Verkehrskongress in Wuppertal: Vision von autoarmen Städten

Stadtverkehr

Verkehrskongress in Wuppertal: Vision von autoarmen Städten

Von Martin Gent

  • Die meisten Autos stehen nur herum
  • Von Freitag bis Sonntag (10. bis 12.03.2017) fand der Umwelt- und Verkehrskongress in Wuppertal statt
  • Forscher träumt von Städten mit nur noch zehn Prozent der Autos von heute

Im Alltag legt ein Städter durchschnittlich 19 Kilometer zurück und braucht dafür 64 Minuten. Fast 23 Stunden am Tag beansprucht das Pendlerauto knappen Stadtraum in Form eines Stellplatzes. Zahlen, die auf dem 21. Bundesweiten Umwelt- und Verkehrskongress (BUVKO) in Wuppertal, der von Freitag bis Sonntag (10. bis 12.03.2017) präsentiert wurden.

Wundern über die ganz normale Blechflut

Uwe Schneidewind hört im Geiste seine Enkelin beim Betrachten alter Fotos fragen: "Opa, warum hat da niemand was gesagt? Diese ganzen Blechkisten!" Schneidewind ist Präsident des Wuppertal Instituts und entwickelt Konzepte für den Verkehr von morgen. Seins heißt "Faktor-10-Mobilität".

Faktor-10-Mobilität als Geschäftsmodell

Das Ziel ist, die kompletten Mobilitätsbedürfnisse in Städten mit einem Zehntel der Autos zu befriedigen. Eine große Rolle spielen Busse und Bahnen, Zu-Fuß-Gehen und Radfahren. Das private Auto hat in der Vision wenig Platz, motorisierte Fahrzeuge grundsätzlich aber schon.

Wenn das passende Gefährt auf Knopfdruck eigenständig vorfahren kann, braucht es aber zahlenmäßig nur noch zehn Prozent. Vermittelt durch Mitfahr-Apps wären die Mobile gut ausgelastet. "Das ist nicht unrealistisch", sagt Schneidewind, denn das ist auch die "Vision, an der die Digitalstrategen arbeiten". Im "Plattformkapitalismus" würden Unternehmen wie Uber sich jetzt den Markt der Zukunft zu sichern, den Markt der Roboter-Taxis.

Chance für die Vision autoarmer Städte

Städte mit viel weniger Autos, das ist auf dem BUVKO schon lange ein Thema. Der Kongress ist den Verkehrsbürgerinitiativen nahe, kooperiert seit 2009 mit Universitäten und wird unter anderem vom Bundesumweltministerium unterstützt. Warum sollte das mit dem Auto-Schrumpfkurs gerade jetzt, 39 Jahre nach dem ersten Kongress, klappen?

Das Auto von heute ist nicht die Zukunft

Nachhaltigkeitsforscher Schneidewind nennt drei Gründe: Erstens ist seit dem Pariser Klimaabkommen klar, dass fossile Mobilität ein Auslaufmodell ist. "2050, spätestens 2070" seien diese Autos weg, Stichwort Dekarbonisierung.

Zweitens der Wertewandel: Junge, urbane Menschen haben ein nüchternes Verhältnis zum Auto. Sie wollen mobil sein, aber nicht unbedingt Autofahren. Selbst SUV-Fahrer wüssten, dass Geländewagen nicht die Zukunft sind. Und drittens ermögliche die Digitalisierung autonome Autos, erklärt Schneidewind.

Roboter-Taxi mit Lounge-Charakter

VW Sedric

Der VW Sedric kommt ohne Fahrer aus

Auf dem Auto Salon Genf präsentierte VW seinen "Sedric" (self-driving car). Optisch unterscheidet sich deutlich von dem bekannten Google-Ei. Das Konzeptfahrzeug hat kein Lenkrad und bietet auf vis-a-Vis-Bänken viel Platz.

Konkurrenz fürs Auto, Konkurrenz für Bus und Bahn

Roboter-Taxis wie Sedric ersetzen den "teuren" Fahrer durch Technik. Schneidewind kann sich auch Fahrzeuge zwischen Pkw und Bus mit acht bis zehn Plätzen vorstellen. Gute Auslastung, kaum Personalkosten: Das wird billiger als ein "HVV-Ticket", meint der Mobilitätsforscher und verweist auf ein geplantes Hamburg-Projekt der neuen VW-Tochter Moia.

Lebenswerte Städte mit Kultfaktor

Im Sinne der BUVKO-Idee soll Faktor-10-Mobilität Städte lebenswerter machen. "Derzeit versuchen die automobilen Spieler, die Rahmenbedingungen zu gestalten", beobachtet Uwe Schneidewind. Seine Sorge ist, dass allein Technik und Geschäftsmodelle die Zukunft der Städte bestimmen.

Möglicherweise seien wenige Robotertaxis besser als viele Privat-Pkw, aber die Spielregeln diktieren sollten sie nicht. Zu-Fuß-Gehen müssse im Kern der Stadt Priorität haben.

Stand: 13.03.2017, 16:49