Brauchen wir eine Müllabfuhr fürs Weltall?

Weltraumschrott, in Ringen um die Erde

Brauchen wir eine Müllabfuhr fürs Weltall?

Etwa 750.000 Müllteile, größer als ein Zentimeter, fliegen permanent durchs All. In Darmstadt beraten 400 Experten über Weltraumschrott. Wir haben mit ESA-Experte Holger Krag gesprochen.

WDR: Herr Krag, Sie sind Abteilungsleiter für Raumfahrtschrott bei der ESA. Woher kommt der Raumfahrtschrott?

Holger Krag: Als Raumfahrtschrott bezeichnen wir alles, was wir als Menschen gebaut und ins All geschickt haben, und was dort nun keine Funktion mehr erfüllt. Die meisten Satelliten etwa verbleiben nach ihrer Mission im Orbit. Aber auch Raketenstufen, Sensorkappen oder Adapter fliegen über uns hinweg. Der Großteil der 6.500 Tonnen Raumfahrtschrott besteht aus Trümmerstücken.

WDR: Wissen wir denn genau, wo sich der Weltraumschrott befindet?

Holger Krag

Holger Krag, ESA-Abteilungsleiter für Weltraumschrott

Krag: Wir kennen die größten 18.000 Raumschrottobjekte und können diese auch ziemlich genau verorten. Diese Teile werden von der Erde aus mit dem Teleskop oder dem Radar beobachtet, weil die Objekte selbst keine Signale mehr senden. Leistungsstarke Überwachungssysteme der USA können Objekte verfolgen, die mindestens die Größe eines Baseballs haben.

Durch eine spezielle Übereinkunft bekommen wir bei der ESA diese Daten mehrmals täglich übertragen und sie auf Ausweichkurse schicken können, um Zusammenstöße zu vermeiden.

WDR: Sie haben Ausweichmanöver erwähnt. Welches Risiko ergibt sich durch Weltraummüll für die Raumfahrt?

Krag: Das Problem ist, dass Weltraumschrott mitunter sehr lange im All bleiben kann, sehr schnell unterwegs ist und keinem Kommando gehorcht. Bei einem Einschlag in einen Satelliten, der noch eine eigene Geschwindigkeit mitbringt, treten im Durchschnitt Aufprallgeschwindigkeiten von 40.000 Stundenkilometern auf. Auf der Erde gibt es gar keinen Maßstab für solche Geschwindigkeiten.

Wir verlieren Satelliten durch Weltraumschrott und erzeugen durch Zusammenstöße zusätzliche Trümmer. Zusätzliche Trümmer können neue Kollisionen nach sich ziehen. Somit könnte es zu Kettenreaktionen kommen.

WDR: Welchen Ausweg gibt es?

Krag: Es gibt zum Glück eine natürliche Kraft, die uns hilft, aufzuräumen, und zwar die Erdatmosphäre. Der Luftwiderstand führt dazu, dass Objekte im All abgebremst werden. In 1.000 Kilometern Höhe ist die Atmosphäre allerdings nicht mehr vorhanden, da bleibt alles für die Ewigkeit.

WDR: Brauchen wir dann nicht eine Müllabfuhr fürs Weltall?

Eine Rakete startet

Was wir in den Orbit schicken, kommt nicht komplett wieder zurück

Krag: Das effektivste ist, den Müll zu vermeiden. Das ist billiger als aufzuräumen. Eine andere Möglichkeit wäre, nicht mehr benutzte Objekte in Richtung der Atmosphäre, also auf 600 Kilometer Höhe, abzusenken. Dort verbleibt der Schrott für nur rund 25 Jahre, ehe er langsamer wird, absinkt und verglüht.

Bei der Konferenz in Darmstadt wird aber auch über Möglichkeiten gesprochen, wie historischer Schrott beseitigt werden könnte, damit es nicht zu Ketteneffekten kommt. Eine aktive Mission, die sich Teile greift, ist hochkomplex. Momentan ist man noch nicht bereit, zig Millionen auszugeben, um sauber zu machen. Trotzdem ist eine solche Mission nicht unwahrscheinlich.

Das Gespräch führte Andreas Sträter

Stand: 17.04.2017, 06:00