgarter Ergebnisse aus. Ein Verhältnis von 1: 3 oder 1: 4 von Seitenstraße zu Hauptverkehrsstraße sei normal, sagt er. Denn die Stäube entstehen vor Ort: Diesel-Fahrzeuge mit schlechtem, Baumaschinen ganz ohne Partikelfilter und Holzheizungen erzeugen sie.

Ohne Messungen kein Grenzwert - Ohne Grenzwert keine Messungen

Die Gefährlichkeit dieser Stäube ist durch ihre Kleinheit bedingt: Durch ihre buckelige Form haben sie eine vergrößerte Oberfläche im Vergleich zur reinen Kugel. Außerdem bestehen die Ultrafeinen fast ausschließlich aus Kohlenwasserstoffmolekülen mit vielen freien Bindungen. Beide Faktoren machen die Teilchen reaktiv - in der Luft und im menschlichen Körper.

Umso erstaunlicher ist es, dass es für Ultrafeinstaub bisher keine Verordnungen gibt. Routinemessungen an den offiziellen Luftmess-Stationen in den einzelnen Bundesländern fehlen. Nur im Mess-Netz „GUAN“, einem reinen Forschungs-Mess-Netz, werden ultrafeine Aerosolpartikel gemessen. Ohne langfristige Routine-Messungen aber fehlen Daten für die Durchführung von Gesundheitsstudien. Und ohne diese kann die EU auch keinen Grenzwert festsetzen. Ohne Grenzwert aber gibt es für die Behörden keinen Grund zum Messen: ein Henne-Ei-Problem.

Klage gegen Staubschleudern bei "Stuttgart 21"

Ultrafeinstaub

Umwelthilfe demonstriert gegen Feinstaub

Für Axel Friedrich ist das ein Skandal, er sieht die üblichen Messungen von PM10-Feinstaub als reine Geldverschwendung an. Er weiß aber auch, das die personellen Mittel der Behörden in den letzten Jahren immer mehr verknappt worden sind, wodurch die Landesumweltämter derzeit immer nur die Partikel messen, für die es verpflichtend einhaltbare EU-Grenzwerte gibt.

Die Deutsche Umwelthilfe will das ändern, wenn nötig auch auf gerichtlichem Weg. Mit einer Klage gegen die Baustelle "Stuttgart 21" war sie schon erfolgreich. Hier fuhren die Diesel-Baumaschinen mitten in der Stuttgarter Umweltzone ohne Partikelfilter. Das ist jetzt verboten und "S 21" inzwischen die einzige "saubere" Großbaustelle in ganz Deutschland.

Stand: 02.02.2016, 12:15