Wem gehört die Stadt?

Illustration, Martin Gent

Wem gehört die Stadt?

Von Martin Gent

Zeigt die Dieseldebatte das Scheitern einer autoorientierten Verkehrspolitik? Forscher fordern "Faktor 10"-Mobilität - mit viel weniger Autos und mehr Raum für Menschen und lebenswerte Städte.

Es geht nicht nur um den Diesel und saubere Luft in den Städten. Es geht um die Städte an und für sich. Was hat Priorität: Der Mensch oder das Auto?

Die Frage ist älter als die aktuelle Diskussion um Stickstoffdioxid. 1990 veröffentlichte der Stadtplaner Heiner Monheim das Buch "Straßen für alle. Analysen und Konzepte zum Stadtverkehr der Zukunft". Zeitungen bezeichnen es als Standardwerk. Schon vor 27 Jahren ging es um die Frage, mit welcher Selbstverständlichkeit der Autoverkehr städtischen Raum beansprucht. Wachsender Autoverkehr wird immer noch wahrgenommen wie ein unabwendbares Naturereignis, dass es planerisch zu beherrschen gilt.

Jenseits der Windschutzscheibenperspektive

Städte und Planer beugen sich dem "Verkehrsdruck" - ausgelöst durch Menschen, die immer mehr und immer größere Autos kaufen und daraus den Anspruch ableiten, mit ihrem Vehikel jederzeit und überall fahren zu können.  Aber offenbar blicken Viele nicht mehr allein aus der Windschutzscheibenperspektive auf ihre Stadt.

Bemerkenswertes stand im Mai 2011 in der ADAC-Clubzeitschrift, die den schönen Namen "Motorwelt" trägt. "Platz da, für alle!" war der Artikel überschrieben. Schon der erste Satz deutet auf einen Sinneswandel im Autoclub: "Die Deutschen haben 42 Millionen Autos, aber 73 Millionen Fahrräder." Drei Jahre später ließ das Umweltbundesamt untersuchen, wie umweltbewusst die Deutschen sind: 82 Prozent der Befragten waren "dafür, Städte und Gemeinden gezielt so umzugestalten, dass man kaum noch auf ein Auto angewiesen ist".

Und vor wenigen Wochen fragte Emnid im Auftrag von Greenpeace mehr als 3.000 Personen, ob sie in Stadtteilen mit besonders schlechter Luftqualität ein Fahrverbot für Dieselfahrzeuge mit hohem Schadstoffausstoß für richtig halten. 61 Prozent der Befragten befürworteten solche Fahrverbote.

Grüne Welle für Autos ...

Mit der aktuellen Kampagne "Erober dir die Straßen zurück" könnte der Verkehrsclub Deutschland den Nerv der Zeit treffen. Die Botschaft des VCD: "Wann ist eine Stadt lebenswert? Wenn Sie den Bedürfnissen der Menschen entspricht. Erobern wir uns die Straßen als öffentlichen Raum für Menschen zurück!"

Die Autolobby ficht all das nicht an. Jedes zusätzlich verkaufte Auto wird als Erfolg gefeiert. Dabei fragt - angesichts des 2016er Zulassungshochs - selbst Auto BILD: "Wohin mit all den Autos?". Das Rezept des Automobilverbandes VDA gegen zu viel Dreck in der Luft lautet "Grüne Welle". Das aber würde eine weitere Privilegierung des verursachenden Autoverkehrs bedeuten. Denn eine grüne Welle für Autos bedeutet fast immer längere Rotzeiten für den umweltfreundlichen Verkehr, also Bus und Bahn, Fußgänger und Radfahrer.

... oder 90 Prozent weniger städtische Autos?

Uwe Schneidewind, Präsident des Wuppertal Instituts und Umweltberater der Bundesregierung, setzt eine andere Idee dagegen:  eine Stadt mit viel, viel weniger Autos. Er nennt das "Faktor 10"-Mobilität. Im urbanen Raum (so formulieren Wissenschaftler) soll es nur noch 10 Prozent der heutigen Autos geben. Ein spannender Beitrag in einer langen Diskussion.

Hier schreibt Martin Gent, Redakteur und Reporter in der WDR-Wissenschaftsredaktion. Als Mobilitätsexperte ist er stets auf der Suche nach Perspektiven für den Verkehr von morgen.

Stand: 03.03.2017, 08:40