Die gesundheitlichen Folgen des Super-GAU

Radioaktivitäts-Warnschild vor Reaktorruine

Die gesundheitlichen Folgen des Super-GAU

Von Matthis Dierkes

Wie viele Menschen durch die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl starben, ist umstritten. Fest steht, dass die Zahl der Schilddrüsenkrebsfälle stark zugenommen hat.

Am Tag der Katastrophe ist der einjährige Andrej Gornjak zu Besuch bei seinen Großeltern. Er spielt draußen, in einem kleinen Kiefernwäldchen. Niemand hier in Gomel ahnt etwas von der Gefahr. Die zweitgrößte Stadt Weißrusslands liegt nur 120 Kilometer Luftlinie vom Kernkraftwerk Tschernobyl entfernt. Auch Tage nach der Katastrophe sind die Bewohner nicht informiert. Am 1. Mai sind besonders viele Menschen auf der Straße, um zu demonstrieren, wie in jedem Jahr.

Hatte Schilddrüsenkrebs, Andrej Gornjak

Mit sechs Jahre an Krebs erkrankt: Andrej Gornjak

Später erfahren die Menschen, dass Gomel besonders stark kontaminiert wurde. Die Angst vor Strahlenschäden nimmt zu. Vor allem die Kinder werden gründlich untersucht. Auch Andrej Gornjak. Als er sechs Jahre alt ist, entdecken die Ärzte bei ihm Schilddrüsenkrebs. Sie schicken ihn nach Minsk, wo er operiert werden soll. „Es war so eilig, dass wir nach Minsk fliegen mussten. Am nächsten Tag war schon die Operation“, erinnert sich Andrej Gornjak.

Krebsursache Jod-131

Schilddrüsenkrebs ist die einzige Krankheit, die sicher mit den Unfall von Tschernobyl zusammenhängt. 1985 gab es in der Region Gomel 1,8 Fälle von Schilddrüsenkrebs pro 100.000 Einwohner. Etwa fünf Jahre nach der Katastrophe stieg die Zahl drastisch an. Heute sind es noch 12,5 Fälle pro 100.000 Einwohner. Ein Auslöser könnte das Trinken von Milch gewesen sein, die mit radioaktivem Jod-131 verunreinigt war. Vor allem Kinder waren betroffen. Ihre wachsende Schilddrüse könnte das Jod wie ein Schwamm aufgesogen haben. Die radioaktiven Teilchen strahlen in der Schilddrüse und belasten damit das umliegende Gewebe.

Gornjaks behandelnde Ärztin, Dr. Inna Kutko

Gornjaks behandelnde Ärztin, Dr. Inna Kutko

Andrej Gornjak muss mehrfach operiert werden. Auch heute noch kommt er jedes halbe Jahr zu einer Kontrolluntersuchung in die Schilddrüsenambulanz in Gomel. Dort prüfen die Ärzte, ob sich Metastasen gebildet haben. Sie nehmen ihm Blut ab und untersuchen ihn mit einem Ultraschallgerät. Damit können sie feststellen, ob sich an der Schilddrüse etwas verändert hat. „Falls ja, machen wir eine Biopsie. Wenn wir dabei bösartige Zellen feststellen, muss noch einmal operiert werden“, sagt die Ärztin Inna Kutko. Auf Andrej Gornjaks Ultraschallbild findet sie heute zum Glück nicht Auffälliges.

Die allermeisten Patienten können Schilddrüsenkrebs überleben. Vorausgesetzt, er wird rechtzeitig erkannt und gut behandelt. Die genaue Ursache lässt sich bei einem einzelnen Patienten aber nicht feststellen. So wird Andrej Gornjak nie erfahren, ob der Krebs bei ihm durch Tschernobyl verursacht wurde.

Viele Arbeiter wurden verstrahlt

Eine Bergungsmannschaft bei Aufräumarbeiten am zerstörten Reaktor während der Nachtschicht (Aufnahme von 1986).

Eine Bergungsmannschaft im geborstenen Reaktor von Tschernobyl während der Nachtschicht

Abgesehen von Schilddrüsenkrebs sind die gesundheitlichen Auswirkungen der Reaktorkatastrophe umstritten. Die genaue Zahl der Todesopfer kennt niemand. Das liegt vor allem daran, dass es keine Grenze nach unten gibt, ab der Strahlung unschädlich ist. Am stärksten betroffen waren ohne Zweifel die Arbeiter, die unmittelbar nach der Havarie am Reaktor eingesetzt wurden. 28 von ihnen starben bald nach ihrem Einsatz an den Folgen der Strahlenkrankheit.

Unterschiedliche Schätzungen zur Zahl der Opfer

Die Schätzungen über langfristige Folgen liegen weit auseinander. Laut einem Bericht der Vereinten Nationen könnten insgesamt bis zu 4.000 Menschen an der Radioaktivität sterben, die bei dem Unfall freigesetzt wurde. Diese Zahl wurde allerdings von Krebsforschern und atomkritischen Gruppen als zu niedrig kritisiert. Greenpeace oder Ärzte gegen Atomkrieg (IPPNW) gehen sogar von hunderttausenden Todesopfern aus. Diese Zahlen hält die Weltgesundheitsorganisation (WHO) wiederum für übertrieben. In den Berechnungen werden auch solche Menschen als potenzielle Opfer mitgerechnet, die nur eine sehr geringe Strahlendosis abbekommen haben und daran sehr wahrscheinlich nicht sterben werden. Solche Studien gehen also oft vom „worst case“ aus.

Die meisten Menschen in den betroffenen Gebieten haben wohl keine körperlichen Schäden davon getragen. Die psychischen Folgen der Reaktorkatastrophe werden dagegen häufig ignoriert. Hunderttausende Menschen mussten nach dem Unfall von Tschernobyl ihre Heimat verlassen, jahrelang mit der Angst leben, Krebs zu bekommen.

Stand: 21.04.2016, 06:00