Welttierschutztag: Legale Quälerei auch in Deutschland

Viele Hühner im Stall

Welttierschutztag: Legale Quälerei auch in Deutschland

Von Brigitte Osterath

Tanzbären in Russland, Walfang in Japan, Robbenschlachten in Kanada - dies sind immer wieder Aufreger-Themen. Aber geht es Tieren in Deutschland tatsächlich besser? Da gibt es große Unterschiede zwischen Meer- und Mastschwein.

In Deutschland müssen Tiere nicht leiden, denn Deutschland hat ein relativ starkes Tierschutzgesetz: "Niemand darf einem Tier ohne vernünftigen Grund Schmerzen, Leiden oder Schäden zufügen". Das Gesetz soll "aus der Verantwortung des Menschen für das Tier als Mitgeschöpf dessen Leben und Wohlbefinden schützen."

Klingt vielversprechend, aber die Praxis sieht anders aus, kritisiert Marius Tünte, Pressesprecher beim Deutschen Tierschutzbund: "Auf dem Papier ist es nett, es sind viele Verbote drin, aber in der Praxis ist es eben ein Tiernutzgesetz, denn wenn man sich die Unterkapitel anguckt, dann kommt eine Ausnahme nach der anderen - und diese Ausnahmen werden dann auf einmal zur Regel", so Tünte. Und wenn im Tierschutzgesetz steht: Tiere dürfen nicht ohne vernünftigen Grund leiden, dann sei das natürlich Auslegungssache.

Was ist ein vernünftiger Tötungsgrund?

Aufnahme eines Schweinemastbetriebes. In mehreren durch Metallgitter abgegrenzten Abteilen stehen Hunderte Schweine.

Trostloses Leben in moderner Schweinemast

Ein "vernünftiger Grund" ist definitionsgemäß die Nahrungsaufnahme. Wer ein Huhn schlachtet, um es zu essen, verstößt nicht gegen das Tierschutzgesetz. Erlaubt ist damit auch die industrielle Fleischerzeugung in Mastanlagen. Diese bringe jedoch das wirkliche Leid, dem Tiere in Deutschland ausgesetzt sind, sagt Marius Tünte vom Tierschutzbund. Er wirft der Landwirtschaft vor, Tiere zwar nicht mit Absicht zu quälen, "aber das System an sich ist tierquälerisch. Wir haben Puten, Masthühner, die gar nicht mehr von alleine stehen können, weil die so überzüchtet sind, dass sie den Körperschwerpunkt falsch haben. Die kippen vorne rüber. Das sind Auswüchse eines Systems, wo es nicht mehr um Tierschutz geht, sondern um Wirtschaftlichkeit."

Tiergerechte Haltung? Fehlanzeige!

Für die Haltung von Puten gibt es in Deutschland keine gesetzlichen Vorgaben - die Mast findet quasi im rechtsfreien Raum statt. Bis zu fünf Tiere leben oft auf einem Quadratmeter.
Viele Praktiken, die dem Tierschutzgesetz zu widersprechen scheinen, sind in Deutschland dennoch erlaubt: Junge Ferkel dürfen nach wie vor ohne Betäubung kastriert werden. Und man entfernt ihnen die Schwänze, damit sie sich in der engen Stallhaltung nicht gegenseitig annagen. Legehennen wird ein Teil des Schnabels mit einem schneidbrennenden Instrument abgeschnitten, Kälber werden frühzeitig enthornt - all das oft ohne Betäubung.

Landwirte wollen keine Buhmänner sein

enthornte Milchkühe im Stall beim Fressen

70 bis 80 Prozent der deutschen Milchkühe leben ohne Hörner

Einige Landwirte widersprechen, so Ludger Tißen und sein Sohn Markus. In der Nähe von Kleve halten sie 120 Milchkühe. Ihren Tieren gehe es gut, betont Ludger Tißen: "Ein gesundes Tier kann auch eine gute Leistung bringen. Und wenn die Kühe sich nicht wohlfühlen, dann können die auch keine gute Leistung bringen und das ist mit allen Tieren so." Auch die Tißens enthornen ihre Kälber, damit sie nicht später sich oder die Landwirte verletzen. Aber das passiere bei ihnen  immer unter Betäubung und mit Schmerzmitteln. Sohn Markus Tißen wirft Tierschützern vor, Fotos und Filmaufnahmen zu manipulieren: "Wenn man Bilder aus Kälberställen im Fernsehen sieht, aus Kuhställen, aus Geflügelställen - die sind immer bearbeitet - immer dunkler gemacht. Wenn ich das Foto mache, kann ich das auch schlecht machen." Vieles von dem, worunter Tiere in der Landwirtschaft vielleicht zu leiden haben, seien bedauerliche Einzelfälle - und eben nicht die Regel, sagen die Tißens.

Schreddern männlicher Küken an der Tagesordnung

markt-Scanner: Eintagsküken

46 Millionen Küken landen jedes Jahr im Häcksler

Trotzdem passieren auch in Deutschland tagtäglich Dinge, die nach gesundem Menschenverstand nicht mit dem Tierschutzgesetz vereinbar sind. Rund 46 Millionen männliche Hühnerküken aus der Lege-Hennenzucht landen jedes Jahr gleich nach dem Schlüpfen im Häcksler. Der Grund: Hähne legen keine Eier und sie zu mästen lohnt sich nicht - da Tiere aus Legehennenlinien nicht so gut Fleisch ansetzen wie speziell dafür gezüchtete Masttiere. Das Oberverwaltungsgericht Münster entschied im Mai 2016 trotzdem: Für diese Praxis liege "ein vernünftiger Grund vor". Für Tierschützer wie Marius Tünte ein Schlag ins Gesicht: "Als das Gericht in Münster diese Entscheidung getroffen hat, war ich auch selbst im Gerichtssaal, und da fällt einem schon erst mal die Kinnlade runter - weil es so eindeutig war. Der Richter sagte ganz explizit: das Töten von über 40 Millionen Küken ist rechtmäßig, ist mit dem Tierschutzgesetz vereinbar."

Haustiere versus Nutztiere

Offensichtlich ist also das Geldverdienen allein ein "vernünftiger Grund", Tiere zu töten. Warum sind solche Praktiken in Deutschland erlaubt und sogar gängig? Ganz einfach: Tiere seien für uns nicht alle gleich, weiß Tierethiker Rainer Hagencord vom Institut für theologische Zoologie in Münster: "In unserer Gesellschaft gibt es nur noch zwei Kategorien von Tieren - die einen verwöhnen wir mit Haustierfutter und die anderen werden dazu verarbeitet."

Malteser-Hunde werden gebürstet bei der Messe "Hund & Katz

Verwöhnter Liebling

Es gibt also die Haustiere, die wir lieben und es gibt die Nutztiere, vor denen wir keine Achtung haben. Tierethiker Rainer Hagencord kennt den Grund: "Man stelle sich vor, man würde ab morgen bestimmte Hunderassen als Trethunde bezeichnen, also ab morgen sind Dackel, Terrier und Doggen Trethunde und wie der Name sagt, darf man das dann mit denen tun, weil wir sie so genannt haben." Etwas ähnliches sei im Laufe der europäischen Denkgeschichte passiert, so Hagencord. Da habe man Schweine, Puten und Rinder zu Nutztieren ernannt - wohlwissend, dass sowohl ein Huhn als auch eine Pute über die gleichen kognitiven Fähigkeiten, über die gleiche emotionale Welt verfügt wie der Wellensittich, den wir zu Hause haben.

Heilige Tiere, abstoßende Tiere

Welche Tiere wir essen, lieben oder abstoßend finden, hängt von der jeweiligen Kultur ab. In Indien sind Tempelratten heilig, in Europa vergiften wir Ratten als Schädlinge. So halten Moslems Schweine für schmutzig und ungenießbar, in Deutschland hingegen gelten sie als lecker. Bei uns ist der Hund der beste Freund des Menschen, für viele Asiaten Fleisch, das den hungrigen Magen füllt.

Tiere klüger als bisher angenommen

Meerschweinchen im Gras

Meerschweinchen benötigen Sozialpartner

Neue Forschungsergebnisse lassen Tiere durchaus in einem anderen Licht erscheinen: So haben Forscher herausgefunden, dass Fische menschliche Gesichter erkennen können. Sie sind offenbar intelligenter, als viele Menschen glauben. Bis solche Erkenntnisse im Bewusstsein der Menschen ankommen, kann wird es noch lange dauern, davon ist Tierschützer Marius Tünte fest überzeugt. Das treffe selbst bei Haustieren zu: "Früher hat man zum Beispiel auch gedacht, dass man Meerschweinchen alleine halten kann. Aber mittlerweile wissen wir, das ist permanenter Stress für die Tiere, und dass die permanent leiden, weil sie allein sind, keinen Sozialpartner haben oder ein langweiliges Gehege haben, in dem sie sich kaum bewegen können."

Schweiz Vorbild beim Tierschutz

Trotzdem gibt es in Deutschland keinerlei Vorschriften, wie Meerschweinchen oder andere Kleintiere zu halten sind. Die Schweiz ist da schon weiter: Seit 2008 ist es dort gesetzlich verboten, Meerschweinchen alleine zu halten. Andere Länder wie Großbritannien, Skandinavien und auch die Niederlande seien Deutschland im Tierschutz weit voraus, sagt Biologe Roman Kolar von der Akademie für Tierschutz. Diese Einrichtung des Deutschen Tierschutzbundes arbeitet an Alternativen für mehr Tierschutz in Europa: "Mittlerweile hat sich Deutschland leider - wir haben das sehr deutlich an der EU-Tierschutzversuchsgesetzgebung gesehen - zu einem Bremser für Tierschutz in der EU entwickelt", sagt Roman Kolar und führt weiter aus, "zumindest dann, wenn es darum geht, rechtlich verbindliche Auflagen zu machen. Das liegt einfach da dran, dass große Teile des Tierschutzes - ich sag es mal ganz platt - Geld kosten."

Verbraucherinteressen vor Tierschutz

Abgepacktes Fleisch im Supermarktregal

Beim Einkauf sind die wenigsten konsequent

Wirtschaftlichkeit sei ein großes Wort in Deutschland, sagt auch Marius Tünte vom Deutschen Tierschutzbund. Nicht zufällig ist Tierschutz beim Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft angesiedelt. Es gehe um Arbeitsplätze und darum, konkurrenzfähig zu bleiben. Und um Verbraucherinteressen: Die Deutschen wollen billige Lebensmittel: "Es spielt sicher eine Rolle, dass gerade in Deutschland diese Schnäppchenmentalität herrscht", kritisiert Tünte.  Ganz gravierend sei das bei der Fleischproduktion: "Gerade auch bei Fleisch wurde der Verbraucher dahin erzogen, dass es günstig sein muss, dass es billig ist. Wir haben vielleicht einen Grill im Garten, der kostet 1.000 Euro mit allem möglichen Schnickschnack dran - die Würstchen sollen dann aber 1,50 kosten - im 5er Pack."

Tierschutz kostet

Auch Theologe Rainer Hagencord kritisiert das: "Viele Deutsche sagen zwar, dass ihnen Tierschutz wichtig ist und sie auch mehr dafür bezahlen würden, aber wenn man die gleichen Leute nach dem Einkauf fragt oder in den Einkaufskorb schaut, sieht man da doch wieder das Billigfleisch. Hagencord versteht diese Inkonsequenz nicht: "Warum kaufe ich noch ein solches Fleisch, wohlwissend, dass Tiere nicht nach den Bedingungen gehalten werden, die sie eigentlich brauchen?"

Genau wie der Tierschutzbund stellt auch Theologe Hagencord nicht die Landwirte selbst an den Pranger - auch die seien Verlierer im System der industrialisierten Massentierhaltung. Bei den niedrigen Preisen für Fleisch und Milch verdienen sie nur wenig. Da stimmt Milchbauer Ludger Tißen zu: "Im Moment ist es fast in der gesamten Landwirtschaft ziemlich schwer, ein ausreichendes Einkommen zu erwirtschaften, aufgrund der Milchpreissituation: weil der Milchpreis zu gering ist. Und weil die Kosten zu hoch gegangen sind in den letzten Jahren."

 Verbraucher sind gefragt

Also: Auch in Deutschland ist nicht alles rosig und mitverantwortlich sind wir alle, weil wir im Supermarkt so gerne sparen. Aber darf man sich dann überhaupt noch aufregen über Tierquälerei, die in China, Japan und anderen Teilen der Welt passiert? Ja, darf man, meint Theologe Hagencord: "Die Empörung ist immer schon ein Motor für Politik und Theologie gewesen. Wir leben in einer global vernetzten Welt und ich halte es durchaus für angemessen, so wie ich empört bin, über das was in Syrien passiert oder in der Ukraine, kann ich mich auch empören über das, was in anderen Ländern mit Tieren passiert."

Im Tierschutz bewegt sich was

Tierschutzorganisationen betonen: Nur weil auch in Deutschland "Nutztiere" leiden, sei es nicht in Ordnung, wenn beispielsweise in China Hunde gequält würden, weil ihr Fleisch dann angeblich besser schmeckt. Viele Länder wie China haben übrigens gar kein Tierschutzgesetz - da ist Deutschland dann doch schon weiter.

Stand: 03.10.2016, 11:58